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Medien & TV So wird der neue Köln-Tatort
Nachrichten Medien & TV So wird der neue Köln-Tatort
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21:14 17.04.2015
Von Imre Grimm
Schachmatt? Der schmierige Unternehmer Ralf Trimborn (Armin Rohde, l.) bekommt unerwarteten Besuch von Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär).
Schachmatt? Der schmierige Unternehmer Ralf Trimborn (Armin Rohde, l.) bekommt unerwarteten Besuch von Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär). Quelle: ARD
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Hannover

Die Sache hört sich erst mal an wie Folge 4651 von „Verbotene Liebe“: Laura hatte was mit Erik, dann aber hat Eriks Kumpel Olli dem Erik die Laura voll gemein ausgespannt, was wiederum die blonde Maren ganz doll doof findet, die selber in den schönen Olli verschossen ist, der aber jetzt leider tot ist, worauf dann die Kommissare Max und Freddy .

Blitzgescheiter Kleinganove

Was ist hier los? „Berlin - Tag & Nacht“? „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“? Im verwirrenden Treiben geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit betätigen sich die Kölner Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) zunächst mal als Paartherapeuten. Der Kneipenwirt Olli, Besitzer des Szeneladens „Sax Club“, ist ermordet worden. Seine Freundin Laura (Alice Dwyer) hat ihn gefunden, und schnell gerät Erik Trimborn (Ludwig Trepte) unter Verdacht, der Laura liebt und leicht einen an der Waffel hat. Mord aus Eifersucht? Aber dann tritt Eriks Vater auf den Plan, und was Armin Rohde da abliefert als schmieriger, scheißfreundlicher, diabolischer, grundaggressiver, blitzgescheiter Kleinganove Ralf Trimborn, das gehört zu den stärksten Szenen in diesem soliden „Tatort“.

Tief in der Sinnkrise

Freddy Schenk allerdings fühlt sich zu alt für diesen Scheiß: Gerade erst haben ihn nachts, als er schlaflos durch Köln streifte, zwei jugendliche Huckedusters mit seinen eigenen Handschellen an eine Laterne gefesselt. Schnauze voll. Außerdem steckt er noch immer tief in der Sinnkrise („Schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?“) und geht seinen Mitstreitern mit spontanen Alleingängen und erratischem Verhalten schwer auf die Nerven.

Dabei würde ein fitter Freddy dringend gebraucht: Vater und Sohn Trimborn schweigen eisern und kletten aneinander wie Siegfried und Roy, nur ohne Tiger. Der klammernde Alte, gerade aus dem Knast entlassen, schafft es mit Gewalt und Tücke, die halbherzigen emanzipatorischen Bemühungen des Sohnes zu unterlaufen. Der Vater des toten Kneipenbesitzers Olli, Jürgen Mohren (Jochen Nickel), schuldet Ralf Trimborn Geld. Nun verkauft Mohren den Laden seines toten Sohnes und ist wieder flüssig. Hat Ralf Trimborn, der alte Fuchs, die Eifersucht seines Sohnes für eigene Zwecke ausgenutzt? Oder hat er sich an Oliver im Namen seines Sohnes gerächt? Ist Blut wirklich dicker als Wasser, oder ist in Geldfragen eh alles wurscht?

Wichtiger als die Tat ist das Motiv

Regisseur Kaspar Heidelbach inszenierte bisher zwölf Ballauf/Schenk-„Tatorte“, darunter auch den allerersten vor 18 Jahren. Mit Drehbuchautor Norbert Ehry gräbt er sich tief ein in die düsteren Geheimnisse einer Familie, die von Schuldgefühlen, Abhängigkeiten und Grausamkeiten beherrscht wird. Schlicht und geradeaus erzählt er einen Fall, der allein vom Spiel seines erfahrenen Personals getragen wird. Mehr Action als ein klingelndes Telefon gibt‘s hier nicht. Wichtiger als die Tat selbst ist das Motiv in diesem Krimi, der sich kunstvoll steigert.

Ballauf und Schenk wirken im „Tatort“-Universum inzwischen wie das letzte Team, das einfach seine Arbeit macht. Musik, „Da-dah, da-dah ...“, jemand ist tot, zwei kümmern sich, Abspann, Ende. Ohne Dönekens. Ohne plüschigen Firlefanz. Ohne zweite, dritte, vierte Ebene. Ohne verstrahlte Tarantino-Optik und Drehbücher mit der Gagdichte von Stand-up-Comedy. Ballauf und Schenk sind das Gersterbrot des Sonntagskrimis.

Grenzenloser Weltekel

Die Kölner Buddys wirken freilich wie ein vor sich hin stagnierendes Ehepaar, das nur noch die Gewohnheit und Faulheit zusammenhalten, seit die Kinder aus dem Haus sind (oder in diesem Fall: Assistentin Franziska). Kälter als in der Beziehung der beiden franziskalosen Dickschädel ist es nur noch im Ehebett von Pamela Anderson. Schenk schlurft müde durch den Fall, als ob er sich morgen einen Jaguar kauft und verzweifelt die Freundinnen seiner Tochter anflirtet. Sein grenzenloser Weltekel ist fast anstrengend. Irgendwann knallt er Marke, Waffe und Ausweis auf den Tisch und verschwindet. Der neue Vizebulle Tobias (Patrick Abozen) blickt verwirrt und müht sich redlich. Aber diese beiden Gnatzköppe wieder in die Spur zu bringen wird schwierig.

Es ist das Abendrot einer Fernseh-Ehe. Und am Schluss gibt‘s schon wieder keine gemeinsame Currywurst am Rhein. Wieder so ein Indiz dafür, dass Max und Freddy selbst dringend zum Paartherapeuten müssten.

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