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Medien & TV Vor 40 Jahren begann Watergate
Nachrichten Medien & TV Vor 40 Jahren begann Watergate
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10:40 16.06.2012
Von Stefan Koch
Helden des Journalismus: Carl Bernstein (links) und Robert Woodward im Jahr 1973.
Helden des Journalismus: Carl Bernstein (links) und Robert Woodward im Jahr 1973.
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Washington

Wenn Präsident Barack Obama und sein Herausforderer Mitt Romney im Wahlkampf ihre privaten Steuererklärungen veröffentlichen und die politischen Parteien Auskunft über jeden einzelnen Dollar geben, den sie als Wahlkampfhilfe erhalten, ist das letztlich einem ganz konkreten Datum geschuldet: Am 17. Juni 1972 nahm die Watergate-Affäre ihren Lauf. Sie sollte die politische Kultur der USA grundlegend verändern.

Ein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt, das Verbrechen anordnet; Minister, die Banden gründen, um den politischen Gegner auszuspionieren; Sicherheitsberater, die dringend davor warnen, die Wahrheit öffentlich zu machen – so mancher Amerikaner hätte bis zum Sommer 1972 nicht geglaubt, dass so etwas im eigenen Land möglich ist. Doch mit der Ära von Richard Nixon und den innenpolitischen Folgen des Vietnam-Krieges gerieten viele Gewissheiten in der mächtigsten Demokratie der Welt ins Wanken.

Alles begann an diesem schicksalshaften Tag mit dem Anruf eines Nachtwächters bei der Polizei. Wenig später, um 2.30 Uhr, nahmen die Beamten fünf überaus gut gekleidete Einbrecher in dem berühmten Gebäudekomplex fest, der direkt am Potomac unweit des Weißen Hauses liegt. In dem Appartementhaus unterhielt die demokratische Partei damals ihre Wahlkampfzentrale. Schnell stellte sich heraus, dass die Bande nicht auf Beute aus war, sondern Abhörwanzen in den Büros der Opposition installieren und Dokumente fotografieren wollte. Bis heute gilt diese Tat als rätselhaft, da Amtsinhaber Nixon in den Umfragen weit vorn lag und Eskapaden dieser Art für den Wahlsieg eigentlich gar nicht nötig hatte.

Dank der hartnäckigen Recherchen der „Washington Post“-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward folgte den Festnahmen eine ganze Enthüllungsserie, die zwei Jahre später zu dem bisher einzigen Präsidentenrücktritt führte, den die USA erlebten. Zunächst spürten die Journalisten einem mysteriösen 25.000-Dollar-Scheck nach, den einer der Täter bei sich trug. Später gewannen die Autoren einen Informanten aus der Führungsspitze des FBI, den sie „Deep Throat“ nannten. Erst 2005 wurde bekannt, dass es sich dabei um Mark Felt handelte, den damaligen Vizedirektor der Bundespolizei.

Kurz vor dem 40. Jahrestag der Watergate-Affäre machen die beiden Helden des investigativen Journalismus nun wieder von sich reden. Die mittlerweile altgedienten Reporter und Bestsellerautoren werfen dem damaligen Präsidenten vor, insgesamt fünf „Watergate-Kriege“ geführt zu haben – gegen die Antikriegsbewegung, gegen die Justiz, gegen die Medien, gegen die Demokratie und gegen die Geschichte. Beim Gegner einzubrechen und ihn gezielt zu diskreditieren habe unter diesem Staatsoberhaupt „System“ gehabt.

Woodward, mittlerweile 69 Jahre und ergraut, ist so scharf in seinen Analysen wie eh und je. Das stellte der Pulitzer-Preisträger kürzlich auch im „Newseum“ unter Beweis, einem Washingtoner Museum für die Geschichte des Journalismus: Sein Urteil über Nixon fällt geradezu vernichtend aus – man könne durchaus von einem kriminellen System sprechen. Letztlich sei es aber nicht allein um den US-Wahlkampf gegangen, sondern um den Vietnam-Konflikt. Nixon, und da decken sich die Journalisten-Meinungen mit den Einschätzungen von Historikern, habe den Konflikt in Südostasien zunächst nicht aufgeben wollen. Zeitweilig habe er sogar mit dem Gedanken gespielt, kleinere Atombomben einzusetzen. Dann wollte der „Commander in Chief“ mit einem verschärften Einsatz der Luftwaffe das Ruder in diesen Kämpfen herumreißen. Kurioserweise war es ausgerechnet Nixon, der die US-Soldaten aus Südostasien zurückholte. Zu den positiven Seiten seiner fünfjährigen Regierungsbilanz zählen sicherlich auch die ersten Initiativen zur atomaren Abrüstung und erste diplomatische Kontakte zur kommunistischen Führung in Peking.

Und doch hat sich der 37. Präsident nach Meinung von Bernstein und Woodward an der amerikanischen Demokratie versündigt. 40 Jahre nach der Affäre sind viele Regierungsdokumente öffentlich zugänglich, und die beiden Reporter haben sich in den vergangenen Monaten noch einmal in die Nixon-Ära eingelesen. Ihr Fazit: „Es war alles viel schlimmer, als wir damals dachten.“ Schon Jahre vor „Watergate“ habe sich Nixon auf kriminelle Machenschaften eingelassen. Mehr noch: Recht und Gesetz zu brechen gehörte nach Ansicht der beiden Journalisten zur „Lebensform“ im Weißen Haus. Am 9. August 1974 trat der Präsident zurück, nur einen Monat später wurde er von seinem Nachfolger Gerald Ford begnadigt. Auch das ist für die beiden Reporter unfassbar.

Karsten Röhrbein 15.06.2012
15.06.2012
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