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Medien & TV "Der Seewolf": Duell auf hoher See
Nachrichten Medien & TV "Der Seewolf": Duell auf hoher See
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11:21 30.10.2009
Von Stefan Stosch
Sebastian Koch in „Der Seewolf“.
Sebastian Koch in „Der Seewolf“. Quelle: ddp
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Frauen haben auf einem Robbenfänger nichts zu suchen. Da ist das Überleben schon so hart genug, erst recht unter einem Kapitän wie Wolf Larsen, der wie ein psychologisch versierter Sklaventreiber nach Lust und Laune über seine Leute verfügt. Wenn Frauen plötzlich in dieser Männergemeinschaft auftauchen, beginnt noch mal eine ganz andere Geschichte. Frauen erscheinen wie „Wesen aus einer anderen Welt“, und sogar Schöngeister wie Humphrey van Weyden verlangt es nach ihnen wie „den Hungernden nach Brot“.

So hat es Jack London in seinem 1904 erschienenen Abenteuerklassiker „Der Seewolf“ geschrieben – in dem Frauen in der ersten Buchhälfte gar nicht mitspielen dürfen. Doch was geschieht in der zweiteiligen „Seewolf“-Neuverfilmung des ZDF? Wir sehen schon in den ersten Einstellungen die rennenden Beine von Maud Brewster (Neve Campbell). Die Frau läuft vor ihrer eigenen Hochzeit davon und schifft sich auf dem nächstbesten Kahn ein. Von nun an werden wir immer wieder mal mit Mauds Schicksal auf ihrem Dampfschiff belästigt, das zufällig ebenfalls in die Robbenfanggründe im Beringmeer unterwegs ist und ausgerechnet von Wolf Larsens Bruder mit dem schönen Namen Death befehligt wird.

Drehbuchautor Nigel Williams und Regisseur Mike Barker tun sich mit dieser Ablenkung keinen Gefallen. Maud kommt als Schiffbrüchige ja noch früh genug an Bord. Bis dahin hätte das Duell zwischen dem Kapitän Wolf Larsen (Sebastian Koch) und dem aus dem Wasser gefischten und dann als Küchenjunge zwangsrekrutierten Literaturkritiker Humphrey van Weyden (Stephen Campbell-Moore) doch mehr Spannung als genug geboten.

Zumal wenn man über einen Schauspieler wie Sebastian Koch („Speer und Er“, „Das Leben der Anderen“) in der Titelrolle verfügt: Koch hat zwar nicht die animalische Anziehung wie einst Raimund Harmstorf in dem legendären „Seewolf“-Vierteiler in den Siebzigern (und auch nicht die Muskeln eines Thomas Kretschmann in der PRO7-Verfilmung im Vorjahr) – landet dafür aber umso überzeugender seine intellektuellen Treffer in diesem Zweikampf auf hoher See. In den besten Momenten prallen philosophische Ideen aufeinander: hier der Kapitän, der Darwins Idee vom Überleben des Stärkeren wörtlich nimmt, dort der Altruist van Weyden, der das Fähnlein von Moral und Gerechtigkeit tapfer hochhält – und zugleich darüber erschrickt, dass er sich mehr und mehr nach den Vorstellungen seines faszinierenden Gegners formen lässt.

Doch immer wieder wird die Auseinandersetzung entschärft. Über Gebühr schenkt der Regisseur Larsens Bruder 
Death seine Aufmerksamkeit – wohl, weil man einem Charakterdarsteller wie Tim Roth etwas bieten muss. Aber wozu braucht Larsen einen weiteren Gegenspieler? Das ist so, als würde man Robinson Crusoe einen Schiffbrüchigen auf die Insel hinterherschicken. Immerhin, der Regisseur glaubt so sehr an seinen Film, dass er mit simplen Effekten sparsam umgeht: Die berühmt-berüchtigte Kartoffel-Zerquetschszene, auf die manche Zuschauer warten dürften, wird eher nebenbei erledigt. Sogar auf den Hai wird verzichtet, der in der Buchvorlage dem hinterhältigen Koch das Bein abbeißen darf.

Und doch dümpelt die 12,8 Millionen Euro teure, vor Kanadas Küste ins Bild gesetzte Geschichte irgendwann eher mutlos in den Hafen der Liebe. Symptomatisch, dass dem vom Krebs zerfressenen Larsen auch noch eine schwierige Kindheit angedichtet wird. Offenkundig muss den fernsehdramaturgischen Gesetzen zur Läuterung eines Helden Genüge getan werden. Ganz so böse darf ein Kapitän nicht sein, auch wenn er den Egoismus im Hier und Jetzt zum obersten Prinzip erklärt hat. Doch wie lautet Larsens letztes Wort im Roman, als er kurz vor dem Tod noch einmal gefragt wird, ob er in einem anderen Leben auf Unsterblichkeit hofft? „Unsinn.“