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Kultur Viktoria Tolstoy beim Masala-Festival
Nachrichten Kultur Viktoria Tolstoy beim Masala-Festival
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23:05 10.05.2009
Let the sun shine in: Viktoria Tolstoy beim Masala-Festival im Pavillon.
Let the sun shine in: Viktoria Tolstoy beim Masala-Festival im Pavillon. Quelle: Martin Steiner
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Tschaikowsky? Schostakowitsch? Rachmaninow? Schließlich steht dieser Abend unter dem Motto „My Russian Soul“. Und so heißt auch die neue CD der in Schweden geborenen Ururenkelin des russischen Dichterfürsten Leo Tolstoi.

Darauf hat sie ihre russischen Wurzeln, vor allem die Musik Tschaikowskys wie sie selber mit nordischem Understatement sagt „ein wenig umarrangiert“ und in den Jazz überführt. Aber es kommt nicht Tschaikowsky. Nein, der Song, den Tolstoy letztlich anstimmt, stammt von Pop- Funk Genius Prince: „Te Amo Corazón“. Wenig später wird noch Peter Gabriels „Kiss That Frog“ folgen. Pop? Jazz? Klassik? Gar Weltmusik? Schließlich tritt die Tolstoy auf einem als Weltmusik deklarierten Festival auf – dem Masala-Festival, das seit Mittwoch (und bereits zum 15. Mal) die Stadt musikalisch belebt.

Etikettenschwindel? Stilbruch? Sicherlich. Aber warum nicht: Am Ende sollte es niemanden scheren – wenn dabei solch bezaubernde Musik herauskommt. Diese hat (jedenfalls live) nur wenig mit dem heimeligen, nach dem Reißbrettmuster entwickelten Pop-Jazz ihrer erfolgreichen skandinavischen Kolleginnen zu tun. Ob Tschaikowsky oder Prince: Tolstoy und ihr nahtlos kommunizierendes Quartett (Jakob Karlzon, Piano; Matthias Svensson, Bass; Rasmus Kihlberg, Schlagzeug) entwirren den gordischen Knoten aus Jazz- Harmonik, metrisch verzwickten Grooves und Motiven aus Klassik und Pop mit viel Geschick und klingen dabei ebenso natürlich wie dynamisch und fließend.

Ihre Erkundungen der russischen Seele fangen meist verhalten an, entwickeln sich mit feinen Abstufungen und können mitunter zu Orkanstärke anwachsen. Dass etwa das ebenso funkige wie düstere Stück „Aftermath“ auf dem Hauptthema von „Schwanensee“ basiert, ist dabei nur eines von vielen erstaunlichen Details dieses Konzerts. Das nach anderthalb Stunden mit großem Beifall endet. Doch die Tolstoy kommt wieder. „Baby, you let my love grow cold“ singt sie als zweite Zugabe. Authentisch Blues singen kann sie also auch noch. Und das wirkt überhaupt nicht kalt, sondern heiß. Sehr heiß.

von Bernd Schwoppe

Masala geht am Montag um 20 Uhr im Schauspielhaus mit dem südafrikanischen Trompeter Hugh Masekela weiter. Am Dienstag spielt das Didier Squiban Jazz-Trio aus Frankreich in der Marktkirche.