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Medien & TV Die Beschleunigung der Kindheit
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00:16 04.04.2015
Heidi in 3D? Andreas Gabalier, Sänger des Titelliedes, findet das klasse.
Heidi in 3D? Andreas Gabalier, Sänger des Titelliedes, findet das klasse. Quelle: Ursula Düren
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Die Anfänge des Kinderfernsehens verliefen gemächlich: Bei Wickie bewegten sich 1972 trotz Eroberungsthematik oft nur die Lippen der Wikinger. Paulchen Panther reimte zwar über Verfolgungsjagden, die verliefen aber wenig temporeich.

Sogar Captain Future stand oft regungslos vor starrem Hintergrund. Er wisse „gar nicht, was ich euch erzählen soll“, sagte Flip 1976 zum Start der Biene Maja, „im Moment passiert nicht so viel.“ Und alles gab ihm recht: blasse Farben, stille Bilder und ein Grashüpfer, der sein Leben, „ganz schön langweilig“ findet.

Zu langweilig, glaubt das ZDF. „Mit dem alten Material erreicht man jetzige Generationen nicht mehr“, meint Redaktionsleiterin Irene Wellershoff. Also wurden die japanischen Animes des analogen Zeitalters 2011 mit CGI-Technik erneuert. Nachdem auch Wickie dem Crashkurs in Sachen Hypermoderne unterzogen wurde, ist nun das nächste Idyll früherer Kinderfernsehtage dran: Heidi.

Vor 135 Jahren von Johanna Spyri erdacht, war das süße Waisenmädchen auf Alm-Öhis Berghof eine Antwort auf die Industrialisierung, die mit ihren rauchenden Schloten und Aschewolken eine Sehnsucht nach der Natur entfachte. Das flämische Studio 100 rückbeschleunigt die Geschichte im Auftrag des ZDF nun und entspricht damit nicht dem Geist des Originals. Anders als in den 52 Folgen von 1977 klingt Heidi nicht unbeschwert selbstbewusst, sondern nach Puddingwerbung. Ihr Umfeld stakst mit seltsamen Wursthaaren durch Kunstalpen wie Videospielfiguren vor 20 Jahren.

Warum jene rechnerbasierte „Tiefe und Farbigkeit“, die Barbara Biermann von der ZDF-Kinderredaktion lobpreist, in digitaler Aufbereitung und 3-D besser zur Geltung kommen sollen als per Zeichenstift, bleibt das Geheimnis des Senders. Ebenso wie der Umstand, dass Andreas Gabalier das Titellied von Gitti und Erika nun zum stupiden Volksschlager machen darf.

Ja, es stimmt: Die Reizunterflutung alter Kinderbuchadaptionen widerspricht dem Zeitgeist. Selbst beim KiKa steigt der Takt. Sein Sendeauftrag gehe zwar übers Entertainment hinaus, so der damalige Programmchef Steffen Kottkamp zum Maja-Relaunch. „Wir können aber nur fördernd auf Kinder einwirken, wenn sie uns zusehen.“

Was Serien droht, wenn erst Maja, dann Wickie, nun Heidi, bald Pinocchio beschleunigt werden, zeigte Garfield bereits 2008: Zwei Jahrzehnte zuvor hatte der dicke Kater bei Sat.1 noch die Dynamik eines Felsens, bewegte sich dann aber begleitet von Farbexplosionen zunehmend gehetzt. Was nichts ist gegen das epileptische Gezappel der Super-RTL-Elfen Cosmo und Wanda. Überall steigt zudem der Schallpegel. Dabei können „laute, plötzliche, heftige und unvorhergesehene Geräusche, Stimmen und Musik“ aus Sicht des Medienpädagogen Jan-Uwe Rogge Angstzustände erzeugen.

Was fehlt, ist die Chance zum Runterregeln. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa sagt: „Alte Serien waren von Musik über Schnitt bis zum Inhalt kindgerechter, weil sie mehr Zeit zur Vertiefung ließen.“ Die „rasch wechselnden Simulationsflächen“ von heute seien untauglich, TV-Neulingen etwas Wesentliches zu lehren: „sich selbst zu ertragen“. Im Augenblick versinken - für dieses wesentliche Privileg der Kindheit lässt das moderne Kinderfernsehen kaum noch Raum.

Von Jan Freitag

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