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Kultur „Und wer nimmt den Hund“: Das Liebesleben der Quallen
Nachrichten Kultur „Und wer nimmt den Hund“: Das Liebesleben der Quallen
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14:35 07.08.2019
Mit Hund bei der Therapeutin: Doris (Martina Gedeck) und Georg (Ulrich Tukur) versuchen sich an einem einvernehmlichen Ende ihrer Beziehung. Quelle: Majestic
Hannover

Es gab mal eine Zeit in den Neunzigern, da waren Beziehungskomödien Segen und Fluch des deutschen Kinos zugleich. Segen, weil endlich die Zuschauerzahlen für deutsche Filme wieder aus dem Keller kletterten, und Fluch, weil das Erfolgsmodell bis zur Schmerzgrenze mit halb garen Produkten ausgequetscht wurde – so wie es heute allerdings längst üblich im Kinogeschäft ist: siehe den beinahe wöchentlichen Ausstoß an Superhelden-Filmen.

Einer der Antreiber des damaligen Komödienhypes war Regisseur Rainer Kaufmann, dem 1995 mit „Stadtgespräch“ ein echter Coup gelang. Ursprünglich war die Komödie über eine paargestörte Radio-Paarberaterin als kleiner Fernsehspaß geplant, dann aber entdeckten die Produzenten ungeahntes Kinopotenzial. Schließlich landeten mehr als eineinhalb Millionen Besucher vor der Leinwand und suchten mit Hauptdarstellerin Katja Riemann nach Mr. Right.

Nun kehrt Kaufmann nach bald einem Vierteljahrhundert und diversen Ausflügen in andere Genres („Ein fliehendes Pferd“ nach Martin Walser) und vor allem zum Fernsehen („Tatort“, „Der Puppenspieler“) zurück zu seinen Anfängen. „Und wer nimmt den Hund?“ ist eine lupenreine Scheidungskomödie – und zwar eine sehenswerte, bei der man nie das Gefühl hat, mit einem Standardmuster abgespeist zu werden.

Hochgezogene Augenbraue, gekräuselte Oberlippe

Das ist zuallererst den beiden Hauptdarstellern Martina Gedeck (schon damals bei „Stadtgespräch“ dabei) und Ulrich Tukur zu verdanken. Gedeck respektive Doris kann allein mit einem bloßen Kräuseln der Oberlippe einen ganzen Kübel Missbilligung ausschütten und Tukur respektive Georg mit einer gelegentlich hochgezogenen Augenbraue seine zukünftige Ex-Frau der Lächerlichkeit freigeben.

Drehbuchautor Martin Rauhaus hat die Dialoge der beiden mit florettspitzen Piksern versehen. Zwei Beispiele zeigen dies. Doris: „Unsere sexuelle Beziehung war so gut, wie das eben möglich ist mit einem Rückenpatienten, der abrupte Bewegungen vermeiden muss.“ Und Georg über seine plötzlich geschäftlich aktiv werdende Frau: „Gründest Du jetzt ein Bauunternehmen für Luftschlösser?“

Doris rammt das Auto ins Garagentor

Nach mehr als 25 Ehejahren hat Georg seiner Doris eröffnet, dass er eine andere kennengelernt hat. Die Neue ist 30 Jahre jünger und darüber hinaus Zoologin. Sie kann sich genau wie Georg – Beruf: Aquariumsdirektor – am Paarungsverhalten von Quallen und anderen Meeresbewohnern begeistern.

Die Nachricht übermittelt Georg beim Frühstück. Erst gibt sich Doris ganz cool und schmiert weiter lächelnd ihr Brötchen, wenig später rammt sie das beinahe neue Auto mit qualmendem Motor immer wieder ins Garagentor und genießt es, wie er schreiend daneben steht. Schließlich entschließen sich beide, die Trennung mit Hilfe einer Paartherapeutin über die Bühne zu bringen. Man ist ja zivilisiert.

Rückschau auf ein Vierteljahrhundert gemeinsames Leben

Das verpflichtet die beiden Protagonisten, noch einmal auf ein Vierteljahrhundert gemeinsamen Lebens und auch gegenseitiger Verletzungen zurückzuschauen. Einmal packen sie weiße und schwarze Bälle als symbolische Bilanz ihrer Liebe und ihres Scheiterns in Körbchen – und sind verblüfft, zu welchem Ergebnis der jeweils andere kommt. Manches lässt sich eben so oder so interpretieren. Und manchmal sieht es so aus, als hätte jeder von ihnen in einer anderen Beziehung gelebt.

So einer Geschichte hätte leicht im Schematischen stecken bleiben können – so ähnlich wie kürzlich die boulevardeske Kinokomödie „Wunderübung“ (mit Devid Striesow und Aglaia Szyszkowitz), die auf einem Theaterstück beruhte und sich ebenfalls bei einem Therapeuten abspielte. Da dröhnten die fortdauernden Attacken in den Ohren der Zuschauer bald nur noch wie der im Leerlauf hochgedrehter Motor von Doris’ Auto.

Momente des Einverständnisses

Hier aber unternehmen wir zur Entspannung immer wieder kleine Ausflüge in die Welt vor die Therapeutentür. Wir werden Zeuge, wie Doris eines Nachts im Ninja-Kämpfer-Look das Auto ihrer Nachfolgerin abfackelt. Georg wird später auch noch mit einem Messer auf Autoreifen einstechen. Verjuxt wird der Konflikt aber trotzdem nicht – auch wenn Kaufmann Mut zur Albernheit beweist.

Das Trennungspaar erkennt bald: Ein Vierteljahrhundert gemeinsamen Lebens lässt sich nicht mal eben abhaken. Zwangsläufig kommt es zu Momenten des Einvernehmens. Schließlich gibt es da ja auch noch zwei (erwachsene) Kinder und, nicht zu vergessen, den Hund (um den aber, anders als der Titel nahelegt, nicht gestritten wird). Ein bisschen was geht immer, auch wenn gar nichts mehr zu gehen scheint.

Die entscheidende Frage lautet plötzlich: Wie viel Wiederannäherung ist möglich, wenn man mitten in einer Trennungsphase steckt und sich auf einen neuen Lebensabschnitt zubewegt? Ohne zu viel zu verraten: Die Frau ist wieder mal die klügere in dieser Beziehung.

„Und wer nimmt den Hund“ – Filminfo

Kinostart in Deutschland: 8. August 2019

Regie: Rainer Kaufmann

Darsteller: Martina Gedeck, Ulrich Tukur

Filmlänge: 89 Minuten

Altersfreigabe: ab 0 Jahren

Von Stefan Stosch / RND

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