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Nachrichten Medien & TV Der Mensch als Teil des Netzes
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08:15 21.03.2015
Von Dirk Schmaler
Intelligente Kühlschränke sollen den Alltag erleichtern.
Intelligente Kühlschränke sollen den Alltag erleichtern. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Hannover

Sonnabendmorgens, Frühstückszeit. Millionenfach im Land werden die Tische gedeckt. Butter, Milch, Brötchen und Aufschnitt stehen zwischen Kaffeetassen. Der Toaster röstet ein paar Brote, die Zeitung wird herumgereicht, das Radio dudelt. Frühstücken gehört seit jeher zu den Dingen, die vom technischen Fortschritt nicht so leicht zu beeindrucken sind. Zumindest bisher.

Doch etwas Bedeutsames ändert sich gerade in dieser Welt. Es könnte gut sein, dass schon in ein paar Jahren ein gewöhnliches Familienfrühstück für einen ähnlichen Datenstrom sorgt, als würde man sich über das Internet einen Kinofilm ansehen. Man stelle sich einmal vor, dass alle Dinge, die Sie im Raum sehen, unsichtbar mit dem Internet verbunden sind. Der Toaster, der Kühlschrank und der Brotkorb registrieren genau, wie viele Nahrungsmittel verbraucht werden – und setzen die ausgehenden Waren automatisch auf den Einkaufszettel. Die Gabel registriert, wer wie viel isst, und gleicht die Daten mit dem aktuellen Fitnessprogramm ab, das das Sensorenarmband am Handgelenk anhand der Körperfunktionen ständig neu errechnet. Wer zu schnell isst, bekommt einen Hinweis per Vibration. Es könnte sogar sein, dass sich der Toaster weigert, weitere Toasts zu rösten, ehe der Vielesser eine Runde um den See gelaufen ist. Oder dass die Zahnbürste im Badezimmer laut piepst, bis man sie ordnungsgemäß benutzt hat. Ein Sensor hat über Nacht gemessen, wie fest Sie geschlafen haben – und errechnet nach durchzechter Nacht nicht nur die optimale Stärke und den Koffeingehalt des Kaffees, sondern sucht gleichzeitig im Terminkalender nach Möglichkeiten zum nötigen Mittagsschlaf.

Der Mensch wird bei all dem nicht mehr gefragt. Er hat sich in die Hand der Maschinen gegeben, die anhand von Internetdatenbanken, Wahrscheinlichkeiten, Interessen und unzähligen Sensordaten Entscheidungen oder zumindest Empfehlungen errechnen. Willkommen im Internet der Dinge! In einer Welt, die den Schutz persönlicher Daten hinter sich gelassen hat.

Nun ist es nicht so, dass die ganze Welt auf internetfähige Kühlschränke oder nervende Zahnbürsten gewartet hätte. Aber all diese Produkte gibt es schon. Man kann sie kaufen. Und eine milliardenschwere Branche arbeitet mit viel Ehrgeiz und geradezu messianischem Eifer daran, sie massentauglich zu machen. Soeben hat die Branche auf der Computermesse Cebit deutlich gemacht, dass die Vernetzung der Welt „keine Spielerei“ mehr sei, sondern längst ein neuer, mächtiger Megatrend. Mit jeder Neuanschaffung wird das „Internet of Things“ ein Stück realer. Wer einmal versucht hat, einen Fernsehapparat ohne Internetanschluss zu kaufen, versteht die Methode. Es ist eine Revolution, die kaum sichtbar ist – und doch mit großen Schritten in den Alltag eindringt, in die Arbeitswelt, in die Wirtschaft, aber eben auch in die Küche. Die Unscheinbarkeit ist gewissermaßen Programm. Manche sprechen schon vom „Ambient Internet“, einem Internet also, das uns so selbstverständlich und allgegenwärtig umgibt wie die Luft.

Vorreiter Logistik

Hier fing es an: In kaum einem Wirtschaftszweig ist die Vernetzung der Maschinen untereinander so weit fortgeschritten wie in der Logistik. In modernen Containerhäfen wie in Hamburg oder Hongkong etwa kann man schon seit vielen Jahren besichtigen, wie Gabelstapler ohne Fahrer mit großer Präzision und vollautomatisch Container per GPS-Peilung lagern, Schiffe beladen und entladen. Computerprogramme aus aller Welt errechnen untereinander Kapazitäten, erstellen Zeitpläne und Abläufe, um den weltweiten Warenverkehr reibungslos am Laufen zu halten. Auch in modernen Versandhäusern werden Waren schon heute von Robotern automatisch aus dem Regal geholt und sind für den Kunden bis zur Ablieferung an der Haustür nachverfolgbar. Auch in der Produktion, in modernen Fabriken, sind untereinander kommunizierende Maschinen schon heute nicht mehr wegzudenken.  

Das vernetzte Haus

Die nächste Bastion, die das „Internet der Dinge“ erobern soll, ist der Haushalt. Schon heute kommt in den eigenen vier Wänden  das Internet nicht mehr nur aus dem Computer. Wer nach Alltagsprodukten sucht, die sich mit dem Internet verbinden lassen, findet bereits eine große Auswahl im Angebot. Etwa intelligente Thermostate, die durch Sensoren für Bewegung, Licht und Temperatur die Gewohnheiten der Hausbewohner genau studieren und so automatisch vorempfinden, wie warm es wann in welchem Zimmer sein sollte. Das Online-Kaufhaus Amazon hat eine eigene Abteilung für „intelligentes Gesundheits- und Körperpflegemanagement“ eingerichtet. Es gibt Rasierer, die sich selbst Klingen bestellen, Internetzahnbürsten, Waagen, die das Gewicht automatisch in die Cloud hochladen und analysieren, Wecker, die den Schlaf beobachten, Kühlschränke, die sich selbst Nachschub ordern, und Garagentorsteuerungen oder Sicherheitssysteme, die sich per Internet fernsteuern lassen. Das alles kann Vorteile haben – etwa zum Stromsparen oder, wenn es denn nötig sein sollte, auch zur kontrollierten Körperpflege. Doch auch die Skepsis gegenüber derartigen Diensten ist groß. Sie machen das Heim nicht nur „intelligenter“, sondern sie schaffen sie gewissermaßen ab. Alles, was darin geschieht, wird registriert, analysiert und in die Welt geschickt.
Internetkonzerne spekulieren beim „Internet der Dinge“ auf zweierlei: Den Verkauf von intelligenten Geräten – und auf neue, besonders ergiebige Nutzerdaten. Letztere sind in der Digitalwirtschaft bares Geld wert – und für die Entwicklung neuer Dienste wichtig. Der Chef des Branchenverbandes Bitcom, Dieter Kempf, flankiert die neuen Angebote mit politischen Forderungen. „Wenn ich dem Nutzer immer vorab sagen müsste, was ich mit seinen Daten machen möchte, würde das Geschäftsmodelle unmöglich machen“, sagte er am Rande der gestern zu Ende gegangenen Computermesse Cebit – und sprach sich gegen die bei der neuen Europäischen Datenschutzverordnung geplante Zweckbindung bei der Speicherung von Daten aus. „Wir müssen uns vom Prinzip der Datensparsamkeit verabschieden. Wir brauchen Datenvielfalt beim gleichzeitigen Schutz personenbezogener Daten.“ Datenvielfalt statt Datensparsamkeit – das klingt zwar angesichts immer neuer Daten- und Überwachungsskandale in manchen Ohren wie Hohn. Aber es scheint, als sei die Botschaft angekommen. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) jedenfalls spricht neuerdings nur noch davon, bei besonders schützenswerten Informationen eine Zustimmungspflicht durch den Nutzer vorschreiben zu wollen.

Der Mensch als Teil des Netzes

Auch der Mensch selbst soll Teil des Internets werden. Schon heute nutzen Millionen Sportler Fitnessbänder, um ihre Laufrouten und ihre Körperfunktionen zu scannen und auf Internetdatenbanken zu laden. Auch Herzaktivitäten können mit speziellen T-Shirts bereits vom Smartphone aufgezeichnet werden. Erste private Krankenkassen bieten schon vergünstigte Angebote, wenn Versicherte mit den Armbändern ihre sportlichen Aktivitäten überwachen lassen. Auch hier ist die Gefahr des Missbrauchs der sensiblen Daten groß – aber die Verlockung beim Nutzer durch immer ausgefeiltere Funktionen offenbar auch.

Intelligente Stromnetze – eine Gefahr?

Vor allem die Energiewende und die für erneuerbare Energie typischen Schwankungen in der Stromproduktion machen sogenannte „Smart Grids“ notwendig – intelligente Netze. Damit ist es möglich zu erkennen, wer wie viel Strom braucht – und bei Bedarf einzelne Windparks oder andere Stromerzeuger vom Netz zu nehmen oder zu aktivieren. Der Datenaustausch und Steuerungsbefehle laufen über IT-Systeme, vom intelligenten Stromzähler im Haus des Verbrauchers bis zur Netzsteuerung. Die Technik macht die Energiewende in einem hoch entwickelten Industrieland erst möglich – aber sie birgt auch neue, unüberschaubare Sicherheitsrisiken. Der eindrucksvolle Bestseller „Blackout“ von Marc Elsberg beschreibt technisch detailliert, wie Terroristen durch die Umprogrammierung digitaler Stromzähler das gesamte europäische Stromnetz zusammenbrechen lassen könnten – und wenige Tage später die öffentliche Ordnung auch. Das mag Fiktion sein – doch der beschriebene Trend ist auch nach Ansicht von vielen Experten richtig: Wer Stromnetze durch das Netz steuert, macht sie auch von außen manipulierbar.

Das gläserne Auto

Auch das Auto, noch immer für viele der letzte Hort der Freiheit, wird mehr und mehr zum rollenden Computer. Schon heute sind in neuen Modellen unzählige Sensoren verbaut, die nicht nur Tempo, Abstand zu anderen Fahrzeugen und den Standort erfassen, sondern auch den Motor, den Ölstand oder die Bremsbeläge überwachen und prüfen, ob alle Insassen angegurtet sind. Manche warnen den Fahrer bei Müdigkeit oder registrieren Unfälle. Die erfassbaren Daten sind begehrt. Etwa bei Auto­herstellern, die so ein genaues Bild ihrer Kunden bekommen – und passgenaue Dienste etwa für Reparaturen anbieten könnten. Versicherer könnten mithilfe der Daten Rückschlüsse auf den Fahrstil ziehen – und daraus neuartige Tarife errechnen. Die Regierung treibt die Hightech-Vision vom „gläsernen Auto“ zusätzlich voran. Ab 2018 sollen alle EU-Neuwagen einen Chip eingebaut haben, der bei Unfällen einen Notruf absetzt – unter anderem mit Position, Fahrtrichtung und Fahrzeugtyp.

Die Box lässt sich nicht ausschalten. Das alles ist ein riesiges Geschäft. Die Unternehmensberater von McKinsey sagen für das Geschäft mit dem „vernetzten Fahren“ bis 2020 Umsätze von 170 Milliarden Euro voraus. Vor allem die Vision vom autonom fahrenden Auto – Prototypen sind auf Teststrecken schon unterwegs – gibt der Vernetzung im Verkehr neuen Schub. Autobahnen werden mit Sensoren ausgestattet, Autos kommunizieren untereinander und mit Internetdatenbanken. Audi kündigte kürzlich an, die nächste Generation des A8 werde bis Tempo 60 per Autopilot fahren. Der Autozulieferer Continental rechnet sogar damit, dass vollautomatisierter Autobahnverkehr bis 2025 realistisch ist.
Wenn sich die Menschen nicht eines Besseren besinnen, dürfte der Toaster bis dahin das Kommando am Frühstückstisch längst übernommen haben.

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