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Medien & TV Ken Folletts „Die Säulen der Erde“ als Vierteiler im Fernsehen
Nachrichten Medien & TV Ken Folletts „Die Säulen der Erde“ als Vierteiler im Fernsehen
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19:11 14.11.2010
Von Stefan Stosch
Steinmetz Tom Builder (Rufus Sewell) hat einen großen Traum. Dabei unterstützt ihn das Kräuterweib Ellen (Natalia Wörner).
Steinmetz Tom Builder (Rufus Sewell) hat einen großen Traum. Dabei unterstützt ihn das Kräuterweib Ellen (Natalia Wörner). Quelle: SAT.1
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Das Beste am Mittelalter ist, dass es schon vorüber ist. Dieser Dreck, dieser Gestank und dann die geringe Lebenserwartung! Bei mörderischen Schlachten spritzte das Blut abgesäbelter Köpfe nur so durch die Gegend. Und gegen die Intrigen am Hofe wirken die Mauscheleien heutiger Parteipolitiker harmlos. Jedenfalls sieht so das medienmäßig aufbereitete Mittelalter aus – auch in dem TV-Vierteiler „Säulen der Erde“, den SAT.1 ab heute vier Montage in Folge ausstrahlt.

Aus der Distanz von einigen Jahrhunderten hat diese Zeit aber ihren Reiz – womöglich gerade wegen der unangenehmen Lebensumstände. Knapp zehn Millionen TV-Zuschauer wollten kürzlich den Film „Die Wanderhure“ sehen. Das dürfte dann auch der Maßstab für die Umsetzung von Ken Folletts „Die Säulen der Erde“ sein, dem Inbegriff des Historienwälzers schlechthin. 18 Millionen Mal hat der britische Autor sein 1990 erschienenes Buch verkauft, da müssen auch Fernsehmacher in größeren Dimensionen denken: Acht Stunden dauert die Mammutverfilmung des 1295 Seiten starken Mammutromans.

Zu bewältigen war die Kraftanstrengung nur durch die Bündelung internationaler Kräfte. Knapp 40 Millionen Dollar (29 Millionen Euro) hat die Verfilmung gekostet. 110 Tage wurde in Ungarn gedreht, 6000 Statisten waren beschäftigt, eine riesige Außenanlage mit bis zu sieben Meter hohen Mauern wurde nachgebaut – alle Fassadenteile darüber stammen aus dem Computer.

Und trotzdem hat der Zuschauer zu Beginn den Eindruck, auf einem überdimensionierten Mittelaltermarkt gelandet zu sein, der knapp außerhalb des Sichtfeldes direkt ans 21. Jahrhundert grenzt. Erst wenn der Kampf um den Bau der Kathedrale im (fiktiven) Kingsbridge so richtig entbrennt, funktioniert das Fernsehen als Zeitmaschine. Vor allem das opulente Dekors garantiert, dass man sich in diese Geschichte schlussendlich genauso fallen lassen kann, wie das schon bem Buch der Fall war. Regisseur Sergio Mimica-Gezzan kannte man bislang nur als Regieassistent von Steven-Spielberg-Filmen – was aber auch heißt, dass er Erfahrung bei Großproduktionen wie „Saving Private Ryan“ oder „Schindlers Liste“ gesammelt hat.

Hinterhältige Mönche (Anatole Taubman), mächtige Bischöfe (Ian McShane), liebreizende Adelstöchter (Hayley Atwell), aufrechte Edelmänner (der alte Hollywoodkempe Donald Sutherland): Das Figurenangebot ist üppig – und orientiert sich eng an der Romanvorlage. Steinmetz Tom Builder (Rufus Sewell) träumt vom Bau seiner Kathedrale, dem „Vorzimmer Gottes“, wie er sagt. Er kann auf den Beistand von Prior Philip (Matthew MacFadyen, demnächst als einer der „Drei Musketiere“ im Kino) hoffen. Doch die beiden geraten Mitte des zwölften Jahrhunderts mitten in die Ränkespiele um die Nachfolge des britischen Königs Heinrich I.

Trotz aller Abenteuer bleibt noch ausreichend Zeit für die Liebe. Als des Steinmetz’ Gefährtin ist Nathalie Wörner mit von der Partie, erst als Kräuterweib im Wald, dann als kluge Ratgeberin an Builders Seite. Diese Frau ist so furchtlos und emanzipiert, dass sie sich sogar auf einen Tisch vor den bösen Bischof hockt und diesem ins Gesicht pinkelt. Und das ist wörtlich zu verstehen.

Historiker werden über „Säulen der Erde“ vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber wer es mal so richtig derb und deftig will, der ist in diesem Mittelalterverschnitt genau richtig. Und der Geruch aus Kerkern und Burgruinen dringt ja glücklicherweise nicht bis ins heimische Wohnzimmer.

„Die Säulen der Erde“ | SAT.1
TV-Epos in vier Teilen
montags, 20.15 Uhr

Ronald Meyer-Arlt 11.11.2010