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Kultur Unesco beklagt zerwühltes Menschheitserbe
Nachrichten Kultur Unesco beklagt zerwühltes Menschheitserbe
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16:54 11.07.2009
Römisch-Germanischen Zentralmuseum Nebukadnezar Babylon Unesco Alpha Hubschrauberlandeplatz Besatzungstruppen Irak Antikenhehlerei
Die Ruinen des Palastes von König Nebukadnezar in Babylon sollen teilweise zerstört sein. (US-Truppen in der antiken Stadt, Archivbild 2004) Quelle: afp
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Die Unesco hat am Donnerstag in Paris US-Truppen für Verwüstungen in Babylon verantwortlich gemacht. Die archäologischen Stätten in der Wiege der Menschheit sollen zum Teil unwiederbringlich zerstört worden sein. Was wissen Sie darüber?

US-Truppen richteten in Babylon das Militärlager „Camp Alpha“ ein, sie bauten einen Hubschrauberlandeplatz, zogen Schützengräben und planierten Hügel. Über die Idee, ausgerechnet in einer zentralen archäologischen Stätte eine Militärbasis zu errichten, kann man sich nicht genug wundern. Das ist absurd und zeugt von einer unvorstellbaren Ignoranz. Truppen unseres Verteidigungsbündnisses haben im Namen der Verteidigung unserer Freiheit gewaltige Zerstörungen am kulturellen Erbe, den Wurzeln unserer Zivilisation, angerichtet. 2005 haben Wissenschaftler erstmals in Berlin einen Bericht darüber vorgelegt, aber es muss noch stärker ins öffentliche Bewusstsein dringen, damit so etwas nicht wieder vorkommt.

Was bedeutet es für archäologische Stätten, wenn Panzer darüberrollen?

In archäologischen Stätten können bereits Fußgänger Schäden anrichten. Umso verheerender ist es natürlich, dass mit schweren Panzern zum Beispiel über das mehr als 2500 Jahre alte Pflaster der Ischtar-Prozessionsstraße gefahren wurde. Sie können sich vorstellen, was davon noch übrig geblieben ist. An anderen Stellen wurde das Terrain bewusst verdichtet. Zudem wurde auch noch Material aus anderen Ruinenstätten herbeigeschafft. So wurden fremde Informationen nach Babylon gebracht, die Forscher in Zukunft irreleiten werden.

Von April 2003 bis Dezember 2004 befand sich ein Stützpunkt der Besatzungstruppen direkt im Bereich der Residenz des sagenumwobenen Königs Nebukadnezar. Was passierte dort?

Der Anfang des 20. Jahrhunderts bei einer Expedition der Deutschen Orient-Gesellschaft unter Robert Koldewey ausgegrabene Palast war schon davor in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Diktator Saddam Hussein hat den Palast teilweise wieder aufbauen lassen, was, gelinde gesagt, unglücklich war. Auf empfindlichen Fundamenten wurden tonnenschwere Ziegelmauern errichtet.

Ihr Kollege John Curtis vom Britischen Museum in London äußerte die Vermutung, Soldaten hätten auf der Suche nach Souvenirs wertvolle Reliefs herauszubrechen versucht.

Ich habe selbst Fotos von Beschädigungen gesehen. Es wurden offenbar tatsächlich Ziegel herausgebrochen, zum Teil mit Inschriften von Nebukadnezar. Auch die Drachenreliefs des Ischtar-Tores sind beschädigt worden. Die Armee bemühte sich allerdings, dem Einhalt zu gebieten.

Ist es nicht zynisch, dass vonseiten der US-Armee argumentiert wurde, man sei in diese Gebiete gegangen, um Plünderungen zu verhindern?

Was von Soldaten zerstört wurde, konnte natürlich nicht mehr von Plünderern verwüstet werden. Aber es stimmt schon: Das noch größere Problem im Irak sind die Plünderungen. Während wir uns hier unterhalten, gehen die Raubgrabungen an Zehntausenden Stellen ungebremst weiter. Es werden bis zu zehn Meter tiefe Löcher gegraben, ein Loch neben dem anderen, es gibt mehrere Millionen Löcher, es sind ganze Mondlandschaften entstanden. Der Boden wird von Raubgräbern zerwühlt, Informationen werden endgültig zerstört, um den internationalen Antikenmarkt mit Hehlerware zu versorgen.

Warum funktioniert die Bewachung der historischen Stätten so schlecht?

Das Problem besteht darin, dass praktisch der gesamte Irak eine archäologische Stätte ist. Wenn Sie in einem Land wie Mesopotamien ein Loch graben, stoßen Sie fast überall auf die Hinterlassenschaften der ältesten Hochkultur der Menschheit. Es gibt zwar inzwischen mehrere Tausend Antikenwächter im Irak, aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Angeheizt werden die Plünderungen durch die aberwitzigen Gewinnaussichten. Die Unesco und die amerikanische Polizeibehörde FBI schätzten den jährlichen Umsatz beim illegalen Handel mit Kulturgütern auf sechs bis acht Milliarden Dollar.

Das Problem liegt also im Westen?

Ja, die Nachfrage hier im Westen ist der eigentliche Motor für die Plünderungen im Irak. Während die USA in den vergangenen Monaten Gutes getan und mehr als tausend Objekte beschlagnahmt und an den Irak zurückgegeben haben, spielt Deutschland nach wie vor eine unrühmliche Rolle. Nur ein einziges Objekt wurde bislang zurückgegeben: die Ankeraxt des sagenhaften Königs Schulgi. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier übergab sie im Februar dieses Jahres in Bagdad dem Regierungschef Nuri Kamal al-Maliki. Diese spektakuläre Antike war von einem Kölner Antikenhändler angeboten worden, obwohl in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ein explizites Handelsverbot für antike Funde aus dem Irak gilt. Verstöße könnten in Deutschland eigentlich mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden. Dennoch tut man sich hierzulande noch immer schwer bei der Bekämpfung der Antikenhehlerei.

Sie selbst verwahren im Tresor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums ein kleines antikes Goldgefäß, das im Auktionshandel aufgetaucht war und von dem Sie glauben, es sei Raubgut aus dem Irak. Inzwischen wurden die Ermittlungen gegen das Auktionshaus eingestellt, die Zollbehörden fordern das Objekt zurück. Wie ist der aktuelle Stand?

Wir sind vom irakischen Botschafter gebeten worden, das Gefäß zu verwahren, bis die eigentumsrechtlichen Fragen gerichtlich geklärt sind. Ich halte diese Bitte für sehr begründet. Die Zollbehörde hat am vergangenen Montag zum dritten Mal einen angekündigten Abholtermin aufgehoben. Wir sind um eine Lösung bemüht. Inzwischen gibt es aber schon wieder einen neuen Fall: Am 14. Juli sollen in Stuttgart 28 Objekte versteigert werden, deren Herkunft zum Teil explizit mit Irak angegeben wird. Ein Stück soll laut Auktionskatalog aus dem Nordirak stammen, vielleicht aus Ninive, ein anderes aus Nordbabylonien. Die Objekte befanden sich in einer Privatsammlung und wurden in den neunziger Jahren in einem Museum in Frankfurt ausgestellt. Es fehlen aber offenbar jegliche Legitimationspapiere.

Sie tippen also auf Raubkunst?

Ja, wenn es Exportlizenzen des Landes der Fundstelle gäbe, würden die Händler diese vorweisen, weil sie mit dem Nachweis einer legalen Herkunft einen viel höheren Verkaufserlös erzielen könnten.

Interview: Johanna Di Blasi

Michael
Müller-Karpe ...
... wurde 1955 in München geboren. Er ist im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz für das Koordinieren von Aktivitäten des Museums im Vorderen Orient zuständig. Seit 1974 betreibt Müller-Karpe Forschungen im Irak. Der Archäologe gehörte als Sachverständiger zu den Beratern des Kulturausschusses des Deutschen Bundestages bei der Ratifizierung des Unesco-Kulturgüterschutzübereinkommens. Er tritt für ein Handelsverbot für archäologische Funde unbekannter Herkunft ein.