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Medien & TV Lohnt sich der „Tatort“ aus Kiel?
Nachrichten Medien & TV Lohnt sich der „Tatort“ aus Kiel?
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17:51 03.03.2019
Im Federsturm: Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine neue junge Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) ermitteln in einem ausgefallenen Mordfall. Quelle: Foto: Christine Schroeder/NDR
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Kiel

Vor gut 90 Jahren hat der Frankfurter Journalist Siegfried Kracauer einen Aufsatz über die Soziologie des Films geschrieben, der bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. Er heißt „Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino“ und analysiert das Muster gängiger Filme als moralische Sittenlehre: Einerseits seien die Geschichten die „Tagträume der Gesellschaft“, andererseits sorgten sie dafür, dass bestimmte gesellschaftlich erwünschte Haltungen immer wieder aufs Neue bestätigt werden.

Sascha Arango kennt diesen berühmten Aufsatz garantiert; zumindest wirkt „Borowski und das Glück der Anderen“, als habe er Kracauers Thesen in eine „Tatort“-Handlung überführen wollen. Abgesehen davon steht ohnehin kein anderes Genre so sehr für die Wiederherstellung der Ordnung wie der Krimi.

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Eine Kassiererin dreht durch

Zentrale Figur der Handlung ist das heutige Pendant zu Kracauers Ladenmädchen: Supermarktkassiererin Peggy (Katrin Wichmann) beobachtet eines Abends, dass das Ehepaar Dell im Haus gegenüber offenbar etwas zu feiern hat. Weil unmittelbar zuvor im ersten Programm verkündet worden ist, dass jemand den mehrere Millionen Euro schweren Jackpot einer norddeutschen Lotterie geknackt habe, ist sie überzeugt, dass die Dells die Glücklichen sind.

Als der Gewinn am nächsten Tag nicht abgeholt wird, bricht Peggy in das Haus der Nachbarn ein, um den Lottoschein zu suchen. Dabei wird sie vom Hausbesitzer überrascht. Und weil sich der Mann über sie lustig macht, erschießt sie ihn mit seiner eigenen Pistole, die sie im Nachttisch gefunden hat.

Sieben Schüsse – ein „Overkill“

Sie gibt sieben Schüsse ab; Kriminologen sprechen in solchen Fällen von einem Overkill als Zeichen einer lange aufgestauten Wut. Die Polizei verhaftet jedoch Ehefrau Victoria (Sarah Hostettler).

Schon der Auftakt dieses Krimis aus Kiel verdeutlicht, dass Grimme-Preis-Träger Arango („Der letzte Kosmonaut“) ein ganz spezieller Film vorschwebte. Das Glück der anderen führt Peggy nachdrücklich vor Augen, wie wenig glücklich ihr eigenes Dasein ist; trotz ihres Eigenheims und eines Gatten (Aljoscha Stadelmann), der zwar nicht sonderlich ehrgeizig wirkt, aber seiner Frau ein guter Ehemann zu sein scheint.

Im Gegensatz zu Peggy ist der brave Elektriker Micha mit seinem Leben vollauf zufrieden und will gar keine Ferien für immer; das stachelt Peggy womöglich erst recht dazu an, am nächsten Tag diese unerhörte Tat zu begehen.

Die Neue hilft beim großen Coup

Für Andreas Kleinert („Klemperer – Ein Leben in Deutschland“) ist „Borowski und das Glück der Anderen“ ein eher ungewöhnlicher Stoff. Der Dramenregisseur, gleichfalls mit mehreren Grimme-Preisen geehrt (unter anderem für das berührende Alzheimerdrama „Mein Vater“), dreht immer wieder Krimis; komische Momente enthalten seine Filme jedoch eher selten.

Auch der erste Auftritt des Ermittlerduos ist grotesk: Eigentlich wollen Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Sahin (Almila Bagriacik) in einem Hotel einen Zeugen vernehmen, aber weil sie sich in der Zimmertür irren, bringen sie unbeabsichtigt einen international schon seit Jahren gesuchten Gangster zur Strecke. Später überredet die junge Kollegin ihren Chef, sich bei einer Wohnungsbesichtigung als Lebensgefährte auszugeben. Szenen wie diese haben großen Anteil daran, dass Almila Bagriacik bereits bei ihrem zweiten Auftritt an der Seite von Axel Milberg mehr als nur die Nachfolgerin von Sibel Kekilli ist.

Die an der Kasse sieht man nicht

Schauspielerisch sind Kleinerts Filme ohnehin immer herausragend. Gerade Katrin Wichmann ist als Kassiererin sehr glaubwürdig, zumal das Schicksal dieses Berufsstands realistisch geschildert wird. Peggy klagt darüber, dass sie für die Kunden quasi unsichtbar sei. Auch Victoria Dell erkennt sie nicht, als die Kassiererin vor ihrer Haustür steht, obwohl sie regelmäßig in dem Supermarkt einkauft.

Gegen Ende treibt der Film seine Geschichte allerdings etwas auf die Spitze; Peggy muss für ihren Ausbruch aus der gewünschten Ordnung einen bitteren Preis bezahlen. Auch zuvor hat Arango die Plausibilität der Geschichte geopfert. Dass die Kassiererin angesichts der Freude im Nachbarhaus sofort an den Lottogewinn denkt, sagt natürlich vor allem etwas über ihre eigenen Wünsche aus. Aber die Vorstellung, dass im Sendegebiet des NDR abends selbstredend in jedem Haushalt das Erste läuft, ist irgendwie rührend.

Von Tilmann P. Gangloff