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Medien & TV Contergan-Opfer zeigen sich nackt vor der Kamera
Nachrichten Medien & TV Contergan-Opfer zeigen sich nackt vor der Kamera
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19:19 09.08.2010
Elf Menschen hat Niko von Glasow in seinem Film porträtiert. Einer von ihnen ist Fred Dove, Radioreporter und Moderator der BBC World Service.
Elf Menschen hat Niko von Glasow in seinem Film porträtiert. Einer von ihnen ist Fred Dove, Radioreporter und Moderator der BBC World Service. Quelle: ARD
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Niko von Glasow wollte diesen Film nicht machen. Niemals! In seinem bisherigen Leben ist er immer auf Distanz zu den „Contis“ gegangen. „Ich bin denen richtig ausgewichen, weil sie mir wie die gespiegelte Karikatur meiner Selbst vorkamen.“ Seine Frau redete Klartext: „Niko, es wird Zeit, dass du dem Teufel in den Hintern guckst.“ Und da hat der Contergan-geschädigte Regisseur ihn doch gemacht, den Dokumentarfilm „NoBody’s Perfect“ über Contergan-Opfer. Die ARD zeigt heute den mehrfach ausgezeichneten Kinofilm.

„Papa, warum gehst du mit mir nicht ins Schwimmbad?“, fragt Sohn Mandel ihn in dem Film. Die Menschen im Bad „glotzen“ auf die kurzen Arme, das sei ihm unangenehm. Er erkennt, dass er seine Behinderung immer verdrängt hat, und entscheidet sich zur Radikalkur. Von Glasow überredet elf behinderte Mitstreiter, sich für einen Kalender fotografieren zu lassen, nackt. Tatsächlich, man glotzt als Zuschauer auf die kurzen Arme und Beine, guckt und sieht – nackte Menschen: verschämt, ausgelassen, erotisch, ängstlich, in sich ruhend.

Dieser Film ist bedrückend: „Hast Du schon mal an Selbstmord gedacht?“, fragt von Glasow den Freund aus früheren Schultagen, Andreas Meyer. Der Mann im Rollstuhl antwortet mit einem knappen, bitteren „Ja“. Das Schweigen danach dauert unerträglich lang. Der Film macht bescheiden. „Ich hätte gerne mal lange Arme, um die Hände in die Hosentasche zu stecken“, sagt Sozialarbeiterin Sofia Plich.

Der Film hat bissigen Humor: etwa wenn der britische Schauspieler Matt Fraser mit dem Geld aus dem Kalenderprojekt ein „Contergan-Klo“ kaufen möchte, für Menschen mit kurzen Armen wie ihn. „Nach dem Geschäft bleibst du sitzen. Das Wasser spült hoch und duscht dir den Arsch, dann wirst du geföhnt.“ Und der Film ist unzensiert ehrlich: „Die (Grünenthal-Eigentümer) haben die Menschen über die Klinge springen lassen, um Geld zu verdienen“, sagt Andreas Meyer.

Das Pharmaunternehmen Grünenthal, im Besitz der Familie Wirtz, brachte das Schlafmittel Contergan 1957 auf den Markt – eine Warnung vor Nebenwirkungen, besonders bei Schwangeren, gab es nicht. Also nahmen viele schwangere Frauen das Mittel, auch weil es gegen Übelkeit half, mit verheerenden Folgen: Der Wirkstoff Thalidomid störte den Wachstumsprozess vieler Ungeborener, weltweit kamen etwa 10 000 Kinder mit körperlichen Missbildungen – meist kurzen Armen und Beinen – auf die Welt.

Der Wirtz-Clan weiß, welcher Film da in der ARD läuft. Von Glasow hat den Gesellschaftern eine DVD geschickt, verbunden mit der Einladung zum Gespräch. „Ich weiß, dass meinen Film nicht nur die Familie Wirtz gesehen hat, sondern viele Menschen, die in der Pharmaindustrie arbeiten.“

Passiert ist dieses Mal nichts: keine Kontaktaufnahme, keine Erklärung, keine Klage. Die Ausstrahlung des Contergan-Spielfilms „Eine einzige Tablette“ vor drei Jahren hatte Grünenthal vor Gericht noch erbittert bekämpft – am Ende durfte der Film gezeigt werden. „NoBody’s Perfect“, das ist für den gebürtigen Kölner ein persönlicher und politischer Erfolg. „Durch den Film habe ich die Scheu vor Contergan-Behinderten verloren. Ich habe mich mehr mit mir befreundet“, sagt er bei einem Treffen in einem Kölner Hotel.

Der Film ist weltweit in den Kinos gelaufen, auf 49 Festivals, und jetzt ist das Fernsehen dran, in vielen Ländern. Einem Konzern, der gerade international an seinem Image als Schmerzspezialist arbeitet, muss das wie ein Stachel im Fleisch sitzen.

Irgendwann wird er mal mit dem Wirtz-Clan sprechen, ist von Glasow sicher. „Ich glaube, dass die Familie Wirtz sehr leidet und ihr Leid an die Enkel und Urenkel weitervererbt.“ Zur Vergebung gehört seiner Meinung nach Buße, also eine Entschädigung – mehr als die bislang vereinbarten Renten. „Die würden es nicht merken, wenn sie eine gerechte Entschädigung zahlen würden. Sie müssten auf keinen Swimmingpool verzichten, auf keine Segeljacht, vielleicht auf die eine oder andere Villa.“

dpa