Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Medien & TV Die coolste Wurst aus Kopenhagen
Nachrichten Medien & TV Die coolste Wurst aus Kopenhagen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 10.05.2014
Von Imre Grimm
Foto: Die blonden Zwillinge Anastassija Andrejewna und Marija Andrejewna Tolmatschowа treten für Russland an - und wurden ausgebuht.
Die blonden Zwillinge Anastassija Andrejewna und Marija Andrejewna Tolmatschowа treten für Russland an - und wurden ausgebuht. Quelle: Imre Grimm
Anzeige
Kopenhagen

DIE EXOTIN

Sie heißt Wurst. Das ist kein schöner Name, und es ist nach landläufigen Maßstäben auch eher nicht schön, wenn ein Mann, der eine Frau sein will, schwarze Bartstoppeln trägt. Da kann er sich mit Vornamen gern Conchita nennen oder auch Carmen Jacinta Xeveria Esmeralda Mercèdes. Am Ende bleibt als Eindruck: Haare. Wurst. Seltsam. Dabei geht es natürlich gar nicht um schnöde Schönheit bei Conchita Wurst, dem österreichischen Eurovisions-Gesamtkunstwerk. Es geht um Gendergrenzen, um das Spiel mit Rollenmustern und Erwartungen, um Mut zum Anderssein und das ganze komplexe Toleranzpaket, das Thilo Sarrazin, Matthias Matussek, Akif Pirinçci und andere aktuell so strapaziert. Sie macht es einem allerdings auch nicht leicht.

Conchita Wurst – bürgerlich Thomas Neuwirth – sieht aus wie Harald Glööcklers sensible Kusine, eine Kunstfigur, ein Zwischenwesen, eine milde Provokation, die Antwort eines homosexuellen Künstlers aus dem steirischen Örtchen Bad Mitterndorf auf die Kränkungen, die er erlitt und noch erleidet. In Kopenhagen galt Conchita natürlich sofort als coolste Wurst des europäischen Popzirkus'. Jedenfalls bei der schwulen Kernzielgruppe, die sie inbrünstig als Toleranz-Ikone verehrt, als mutige Galionsfigur für Queerness, die sich nicht um Spott und schale Blicke schert. Und schon gar nicht um homophobes Geplärre aus allerlei peripheren Ecken des kulturell inhomogenen Kontinents, in denen ein Mann in Frauenkleidern noch manchen erregt. Ihr Lebensstil sei „nicht normal und nicht angemessen“, sagte ausgerechnet der armenische ESC-Favorit Aram Sargsyan (Aram MP3) in Kopenhagen. Er werde es schon „irgendwie ertragen“, neben dieser Person aufzutreten, sagte er, man könne ihr aber auch gern dabei helfen, „zu entscheiden ob sie eine Frau oder ein Mann ist“. Er entschuldigte sich dann später, aber was hilft's? Auch ein russischer Provinzpolitiker war sich nicht zu blöd, sich mit schwulenfeindlichem Blödsinn in die Schlagzeilen zu quatschen („himmelschreiende Propaganda von Homosexualität und spirituellem Niedergang“).

Nun ja: Aufmerksamkeit ist Conchita Wursts Ziel. Und die gibt’s hier – das ist die positive Kehrseite des Gezeters – sehr reichlich. „Das hier ist genau das, was ich wollte und was ich mir für mein Leben wünsche. Von mir aus könnte das immer so weiter gehen“, sagt sie. Ihr Problem ist, dass man sich länger als drei Minuten mit ihrem verzwickten Anliegen beschäftigen muss, um sie nicht als irre Trash-Exotin abzutun. Beim ESC gibt’s aber nun mal nur diese berühmten 180 Sekunden.

Kritik an ihrer Teilnahme kommt nicht nur aus semidemokratischen Splitterstaaten, sondern auch aus Österreich selbst. Ausgerechnet Alf Poier, nicht komplett geschmackssicherer Komiker, der 2003 selbst beim ESC erfolgreich war (Platz 6 in Riga mit „Weil der Mensch“ zählt), maulte über „verschwulte Zumpferl-Romantik“. Wie jemand seine Sexualität auslegt, sei jedem selbst überlassen. „Aber dass das ständig an die große Glocke gehängt werden muss: ,Ha, wir sind so benachteiligt ... und wir sind eine Minderheit', dieses Gesülze geht mir ordentlich auf den Wecker. Wenn jemand nicht weiß, ob er ein Manderl oder ein Weiberl ist, dann gehört er eher zum Psychotherapeuten als zum Song Contest.“

Conchita Wurst ist es, nun ja, wurscht. Am Donnerstag muss sie mit ihrer pathetischen Ballade „Rise Like A Phoenix“ das zweite Halbfinale überstehen. Sonst ist es schnell vorbei mit der Aufmerksamkeit. Wir erinnern uns: 1998 ging für Israel die transsexuelle Dana International an den Start („Diva“). Und siegte. Allerdings ohne Bart.

DER POLITISCHE KONFLIKT

Ganz blöd gelaufen für die blonden Zwillinge Anastassija Andrejewna und Marija Andrejewna Tolmatschowа. Da hast du die Chance deines Lebens, und dann ist dein Heimatland Russland zufällig gerade in diesem Jahr der böse Buhmann in einem multinationalen Konflikt. Tapfer lächeln sich die 17-jährigen eineiigen Schwestern durch Kopenhagen, schaukeln auf ihrer Riesenschaukel auf der Bühne artig durch ihren soliden Song, und eisern hält auch die Europäische Rundfunkunion EBU an ihren Credo fest, der ESC sei natürlich unpolitisch. Doch bei den Proben in der Arena gibt’s demonstrativen Applaus für die Ukraine – und Stille nach der Performance der Russinnen. Im Halbfinale, als die zwei mit Botschaft von Liebe und Toleranz ins Finale einzogen, buhte die Halle gar. Zehn Sekunden lang. Sehr laut.

Die EBU wirkt hilflos angesichts der Tatsache, dass der aktuelle Zustand der Welt selbstverständlich auch vor dem ESC nicht Halt macht, der doch immer ein kultureller Spiegel der politischen Befindlichkeiten des Kontinents war. Mit einer großen Russlandfahne waren die Zwillinge auch beim Empfang im Kopenhagener Rathaus über den Roten Teppich marschiert. Ein deutscher Fan buhte, und die dänischen Ordner entfernten den Mann. Chinesische Verhältnisse beim ESC? „Das Sicherheitspersonal ist selbstverständlich nicht angewiesen, auf die Äußerung von persönlichen Meinungen zu reagieren und einzugreifen“, versichert Event Supervisor Sietse Bakker treuherzig. Einschränkungen gebe es nur, „wenn dadurch die Live-Übertragung etwa vom Roten Teppich gestört oder die Arbeit anderer behindert wird“. Und da der Empfang nun mal im Fernsehen lief...

Immerhin: Die Frage, welchem Land eigentlich die Anrufe auf der Halbinsel Krim zugeordnet werden (Russland oder der Ukraine) hat die EBU inzwischen geklärt: Krim-Anrufe sind ukrainische Anrufe. Man begründet das natürlich wie üblich nicht politisch. Das Telefonnetz gehöre technisch nun mal zur Ukraine. Es wäre doch typisch Wladimir Putin, wenn er bis Sonnabend ein reitendes Heer von Netzwerktechnikern losjagte, um noch schnell die Stecker umzustöpseln.

DIE LOGISTISCHE PLEITE

Was für eine Quatschidee der Dänen, das größte Musikfest der Welt auf einem Schrottplatz auf einer verkümmerten Insel im Hafen zu veranstalten. Das Gelände sieht aus, als sei bei „Mad Max“ der letzte Sprit ausgegangen, überall Stahl, Graffitti, Staub. Man redet sich den improvisierten Murks mit „Industrieschick“ und „Nachhaltigkeit“ schön.

Doch der ESC-Alltag ist absurd kompliziert: Shuttlebusse fahren nicht, die einzige Zufahrtstraße zur Insel – die man euphemistisch „Eurovision Island“ getauft hat – ist ein schmales Gässchen, der Backstagebereich und das Pressezentrum sind eine riesige Zeltstadt auf schwankenden Planken, ein bisschen wie in der US-Serie „Hell on Wheels“, wo das schlammige Lager der Erbauer der ersten transkontinentalen Eisenbahn der USA mit den Schienen mitwandert. Wenn es regnet, hat der ESC 2014 etwas von Zeltlager an der Ostsee. Das Ganze wirkt, als heiße der Sicherheitsbeauftragte Kermit, der Frosch. Seltsam, dass Winzländer an der Kante zur Drittstaatlichkeit ein solches Mega-Ereignis wie den ESC flotter und smarter organisieren als die alte Kulturnation Dänemark. 

Tiefpunkt ist das Verkehrschaos rund um die Arena. Als gar nichts mehr ging, explodierte auch noch eine Würstchenbude neben der Halle. Ein Mann erlitt leichte Verbrennungen. Nicht etwa, weil auf dieser Müllhalde noch in irgendeiner Blechhütte ein ranziges Waffenlager herumgammelte, sondern weil eine Gasflasche den Geist aufgab. Aber möglich wär's gewesen. Hier hat man überall das Gefühl, man öffnet eine quietschende Tür und findet dahinter entweder sieben Säcke rostige Nägel, drei tote Katzen oder das Bernsteinzimmer.

Es sollte halt unbedingt Kopenhagen sein, auch auf politischen Wunsch hin, wie man so hört. Dabei hätte es in Herning in der Mitte Dänemarks eine erst vier Jahre alte, massentaugliche Arena gegeben, die im Januar für die Handball-Europameisterschaft gut genug war. Nun laufen die Kosten aus dem Ruder. Der Umbau der riesigen Werfthallen zu einer ESC-Arena auf Zeit ist schon jetzt drei Millionen Euro teurer als geplant, berichten dänische Medien: zehn Millionen statt sieben Millionen. Die Gesamtkosten für den ESC liegen bei deutlich über 20 Millionen Euro – bei einem Event, das doch eigentlich sparsamer, kompakter und genügsamer werden wollte. Dänemark zeigt in mehrfacher Hinsicht, wie es nicht geht.

DAS STEHAUFMÄNNCHEN

Und da ist er wieder. Ralph Siegel (68), das Stehaufmännchen des Grand Prix, der Kastenteufel des Eurovision Song Contest, hat mit San Marino im dritten Anlauf tatsächlich das Halbfinale überstanden. Erstmals seit 2006 steht er wieder im ESC-Finale. Siegel ist wieder da – es ist das größte Comeback seit, tja, Rocky und „Classic Coke“. Er selbst saß – erstmals seit 1982 – wieder persönlich und sehr ergriffen am Flügel, als seine Sängerin Valentina Monetta (39) wie die schaumgeborene Venus in einer riesigen Muschel zu einer Ballade über Liebe, Frieden, Dies und Das abhob, wie sie nur Siegel zustande kriegt. Der Kontinent goutierte den Song "Maybe" – und der große alte Mann des Ein-Ton-rauf-Prinzips freute sich kaum weniger als vor 32 Jahren, als Nicole den Kalten Krieg in Grund und Boden sang.

UND DIE DEUTSCHEN?

Das Trio Elaiza („Is It Right“) tut sein Bestes, sich in Kopenhagen volksnah und fröhlich zu geben.

Die ganz große Aufmerksamkeit aber gehört anderen. Das muss kein Nachteil sein, denn selten gewinnt beim ESC der Act, der im Vorfeld die größte Welle macht. Sie kämpfen noch etwas mit der Lichtregie und feilen noch am Bühnenbild. Musikalisch aber können sie jedem hier das Wasser reichen. Sie müssen allerdings – Lospech – in der ersten Hälfte des Finales auf die Bühne. Seit 2004 traten alle späteren Sieger erst in der zweiten Hälfte der Show auf. Die endgültige Startreihenfolge wird am Donnerstag nach dem zweiten Halbfinale festgelegt. Am Ende aber gilt für Elaiza vor allem: Locker bleiben. „Musik sollte ja keine Angst machen.“ Hoffen wir, dass nicht wieder irgend etwas explodiert.

Medien & TV Halbfinale bei Eurovision Song Contest - Ralph Siegel hat schon jetzt gewonnen
07.05.2014
Medien & TV „The Voice of Germany“ - Rea Garvey gibt sein Jury-Comeback
07.05.2014
Imre Grimm 09.05.2014