Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Kultur "Der Schriftsteller ist ein Türmer"
Nachrichten Kultur "Der Schriftsteller ist ein Türmer"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:22 14.04.2015
Von Martina Sulner
Foto: Am 16. April liest Uwe Timm im hannoverschen Literaturhaus
Am 16. April liest Uwe Timm im hannoverschen Literaturhaus Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Herr Timm, einer Ihrer Essays im gerade erschienenen Buch „Montaignes Turm“ trägt die Überschrift „Kann man schreiben lernen?“. Und: Kann man?

Man kann das Schreiben lernen. Und man lernt es in der Schule. Das ist mit viel Arbeit verbunden. Die meisten schreiben im Leben nur noch dann, wenn sie müssen. Aber ein paar Menschen sind dem Schreiben verfallen. Das sind die Schriftsteller. Und auch das literarische Schreiben kann man verbessern, kann das Geschriebene diskutieren, umwandeln. Aber den Grund, warum man schreibt, den kann man nicht erlernen. Man schreibt aus Verletzungen heraus, aber auch aus Lust an der Sprache, am Erzählen.

Wie haben Sie denn „schreiben gelernt“, in Zeiten, als es noch keinen Studiengang Kreatives Schreiben gab?

Ich habe viel gelesen und immer geschrieben. Tagebuch, kleine Geschichten, Gedichte. Gelernt und etwas von den Strukturen der Sprache und des Erzählens begriffen, habe ich durch das Umschreiben, also durch das Verbessern.

Wie wichtig ist Ihnen, dem gelernten Kürschner, der Begriff des Handwerks beim Schreiben?

Zur Person

Uwe Timm, geboren 1942, ist einer der erfolgreichsten deutschen Autoren. „Die Entdeckung der Currywurst“, „Rennschwein Rudi Rüssel“ und „Am Beispiel meines Bruders“ waren Bestseller. Gerade ist sein Essayband „Montaignes Turm“ (Kiepenheuer & Witsch, 184 Seiten, 16,99 Euro) erschienen. Am 16. April liest er im hannoverschen Literaturhaus; die Veranstaltung ist bereits ausverkauft. HAZ-Redakteurin Jutta Rinas moderiert den Abend.

Das Handwerkliche ist ganz entscheidend für jede Kunst. Für die Malerei, die Musik, die Literatur. Gerade an der Literatur oder Komposition kann man sehen, dass man bestimmte Dinge beherrschen muss, erst dann kann man daraus Kunst machen.

„Staunen, Stutzen, Zögern“ muss die Arbeit eines Autors begleiten, schreiben Sie. Was ist so bedeutend am Staunen und Stutzen?

Das Staunen über die Welt ist etwas Wunderbares, was man an Kindern beobachten kann. Dieses Entdecken, das Neu- und Erstmals-Sehen. Das ist aber auch die Basis für Kunst und Literatur: die Dinge, die Menschen neu und anders sehen. Also etwas so beschreiben, dass es neu und überraschend ist. Das macht ja auch die Lust am Lesen aus.

Staunt es sich in der deutschen Sprache besonders gut? Immerhin haben Sie in dem aktuellen Band auch einen Essay mit dem Titel „Lob der deutschen Sprache“ veröffentlicht.

Staunen kann man in allen Sprachen, und dieses Staunen auch mitteilen, mündlich wie schriftlich. Die deutsche Sprache kennt aber den Konjunktiv, und der gibt der Sprache dieses Reiche, das besagt, es könnte so sein oder es könnte so gewesen sein. Zweifel liegt darin und Wunsch.

Wie dringend braucht ein Autor den Konjunktiv?

Der Konjunktiv geht ja leider langsam verloren. Ich empfinde das als eine Verarmung der sprachlichen Ausdrucksmittel. Der Konjunktiv zeigt ja eine andere Möglichkeit an. Das heißt aber nicht, dass – was in den Sechziger-, Siebzigerjahren mal Mode war – die Romane gleich ganz im Konjunktiv geschrieben werden müssten. Das wird dann zur Manier.

Und wie dringend braucht ein Autor einen Turm, in den er sich zurückziehen kann?

Ich habe mein Arbeitszimmer in einem rechteckigen, zum Dach gehörenden Turm. Ich habe mir schon als Kind ein Turmzimmer gewünscht. Jetzt sitze ich darin, kann auf den Englischen Garten und die Straße hinabsehen und habe das Gefühl, geschützt in meiner Arbeit zu sein. Der Schriftsteller ist ein Türmer, der aus der Distanz blickt und berichtet und der die Zurückgezogenheit für seine Arbeit braucht.

Sie haben Ihrem Buch einen Satz von George Steiner vorangestellt: „Die Stummheit der Tiere hat als Spur in uns überdauert.“ Was meint das genau?

Die den Büchern vorangestellten Motti finde ich überflüssig, wenn sie gleichsam Proklamationen sind oder allzu gewaltsam einen Bezug zum Text herstellen, diesen gar deuten. Der Satz mit der Stummheit hat etwas Geheimnisvolles und ist mehrdeutig. Liest man in „Montaignes Turm“ die Essays über die Hausmärchen der Brüder Grimm oder über Kleist, nähert man sich einem Verstehen.

Die Dauerkommunikation etwa in sozialen Netzwerken ist so ungefähr das Gegenteil von Stummheit. Wo erkennen Sie denn die Spur, die in uns überdauert hat?

In der Genauigkeit und Schönheit der Sprache, der literarischen Sprache.

Interview: Martina Sulner

Kultur Jugendtheater - Ein guter Wurf
Ronald Meyer-Arlt 13.04.2015
Kultur Nachruf zum Tod von Günter Grass - Eine deutsche Instanz
Jutta Rinas 13.04.2015
Kultur Reaktionen auf den Tod von Grass - „Trommle für ihn, kleiner Oskar“
13.04.2015