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Medien & TV Dokuserie “Der Krieg und ich” im Kika: Durch Spielzeug wird das Grauen greifbar
Nachrichten Medien & TV Dokuserie “Der Krieg und ich” im Kika: Durch Spielzeug wird das Grauen greifbar
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14:26 29.08.2019
Die Folge "Anton aus Deutschland" der neuen Dokuserie "Der Krieg und ich" zeigt, wie Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Quelle: SWR/LOOKSfilm/Andreas Wünschirs

Die Idee ist vielleicht nicht neu, aber brillant: Weil es viel zu aufwändig wäre, für eine Kinderfernsehproduktion Kriegsszenen nachzustellen, hatten die Verantwortlichen von „Der Krieg und ich“ einen famosen Einfall. Er ist außerdem ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie sich fehlende Mittel durch Fantasie ausgleichen lassen kann, vom Seelenheil der jungen Darsteller ganz zu schweigen: Plötzlich scheint die Handlung zu erstarren und verwandelt sich in eine Spielzeugwelt.

Die Serie ist eine europäische Koproduktion und schildert den Zweiten Weltkrieg aus unterschiedlichsten internationalen Kinderperspektiven. Die acht Folgen sind in sich abgeschlossen. Vorlagen waren authentische Erlebnisberichte: Der zehnjährige Anton will unbedingt zur Hitlerjugend, weil dort alle seine Freunde mitmachen; die 13-jährige Sandrine lebt im 1942 noch unbesetzten Südfrankreich und hilft geflüchteten Juden, sich zu verstecken. Calum ist 15, lebt in Schottland und wird Zeuge, wie deutsche Bomben seine Heimatstadt Clydebank in Schutt und Asche legen.

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Krieg mit Spielzeug erklärt - das wirkt ganz und gar nicht lächerlich

Formal orientiert sich die Serie am Stil des Doku-Dramas: Spielszenen werden durch zeitgenössisches Dokumentarmaterial und eingesprochene tagebuchartige Texte ergänzt. Zwischendurch gibt es jedoch immer wieder diese Spielzeugmomente. Wenn deutsche Bomben auf Clydebank fallen, ist es das Modell, das in Flammen aufgeht. Den Machern ist dabei das Kunststück gelungen, diesen Effekt nicht lächerlich wirken zu lassen, weil die Miniaturwelt auch vorher schon in die Handlung integriert war. Regisseur Matthias Zirzow, der gemeinsam mit Maarten van der Duin und Ramona Bergmann auch die Drehbücher geschrieben hat, nutzt die entsprechenden Einstellungen unter anderem für ein kurzes Innehalten, damit die jungen Protagonisten die Ereignisse kommentieren können. Den Begleittext spricht Petra Schmidt-Schaller.

Die Serie ist eine gemeinsame Produktion des SWR mit der Firma Looksfilm und dem polnischen Toto Studio. Looksfilm hat unter anderem „14 – Tagebücher des Ersten Weltkrieges“ sowie „Kleine Hände im Großen Krieg“ (beide 2014) produziert. Diese Reihe ist ganz ähnlich konzipiert wie „Der Krieg und ich“, befasst sich aber mit dem Ersten Weltkrieg und war nach Einschätzung der SWR-Redaktion für Kinder- und Familienprogramm nicht in den Programmstrecken für Kinder einsetzbar. Redaktionsleiterin Stefanie von Ehrenstein schwebte etwas völlig Neues vor: eine Serie über den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, „die die Kinder nicht überfordert oder ängstigt“, aber dennoch ein ehrliches und verständliches Bild dieser Zeit entwerfe. In den Gesprächen mit der Produktionsfirma entstand dann die Idee, eine Dramaserie über „gelebte Geschichte“ zu erzählen, die auf Tagebucheinträgen, Briefen und Berichten von Kindern basiert; szenische Anteile sollten mit Archivmaterial und einer Modellwelt verknüpft werden.

Der Begriff Nazi taucht "Der Krieg und ich" nicht auf

Im Fernsehalltag wird es die Serie trotz der exponierten Sendezeit ab 20 Uhr vermutlich schwer haben, aber im Schulunterricht und in der Jugendarbeit lässt sie sich ausgezeichnet einsetzen, zumal die acht Geschichten konsequent und ausschließlich aus dem Blickwinkel der Kinder erzählt sind. Sämtliche Hauptfiguren laden zudem zur Identifikation ein: Anton (Juri Gayed) zum Beispiel ist sauer auf seinen Vater (Florian Lukas), denn der verbietet ihm den Beitritt zur Hitlerjugend. Der Junge sieht natürlich nicht den politischen Hintergrund, sondern bloß die Uniformen und das Abenteuer.

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Für den niederländischen Koautor und Dramaturgen Maarten van Duin bestand die entscheidende Aufgabe der Drehbucharbeit darin, eine Brücke zwischen den jungen Zuschauern „und jener unvorstellbaren Zeit“ zu bauen.“ Die Tagebücher seien dabei eine unschätzbare Hilfe gewesen, weil sie „ohne historische Reflexion geschrieben worden sind. Der Leser bekommt das Gefühl, mittendrin zu sein. Die Emotionen werden ungefiltert übertragen, die Kluft von siebzig Jahren fällt plötzlich weg.“ Viele der beschriebenen Situationen sind als fertige Szenen in die Drehbücher übernommen worden. Als große Hilfe erwiesen sich die begleitenden Forschungen des Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (eine Einrichtung des Bayerischen Rundfunks). Drehbuchtests hatten unter anderem zur Folge, dass auf den Begriff „Nazi“ verzichtet wurde, weil die Kinder das ihnen unbekannte Wort lustig fanden.

Das Grauen von Auschwitz - dargestellt durch Spielzeuglokomotiven

Weil alle Geschichten versöhnlich enden sollten, muss Hitlerjunge Anton am Schluss natürlich eine Läuterung durchlaufen. Ähnlich ergeht es dem Protagonisten des zweiten Beitrags über einen deutschen Jungen: Der 15-jährige Justus (Arved Friese) ist Anführer einer Gruppe von Jugendlichen, die 1945 im Rahmen des „Volkssturms“ als letztes Aufgebot mit einer Panzerfaust dem Einmarsch der Amerikaner trotzen sollen. Beinahe zu spät erkennt Justus, dass außer dem nackten Leben nichts mehr zu retten ist. Auch diese an Bernhard Wickis Klassiker „Die Brücke“ (1959) erinnernde Folge verdeutlicht, wie gut sich die verschiedenen Ebenen ergänzen: Einer der Jungs beobachtet durch sein Fernglas die sich nähernden Panzer; die Bilder, die er sieht, stammen aus dokumentarischem Material. Als ein anderer auf einen Panzer schießt, wechselt die Bildebene in die Spielzeugwelt. Der Panzer feuert prompt zurück, was ein wenig an Tischfeuerwerk erinnert, aber seinen Zweck erfüllt.

Die heikelste Episode ist die letzte, denn die Geschichte der 14-jährigen Tschechin Eva (Natálie Vágnerová) spielt in Auschwitz. Erneut zeigt sich, wie klug die Idee mit der Miniaturwelt war: Dank der dokumentarischen Bilder wirkt es in keiner Weise albern, wenn Szenen mit einer Spielzeuglokomotive nachgestellt werden. Auch die Baracken sind als Modell nachgebaut worden. Zur schwierigen Erzählung vom Schicksal der Menschen in den Öfen steigt zarter Rauch aus gebastelten Kaminen.

Infos zur Sendung "Der Krieg und ich"

Der Kinderkanal zeigt die acht Episoden ab 31. August samstags und sonntags (20.00 Uhr) in Doppelfolgen. Ab dem 3. November läuft die Serie im Ersten. Die Webseite derkriegundich.de bietet zusätzliches Material in Wort und Bild, etwa über die studentische Widerstandsbewegung „Die weiße Rose“ oder ein Interview mit der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano. Hier gibt es auch Erklärstücke zu Begriffen wie „Judenstern“ oder „Hitlerjugend“. Planet Schule, das öffentlich-rechtliche Bildungsangebot von SWR und WDR, stellt auf planet-schule.de umfangreiche Unterrichtsmaterialien und ein Glossar zu „Der Krieg und ich“ zur Verfügung

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