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07:22 21.11.2014
Versteckspiel: Hans Scholz (Herbert Knaup, l.) hält ein kleines Mädchen im Arm, doch Kioskbesitzer Wenzel (Thomas Thieme) glaubt nicht, dass es Scholz’ Enkelkind ist.
Versteckspiel: Hans Scholz (Herbert Knaup, l.) hält ein kleines Mädchen im Arm, doch Kioskbesitzer Wenzel (Thomas Thieme) glaubt nicht, dass es Scholz’ Enkelkind ist. Quelle: ARD
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Darf man das? Ein Baby seine Milch aus einer Bierflasche trinken lassen? „Das geht doch nicht!“, das sieht selbst Hans Scholz (Herbert Knaup) ein. Der Arbeitslose hat den Säugling in einem Müllcontainer vor seinem Haus gefunden und will ihn versorgen – aber in seiner verwahrlosten Wohnung hat Hans für die Babymilch eben nur eine Bierflasche.

Der Mann mit dem schlabbrigen Trenchcoat hat auch sonst nicht viel: kein Geld, keine Freunde, keinen Antrieb. Er lebt in einer dreckigen Anderthalbzimmerwohnung, die das Jobcenter bezahlt. Er raucht, trinkt, war mal auf der Straße und hat neben der Körperpflege auch sich selbst vergessen. Da kommt ihm das kleine Mädchen aus dem Container gerade Recht, Felizia nennt er es, „weil sie so viel Glück hatte“. Oder vielleicht, weil er selbst mit diesem Findelkind so viel Glück hatte? Denn für den Säugling, den eine junge Mutter achtlos hingelegt hatte, macht Hans wieder etwas aus seinem Leben: Er entrümpelt seine Wohnung, rasiert sich, wacht wieder auf. Den Kontakt zu seiner eigenen Familie hat er seit Langem verloren, nachdem er seine Frau betrogen hatte. Auch seine Tochter Hanna lehnt ihn ab, und so wird sein Leben lediglich von Zufallsbekanntschaften flankiert: dem Kioskbesitzer Wenzel (Thomas Thieme) etwa oder seinen iranischen Nachbarn.

Scholz will das Kind unbedingt behalten und großziehen, will seinen neuen Lebensinhalt nicht aufgeben. Vor allem aber: Er will denselben Fehler nicht noch einmal machen wie mit seiner Familie. Doch er erfährt aus dem Fernsehen, dass die Mutter vorgibt, sie habe das Kind getötet. Sie sitzt in Untersuchungshaft, und Scholz quält ein Dilemma: Wenn er das Kind nicht zurückgibt, gilt es als tot, und die Mutter wird verurteilt.

Das SWR-Drama „Glückskind“ unter der Regie von Michael Verhoeven ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Steven Uhly. Es war der Eröffnungsfilm des neuen Internationalen Filmfests Potsdam Anfang Oktober dieses Jahres.

Der Stoff greift das bekannte Motiv von familiären Brüchen und der Frage nach der Möglichkeit einer zweiten Chance auf ungewöhnliche Art auf. Es löst Beklemmung und Mitleid aus, wie verzweifelt sich Scholz an das Kind klammert, das nicht das seine ist. Der Säugling rüttelt den Mann auf, ihm werden durch das Mädchen seine Fehler von damals wieder bewusst. Er spürt in der Verantwortung für das kleine Kind dieselbe Verantwortung, die er früher für seine Tochter hätte verspüren sollen, aber nie übernahm. Es berührt, wie Scholz durch Felizia die Erinnerungen an seine eigene Tochter wieder zulassen kann – und die dazugehörigen Gefühle.

Knaup spielt Hans Scholz mit einer ruppigen Sensibilität und zeigt ihn als Gescheiterten, mit dem man mitfühlen muss. Knaup und Thomas Thiemes Figur des Kioskbesitzers Wenzel haben eine ungewöhnliche Art der Männerfreundschaft, die ein trauriges Thema verbindet: Man ist noch da, weiß aber nicht so recht, warum. Der Film erzählt in wohlüberlegten Bildern vom Sichaufgeben, das in Selbstaufgabe für andere mündet. Scholz tut am Ende alles, um die junge Mutter zu schützen. „Sie haben eine zweite Chance verdient!“, sagt er und meint damit auch sich selbst. Er hat Glück: Am Ende schafft er es, sich eine Brücke zu seiner Tochter zu bauen.

Von Sabrina Mazzola

Fernsehtipp

„Glückskind“ / Drama / Arte / Freitag, 20.15 Uhr

20.11.2014
18.11.2014