Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Medien & TV Fiktive Dokus - Geheimpapier sorgt beim NDR für Aufregung
Nachrichten Medien & TV Fiktive Dokus - Geheimpapier sorgt beim NDR für Aufregung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:07 02.11.2010
Von Imre Grimm
In Sendungen wie „Familien im Brennpunkt“ werden fiktive Fälle als Wirklichkeit verkauft.
In Sendungen wie „Familien im Brennpunkt“ werden fiktive Fälle als Wirklichkeit verkauft. Quelle: RTL
Anzeige

Wenn das die Wirklichkeit sein soll in deutschen Hartz-IV-Familien – dann gute Nacht, Deutschland: schwangere Teenager, betrunkene Mütter, prügelnde Väter, fiese Lehrer, hässliche Sonnenbrillen, unvollständige Sätze, kein Geld, kein Job, keine Liebe. Und die Schule ist das tiefste Höllenloch von allen. „Scripted Reality“ heißt das, was nachmittags bei RTL zu sehen ist: vermeintliche Unterschichtsrealität nach Drehbuch, fiktive „Fälle“, in denen Laiendarsteller im Doku-Stil Alltagsdramen nachzuspielen bemüht sind.

Das Fremdschäm-Format verschafft dem Sender Marktanteile von bis zu 30 Prozent in der Zielgruppe. Die Shows heißen „Verdachtsfälle“, „Betrugsfälle“, „Familien im Brennpunkt“, „Die Schulermittler“, „Mitten im Leben“ – und sie alle haben gemeinsam, dass nichts den Machern peinlich ist, schon gar nicht mangelnde Schauspielkunst. Kürzlich ließ sich ein Laiendarsteller, der nichts als einen hellblauen Schlüpfer trug, gekochte Spaghetti bolognese über den schlaksigen Körper kippen, um – so die Idee der Regie – seine Freundin zu verführen. Die Hölle – das ist der Nachmittag bei RTL, die dunkelste Stunde im deutschen Fernsehen. „Asis spielen Asis für Asis“, ätzte Komiker Dieter Nuhr mal.

Die Botschaft an die Zuschauer laute: „Verenge dich auf deine Schlüsselreize: auf Voyeurismus und Sexualität“, sagte der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Hörksen kürzlich in Berlin. Solche „Sozial-Pornos“ gaukelten Lebenshilfe vor – „Sozial-Pornos mit Kondom also“. Dabei gehe es allein um „aggressives Realitätsdoping“: den Zusammenbruch, den Streit, die Schlägerei. Die Helden seien keine Individuen, sondern nur „Lieferanten von Stereotypien und Klischees“. Doch den Produzenten geht es auch gar nicht um die Lebenswirklichkeit, sondern um die geringen Kosten: spielwillige Amateure, die für ein paar hundert Euro auf ihre Rechte (und auf ihre Würde) verzichten, kaum Aufwand. Hauptproduzenten für RTL sind die Kölner Firmen Norddeich TV und Filmpool sowie Stampfwerk in Hamburg.

Offiziell wollte die ARD – sonst nicht zimperlich beim Nachbau privater Formatideen – bisher nichts mit dem pseudodokumentarischen Billigfernsehen zu tun haben. TV-Trash? Nicht im Ersten, versicherte NDR-Programmdirektor Frank Beckmann, früherer Chef des Kinderkanals: „Wir müssen diese Entwicklung brandmarken. Die Abwärtsspirale geht immer weiter.“ Dann aber tauchte ein NDR-Geheimpapier auf, das einem unschönen Verdacht Nahrung gibt: Auch der NDR spielt intern mit dem Gedanken, sich an ähnliche Formate zu wagen. Titel des Papiers, das die NDR-Mitarbeiter Christian Stichler und Jürgen Meier-Beer (der frühere Grand-Prix-Beauftragte) vom NDR-Programmbereich Kultur und Dokumentation bereits im Juni verfasst haben: „Scripted Reality – Eine Chance für den NDR?“

Stichler schreibt darin: „Als erster öffentlich-rechtlicher Sender haben Jürgen Meier-Beer und ich für den NDR Kontakt zu den führenden und erfolgreichen deutschen Produzenten von Scripted Reality aufgenommen.“ Als da wären: Norddeich TV, Filmpool und Stampfwerk. Eine 30-Minuten-Folge könne für weniger als 20.000 Euro hergestellt werden, schätzt das Duo und warnt schon mal: „Zu stark von der Wirklichkeit abweichende Geschichten werden vom Zuschauer nicht akzeptiert.

Der Zuschauer muss denken, so oder ähnlich hätte das wirklich passieren können.“ Die fiktionale Erzählmethode liefere „spannende Geschichten zu einem relativ kleinen Budget“. Das Problem bei echten Dokusoaps sei, analysierten die NDR-Männer, dass die Kamera oft nicht dabei sei, „wo es für den Zuschauer spannend wird“. Einen Ausweg aus diesem „Dilemma“ böten „gescriptete“ Formate. Das Team schlägt vor, drei bis vier Pilotfilme für je 100.000 bis 150.000 Euro in Auftrag zu geben. „Ziel wäre ein Sendeplatz im Hauptabend des NDR.“

Erlogene Wirklichkeit bei der ARD? Will auch der NDR seinen Zuschauern künftig falsche Tatsachen vorgaukeln? Keinesfalls, versicherte gestern NDR-Sprecher Martin Gartzke. „Solche Sendungen wird es beim NDR nicht geben.“ Die beiden Kollegen hätten sich lediglich „im Auftrag des Senders“ einen Überblick über günstigere Produktionsbedingungen für fiktionale Stoffe verschafft – etwa mit Handkamera und ohne extra Beleuchtung. Die Kernfrage lautete: Muss man immer alles so drehen wie einen Kinofilm? Es handele sich lediglich um ein internes Diskussionspapier. Auch ARD-Programmdirektor Volker Herres bemühte sich, den aus der Flasche geschlüpften Geist wieder einzufangen: Derartige Shows seien „mit dem ARD-Programmauftrag unvereinbar“.

Die Branche ist dennoch alarmiert. Vor allem die Dokumentarfilmer fürchten um ihren Ruf, wenn „Scripted Reality“ in den Köpfen der Zuschauer dafür sorgt, dass Echtheit und Falschheit verschwimmen. Vor allem ein Satz im NDR-Papier empört die Doku-Profis: Solche Formate, heißt es da freimütig, könnten „von echten dokumentarischen Formaten kaum unterschieden werden“. Der NDR wolle „die Wirklichkeit mit Pseudo-Dokus verbiegen“, heißt es zornig in einer Pressemitteilung der AG Dokumentarfilm, die 875 Autoren aus dem Dokumentarbereich vertritt. Wenn sich das Publikum daran gewöhne, könne die „beobachtete und recherchierte Wirklichkeit auf der Strecke bleiben“.

Und allen Absagen zum Trotz: Einen Trend zur Vermischung von Fiktion und Realität gibt es bereits bei der ARD. So sind in Spielfilmen immer öfter ARD-Journalisten wie Reinhold Beckmann, Sandra Maischberger oder Anja Kohl zu sehen – in ihrer tatsächlichen Funktion, aber in einem fiktiven Fall. Ein anderes Prinzip zwar – ganz sauber aber ist auch das nicht.

Heike Manssen 01.11.2010
30.10.2010