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Medien & TV Neue TV-Reihe über Rollenklischees auf 3sat
Nachrichten Medien & TV Neue TV-Reihe über Rollenklischees auf 3sat
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19:36 24.11.2010
„Frau Kuttner & Herr Kavka“
„Frau Kuttner & Herr Kavka“ Quelle: 3sat
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Sarah Kuttner und Markus Kavka sind Kinder des Musikfernsehens. Kavka (43) hat sich bei MTV einen Ruf als abgeklärter Pop-Onkel mit Hang zur Denkpause erarbeitet. Kuttner (31) ging in ihrer eigenen Show erst bei Viva, dann bei MTV als die Frau in die Annalen der TV-Geschichte ein, die schneller spricht als ihr Schatten. Für 3sat hinterfragen beide in der neuen vierteiligen Reihe „Frau Kuttner & Herr Kavka“ geschlechtsspezifische Stereotype. Klingt kompliziert, ist aber lustig – Start ist am Donnerstag um 22.25 Uhr.

Sarah, du bist bekannt dafür, dass du gerne austeilst. Wie fühlt es sich an, wenn man mal was auf die Nase bekommt?

Kuttner: Das ist sicher eine Anspielung darauf, dass ich für die neue 3sat-Reihe über Rollenklischees gegen Weltmeisterin Ina Menzer geboxt habe. Die gute Frau hat natürlich dafür gesorgt, dass ich nichts auf die Fresse gekriegt habe. Darum ging es ja auch nicht, sondern darum, Boxtechniken zu lernen.

Für die 3sat-Reihe über Rollenklischees hast du auch gestrippt oder eine Nacht lang im Kloster geschwiegen. Was war schwieriger?

Kuttner: Strippen. Schweigen ist einfach.

Auch für dich?

Kuttner: Ja, klar. Ich kenne dieses Vorurteil, das hat einen langen Bart. Es ist nun mal mein Beruf zu reden. Man kann einem Metzger auch nicht vorwerfen, dass er Fleisch zerteilt. Abends macht er was anderes. Insofern ist es mir auch nicht schwergefallen, die Nacht im Kloster zu schweigen. Man macht die Augen zu und schläft.

Warum war Strippen schwieriger?

Kuttner: Weil ich nicht sicher war, wie ich das umsetzen wollte – ernsthaft oder überdreht ironisch. Das eine wäre mir viel zu intim gewesen, das andere zu einfach. Am Ende habe ich vor Schreck eine unbefriedigende Mischung gemacht. Mir war das einfach sehr unangenehm.

War das das Ziel dieser Rollenspiele: dem Zuschauer zu zeigen, was passiert, wenn man versucht, eine Rolle auszufüllen, die gar nicht zu einem passt?

Kuttner: Stimmt. Es geht darum, Sachen zu testen, die nicht typisch für uns sind, die Männern und Frauen aber auf die Mütze geschrieben sind. Daran zu scheitern, das fanden wir spannend.

Markus, wie hat dir die strippende Sarah gefallen?

Kavka: Gar nicht. Das ist ja so das klassische Vorurteil: Man(n) muss einmal im Puff gewesen sein oder wenigstens einmal in der Strippbar. War ich nicht, weil ich das total unsexy finde.

Kuttner: Es spricht ja überhaupt nichts dagegen, sich vor dem Partner auszuziehen. Aber in meiner Welt reichen dafür auch minimalistische Bewegungen und ein schwarzer Baumwollschlüpper. String­tangas durch die Beine durchzuziehen und Federboas durch die Luft zu wirbeln, das turnt voll ab.

Markus, du hast für die Serie Cowboy gespielt und Unterricht bei einer Tangotänzerin genommen. Die Männer ringen gerade um ihr Selbstverständnis. Der Macho ist out, das Weichei war nie richtig in. Wo stehst du?

Kavka: Ich wusste lange nicht, wie ich mich positionieren sollte. In den neunziger Jahren habe ich als Gothic-Freak viel ­Make- up aufgetragen. Damals wollte ich meine Freundin glücklich machen und habe dafür auf einiges verzichtet. Ab einem gewissen Punkt war ich dann für die Frau aber nicht mehr interessant. Heute habe ich eine Beziehung, in der ich meinen Freiraum bewahren kann. Ich glotze auch mal drei Tage hintereinander die Champions ­League im Fernsehen. Dafür gucke ich im Kino auch mal „Sex and the City, Teil II“.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Kuttner: Ich finde entscheidend, dass man mit sich selber im Reinen ist. Dass die eigenen Bedürfnisse und die des Partners beachtet werden. Ein Mann darf sich nicht aufgeben, um seiner selbst willen nicht und auch, weil Frauen daran gar kein Interesse haben.

In der Serie wirkt ihr fast wie ein verliebtes Paar.

Kuttner: Wir kennen uns ja auch schon seit acht Jahren. Vermutlich sollten wir irgendwann mal heiraten (lacht).

Teilt ihr die Einschätzung von Alice Schwarzer, dass Frauen immer noch das unterdrückte Geschlecht sind?

Kavka: Na ja, es ist erwiesen, dass Frauen weniger verdienen und nicht so oft in Spitzenpositionen sitzen wie Männer. Von Gleichberechtigung kann keine Rede sein.

Sarah, als Moderatorin bei Viva und MTV hast du die Hoffnung genährt, da wachse eine neue Generation von frechen, selbst­bewussten TV-Frauen heran. Wo ist die Aufbruchstimmung geblieben?

Kuttner: Ich glaube schon, dass sie noch da ist. Deswegen hat jemand wie Lena Meyer-Landrut den Grand Prix gewonnen. Weil sie auf natürliche Art hübsch ist und einen Knall hat. Weil sie sagt, was sie denkt. Aber vielleicht gibt es nicht so viele von ihrer Sorte. Und trotz eines Bedürfnisses nach solchen Typen ist Fernsehdeutschland immer noch ängstlich und engagiert doch lieber die Stromlinienförmigen, weil die mehr Leute ziehen.

In einem Interview hast du neulich gesagt, den neuen Sarah Kuttners wünschst du „steinharte Eier in der Hose“. Kann es sein, dass das Fernsehen Geschlechterklischees doch eher zementiert?

Kuttner: Nein, diese steinharten Eier sind ja nur eine Metapher für die Fähigkeit, sich durchzuboxen. Du hast im Fernsehen lange Durststrecken, und du kriegst Sachen angeboten, die zwar gut bezahlt werden, die aber großer Mist sind. Und um die abzulehnen, brauchst du harte Eier. Am Ende willst du ja stolz sein auf das, was du gemacht hast.

Interview: Antje Hildebrandt