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Kultur Warum die Japaner im Angesicht der Katastrophe gefasst bleiben
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23:46 14.03.2011
Von Stefan Arndt
„Tsunami“ bedeutet „große Welle im Hafen“.
„Tsunami“ bedeutet „große Welle im Hafen“. Quelle: oh
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Die Katastrophe war überfällig. Das große Kantô-Erdbeben, das 1923 eine bis dahin beispiellose Verwüstung in Japan ausgelöst hatte, war einfach schon viel zu lange her. Man rechnet in dem Land rund alle 60 Jahre mit ungewöhnlich starken Erdbewegungen: Auf das Beben in der vergangenen Woche haben die Japaner also seit einem Vierteljahrhundert gewartet.

Das erklärt zumindest teilweise, warum viele von ihnen in den ersten Tagen so gefasst auf das Leid reagiert haben, das ihnen derzeit widerfährt. „Man hat in Japan schon immer den eigenen Untergang thematisiert“, sagt der Sinologe und Asien-Experte Helwig Schmidt-Glintzer. Darum gäbe es auch jetzt keine wirkliche Überraschung im Land. „Die Erfahrung, dass es solche Katastrophen gibt, ist sehr alt und im kollektiven Bewusstsein.“ Man wisse auch, dass die Zerstörungen jedesmal größer würden: „Schließlich sind es heute keine Holzhäuser mehr, die zerschlagen werden“, sagt Schmidt-Glintzer.

Schon die Kleinsten lernen daher, wie man sich zu verhalten hat, wenn die Erde bebt. Im Fernsehen sind derzeit oft die mobilen Übungsräume zu sehen, die den Ernstfall simulieren sollen: lachende Kindergartenkinder zwischen wackelnden Wänden. Die Übungen erstrecken sich über die ganze Ausbildungszeit – und enden auch im Erwachsenenalter nicht. Vielerorts kümmern sich die allgegenwärtigen Nachbarschaftvereine darum. Sie sind es auch, die jetzt Hilfsaktionen und Wiederaufbau organisieren. Die rot-weiß gestreiften Fahnen, mit denen sonst Aktivitäten und Feste oft markiert sind, hängen heute über den langen Listen mit den Vermissten.

Die Nachbarschaftvereine entstammen einer jahrhundertealten Tradition, sagt die Hamburger Japanologin Gabriele Vogt: In der Shogun-Zeit wurden die Steuern nicht von den einzelnen Untertanen, sondern von Gruppen benachbarter Menschen erhoben. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die amerikanischen Besatzer versucht, diese Strukturen aufzulösen und die Gesellschaft zu individualisieren – und waren damit nur wenig erfolgreich. In den sechziger Jahren waren die Vereine ein Ort der Opposition, heute übernehmen sie zum Teil die Wohltätigkeitsarbeiten, die die Kommunen nicht mehr leisten. Mindestens 80 Prozent der Japaner sind Mitglied in den Vereinen. „Wer erwachsen ist“, sagt Vogt, „ist auch dabei“. Es ist ein starker Kitt in der Gesellschaft, den man im Westen vergeblich sucht.

„Es gibt ein sehr starkes Japan-Wirgefühl“, sagt auch Schmidt-Glintzer. Das werde bei der Bewältigung der Krise helfen, vermutet er, ja sogar mehr als das: „Es könnte sogar sein, dass Japan gestärkt aus der Katastrophe hervorgeht, weil allen klar ist, dass sie sich anstrengen müssen.“ Die Bereitschaft dazu sei überaus hoch, es gebe quer durch alle Generationen ein kollektives Verantwortungsgefühl.

Das sieht man auch an den Flughäfen des Landes. Während viele Ausländer hektisch abreisen, bleiben die Japaner fast alle im Land. „Warum haut keiner ab?“, fragt die Japanologin Gabriele Vogt und antwortet gleich selbst: „Das liegt am Ganbaru.“

Ganbaru ist ein Ausdruck, den man in Japan vom Kindergarten an mitbekommt. Er bedeutet so viel wie „nur nicht unterkriegen lassen“, „immer weiter“ und „letztlich wird man jede Situation meistern“. In der japanischen Umgangssprache sei das Wort stark verbreitet, sagt Vogt. „Bringt ein Schüler eine Drei nach Hause, bekommt er es von der Mutter zu hören: Streng dich an, das nächste Mal kannst du eine Zwei schaffen.“ Dann benutzt Vogt eine sehr japanische Formulierung, um Ganbaru zu erklären: „Man wird dadurch von seinen Mitbürgern weitergetragen.“

Ganbaru prägt gerade jetzt die gesamte japanische Gesellschaft: Vogt hat von einem deutsch-japanischen Ehepaar gehört, bei dem der deutsche Partner Japan verlassen hat. Die japanische Hälfte des Paares weigert sich mitzukommen und baut sogar Druck auf den deutschen Ehepartner auf, wieder zurückzukommen: „Seine Nichtpräsenz würde zeigen, dass er dieses Ganbaru nicht verinnerlicht habe – das würde Schande über die Familie.“

Mit Kamikaze-Mentalität oder Opferbereitschaft dürfe man das aber nicht verwechseln. Es gehe nicht darum, sitzen zu bleiben und sich verstrahlen zu lassen, sagt Vogt, sondern darum, das Beste zu tun, um die Situation gemeinsam zu meistern. „Wer wegrennt“, so beschreibt Vogt die japanische Seelenlage, „ist unsolidarisch.“