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Medien & TV Entscheidung für Ort von Lenas Titelverteidigung naht
Nachrichten Medien & TV Entscheidung für Ort von Lenas Titelverteidigung naht
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19:25 27.09.2010
Von Imre Grimm
Die Entscheidung, wo Lena nach ihrem Sieg in Oslo ihren Titel verteidigt, soll noch in dieser Woche fallen.
Die Entscheidung, wo Lena nach ihrem Sieg in Oslo ihren Titel verteidigt, soll noch in dieser Woche fallen. Quelle: dpa
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Das nennt man wohl offensive Standortpolitik: Keck hatte der Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk Elbers jüngst verkündet, dass der Weg frei sei für die Austragung des 56. Eurovision Song Contest (ESC) 2011 am Rhein. Prompt meldeten örtliche Medien, dass sich Düsseldorf im Poker um die größte Musikshow Europas durchgesetzt habe. Dabei hatte Elbers lediglich ein lokales Logistikproblem gelöst: Die Stadt hatte ihre Esprit-Arena ins Rennen geworfen, obwohl Fußball-Zweitligist Fortuna Düsseldorf dort im Mai 2011 noch drei Heimspiele auszutragen hat. Nun wird die Fortuna ins heruntergekommene Paul-Janes-Stadion umziehen, das auf Kosten der Stadt von 7200 auf 15.000 Zuschauerplätze ausgebaut wird, wie CDU-Mann Elbers meldete.

Der NDR freilich bremste seinen Enthusiasmus. Die örtliche Einigung bedeute noch keine Festlegung auf Düsseldorf. „Noch sind alle Städte im Rennen“, sagte NDR-Sprecherin Iris Bents. Seit Monaten verhandeln Vertreter aus Hamburg, Hannover, Berlin und Düsseldorf mit dem NDR und der European Broadcasting Union (EBU) im Stillen über Vor- und Nachteile ihrer Konzepte. Im Sommer werde entschieden, hieß es im Juni. Inzwischen ist Herbst. In Kürze soll endlich eine Entscheidung fallen.

Der ESC wäre für jede Stadt ein Sechser im Lotto. Sein Werbewert wird auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt. „Das ist viel mehr als eine Musikshow an einem Abend“, sagt Jörg Grabosch, Chef der TV-Firma Brainpool, die Lena managt. Die Finalwoche mit Tausenden Fans, Journalisten und Künstlern aus ganz Europa sei wie „Christopher Street Day, die UN-Vollversammlung und die Fußball-EM“ auf einmal. Das Finale geht am Sonnabend, 14. Mai 2011, über die Bühne. Knackpunkt: die Kosten. Moskau ließ sich die Show 2009 rund 35 Millionen Euro kosten. Das norwegische Fernsehen kratzte in diesem Jahr mit Hilfe dreier Großsponsoren mühsam 25 Millionen Euro zusammen und hofft inständig, die Show so bald nicht wieder zu gewinnen. Auch die ARD kann den ESC nur mit Sponsorenhilfe stemmen. Umso wichtiger sind die „Produktionsbedingungen“ – im Klartext: Wie weit kommen die Städte dem Sender entgegen?

In Deutschland gingen bisher zwei Grand-Prix-Finals über die Bühne: 1957, ein Jahr nach der Gründung des Wettstreits, bat der Hessische Rundfunk in seinen Großen Sendesaal in Frankfurt – zu einem Chansonabend voller „Liebe, Sehnsucht, Sentimentalität, stiller Heiterkeit, zündendem Witz, beißender Ironie, geistreicher Persiflage und naiver Lebensfreude“ (Original-Programmheft). Dass der Vorjahressieger die Folgeshow ausrichtet, gilt erst seit 1958. 1983, nach Nicoles Sieg, traf man sich in der Rudi-Sedlmayer-Halle in München. Damals war der Bayerische Rundfunk zuständig und dachte gar nicht daran, irgendeine Standortdebatte zuzulassen.

Wo singt Lena? Wer knackt den Jackpot? Noch immer gilt Berlin als Favorit. Eine vibrierende Kulturszene, die coolsten Clubs – das spricht für Deutschlands einzige Weltstadt. Und dass auch Lena ihre Sympathie für Berlin bekundete („Berlin ist groß, multikulturell und hat für mich alles“) wird kaum geschadet haben. Nachteile: In der Hauptstadt wäre der ESC ein Großevent von vielen. Und der Veranstaltungsort birgt massive Probleme: Das überdachte Vorfeld des stillgelegten Flughafens Tempelhof – optisch beeindruckend, aber doch ziemlich gestrig – soll zu einer temporären Arena für 10.000 Zuschauer ausgebaut werden – ein teurer Spaß für die chronische klamme Hauptstadt. Ganz abgesehen von der Frage, ob zwingend immer alles in Berlin stattfinden muss.

Hamburg ist Sitz des NDR und hält sich für die deutsche Grand-Prix-Hauptstadt. Von der ESC-Party auf der Reeperbahn werden seit Jahren die deutschen Punkte vermeldet. Der ESC 2011 könnte auf dem Messegelände stattfinden. Damit würde der NDR freilich den Dauervorwurf zementieren, seinen Hamburgzentrismus zu pflegen und Eigeninteressen zu verfolgen.

Hannover ist die kleinste der Bewerberstädte, wuchert aber mit einem großen Pfund: Lena. Zwar steht nirgends geschrieben, dass die Herkunft der Siegerin ein Standortkriterium darstellt. (Nach dieser Logik hätte der Grand Prix 1983 in Nicoles Geburtsort Saarbrücken stattfinden müssen). Doch eine Titelverteidigung der 19-Jährigen in der alten Heimat hätte ihren Reiz. Und das chronisch unterschätzte Hannover hat oft bewiesen, dass es besser ist als sein Ruf. Die Stadt habe etwa die Expo „mit Bravour gemeistert“, schrieb jüngst die „F.A.Z“. 45.000 Hannoveraner empfingen Lena nach ihrem Sieg – keine andere Bewerberstadt wäre in der Lage, die Glut des Lenaismus bis 2011 am Glimmen zu halten. Die Stadt gab sich gestern zuversichtlich. Man habe „ein gutes Paket geschnürt“ und wisse nichts von irgendwelchen Vorentscheidungen, hieß es.

Und Düsseldorf? Für den Außenseiter spricht, dass keine andere Stadt sechs Wochen lang eine geschlossene Arena für 30.000 Zuschauer bieten kann. Und: Die Arena gehört nach der Pleite der Betreibergesellschaft der Stadt – damit fällt die Miete weg. Zudem hätte es die Brainpool-Crew von Köln aus nicht weit. Nachteil: Was hat der Grand Prix in Düsseldorf zu suchen? Die kulturelle Strahlkraft ist gering, von den Toten Hosen mal abgesehen.

Dennoch: Kleine Städte sind nicht im Nachteil. Wir erinnern uns: Nicole siegte 1982 im englischen Harrogate (70.000 Einwohner). Die bisher kleinste Grand-Prix-Stadt war 1993 das irische Fleckchen Millstreet mit 1500 Einwohnern. Seit Jahren gilt: a) Je kompakter die Stadt (Tallin 2002, Riga 2003), desto besser die Stimmung. Und b) Entscheidend ist nicht die Lage der Arenen. Die lagen zuletzt meist weit außerhalb der Stadtmitte. Viel wichtiger ist die Party-Infrastruktur im Zentrum. Schon jetzt haben die ersten ESC-Fans Flüge und Hotels für 2011 gebucht, schreibt Jan Feddersen in seinem NDR-Blog – sicherheitshalber in allen vier Städten.