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Kultur Flucht in die Urlaubswelt
Nachrichten Kultur Flucht in die Urlaubswelt
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09:00 24.02.2014
 Der Buchautor Volker Weidermann. Quelle: Zimmermann
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In dem schmalen Band zeichnet der Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ein paar Wochen im Leben der Schriftsteller nach; er skizziert die Vorgeschichte dieses Sommers und erzählt auch vom Schicksal der beiden in den Jahren nach 1936. Roth stirbt 1939 in Paris, Zweig begeht 1942 in Brasilien Selbstmord.

Auf nicht einmal 160 Seiten umreißt Weidermann die Tragik des Exils. Er beschreibt die innige Verbindung von Zweig und Roth zum deutschen Literaturbetrieb, zur deutschen Sprache und zur österreichischen Heimat. Der Bestsellerautor und Schlossbesitzer Zweig stammt aus Wien, der „kleine arme Jude“ (Roth über Roth) aus Ostgalizien, das lange zum K.u.K.-Reich gehörte. Im belgischen Seebad Ostende flüchten sie sich „in eine Urlaubswelt“, und doch dreht sich bei den Treffen mit Emigrantenfreunden wie Ernst Toller, Egon Erwin Kisch und Hermann Kesten nahezu immer alles um Nazi-Deutschland.

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Besonders deutlich wird das, als Irmgard Keun im Sommer 1936 nach Belgien reist. Die Autorin von „Das kunstseidene Mädchen“ hat Deutschland aus Ekel vor den Nazis, die ihre Bücher verboten haben, verlassen. Die Exilanten sind gierig auf Neuigkeiten aus der alten Heimat.
Keun ist voller „Begeisterung für die Emigrantenwelt“, schreibt Weidermann und zitiert aus einem Brief der ironisch-scharfzüngigen Autorin nach Deutschland: „Ich bin die einzige Arierin hier!“ Die hübsche, weltgewandte Frau verliebt sich in den von seinem Alkoholismus gezeichneten Roth und lebt zwei Jahre mit ihm zusammen.

Manchmal fast nüchtern, eher Reporter als Literat, schildert Weidermann die Geschehnisse. Er rafft Begebenheiten und erläutert politische Hintergründe, er zitiert aus Briefen und Tagebüchern und bleibt dabei stets angenehm zurückhaltend. Das Dilemma der Exilanten zeigt er jedoch einfühlsam auf: wie sehr sie Nazi-Deutschland verachten – und am alten Europa hängen.

Volker Weidermann: „Ostende. 1936 – Sommer der Freundschaft“. Kiepenheuer & Witsch. 159 Seiten, 17,99 Euro.
Am 24. Februar, 19.30 Uhr, liest der Autor im hannoverschen Literaturhaus aus dem Buch, das am 8. März erscheint.

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