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Kultur 10.000 Fans feiern Elton John in Hannover
Nachrichten Kultur 10.000 Fans feiern Elton John in Hannover
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00:20 25.05.2019
Elton John ist in der Tui Arena aufgetreten – und wurde euphorisch gefeiert. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Filmbiografien über Menschen, die noch leben, sind irgendwie komisch. „Da sitzt er doch!“, möchte man rufen, und er könnte Im nächsten Moment Dinge tun, die sein Leben und den ganzen Film auf den Kopf stellen.

Da sitzt also Elton John, der echte, leib- und livehaftig in der Tui-Arena und tut, was er hier immer getan hat. Er musiziert. Sein Leben auf den Kopf gestellt hat er ja schon oft genug, der Film „Rocket Man“, der nächste Woche passend zur Abschiedstournee in die Kinos kommt, zeigt das.

In Hannover stampft zunächst „Benny and the Jets“ durch die ausverkaufte Großraumhalle mit diesem seltsamen, fast provokanten Stop-Motion-Groove und seiner verspielten Bluesrockattitüde. Herr John, auf einer opulenten, stilvoll geschwungenen Bühne, ein paar Meter und wie immer zunächst links auf einem kleinen Podium vor seiner im schrägen Bühnenbild platzierten Band, trägt zur Feier des Anlasses Pailette und Popbrille, fast wie damals zu Echthaarzeiten. Nur, dass schrilles Glitzerzeug am Männerleib damals eine echte Provokation war und nicht wie heute Ausdruck von Personality – oder Provokationsparodie.

Elton Johns musikalisches Damals war vor allem 1973, das Album „Goodbye Yellow Brick Road“, dieses überbordende Mammutwerk, mit dem er der Konkurrenz mal kurz zeigte, wo der Hammer hängt und nach dem er nicht von ungefähr seine Ehrenrunde benannt hat. Auch in Hannover ist der gelbe Weg die Hauptstraße. Ein halbes Dutzend Songs hat er ausgesucht, alle Hits, neben „Benny“ auch „Funeral for a Friend“ oder „Candle in the Wind“.

Die Stimmung: ein bisschen feierlich

Ein reines Hitprogramm ist es trotzdem nicht. Den „Border Song“ von 1970 hat nicht jeder sofort auf dem Schirm, wenn er an Elton John denkt. Aber vor allem in den vorderen Sitzreihen des akkurat bestuhlten Innenraums juchzen schon bei den ersten Tönen einige Experten, die vermutlich das lückenlose Gesamtwerk des Briten im Arbeitsspeicher haben und vielleicht auch schon dabei waren, als John vor Jahrzehnten noch in der Stadionsporthalle konzertierte oder später in brachialer Lautstärke in der Messehalle 2 auf der anderen Seite des Messeschnellwegs.

Leise ist es auch diesmal nicht, aber auch nicht unangenehm. Das folgende „Tiny Dancer“ holt dann wieder alle ins Boot, die Stimmung ist, doch, doch, schon ein bisschen feierlich, von seinem Klavierhocker nach rechts ins Publikum schaut, schlägt ihm unendliches Wohlwollen entgegen. Als sich der kleine, große Sir Elton erhebt und gemessenen Schritten die beleuchtete Bühnenkante abschreitet, jagt der Jubel wie eine La Ola durch den Saal.

Immer wieder zeigt die Leinwand seine Finger, wie sie auf den Klaviertasten arbeiten. Kleine Soli, mal laut, mal leise wie im ausladenden „Rocket Man“ werden mit Szenenapplaus bedacht, zumindest an den Liedenden sind alle Stühle im Innenraum unbesetzt. Die Schlussworte „I think it‘s gonna be a long long time“ schickt er höchstpersönlich und im Stehen und in aller Schwerelosigkeit auf die Reise. 72 Jahre Reginald Kenneth Dwight, ein halbes Jahrhundert Elton John – vielleicht ist es eine gute Idee, tourmäßig den Deckel drauf zu machen und sich in einem so fitten Zustand und mit einem so lustvollen Konzert zu verabschieden.

„Ich bin Europäer“

Er moderiert seine Songs kurz an, bedankt sich artig für den Ticketkauf und zieht dann weiter. „Sorry seems to Be the Hardest Word“, auch so eine von diesen Monsterballaden, die ihm stets so mühelos aus den Fingern flossen. Stimmlich geht er voll an die Grenze, das ist nicht selbstverständlich in der Altersklasse. Beispiel: „Levon“, dieser Bluesrockschaukler, wird zu einem der Höhepunkte des Abends.

Die Band groovt mit Spaß, der Chef turnt stimmlich pausenlos in der obersten Etage herum – wenn er nicht mit Grandezza rasende Triolen in die Tasten haut. Ein Song wird zur Jamsession, die erst endet, wenn alle ihren Spielhunger gestillt haben. Lustvolles, inspiriertes Musizieren im Rentenalter – so sieht das aus. Rock ‘n‘ Roll may never die.

Trailer für den Film „Rocket Man“

Beim anschließenden „Candle in the Wind“ kommt das Publikum wieder runter, schaut Bilder von Norma Jean, so viel Kitsch darf dann auch sein, Elton John hat ihn schließlich miterfunden.

Dann wendet er sich aber doch in aller Ernsthaftigkeit ans Publikum, fordert, Preise für Aids-Medikamente zu senken, schimpft auf die Mächtigen der Welt und auf den „fucking Brexit“. Schließlich bekennt er: „Ich bin Europäer. Und ich bin stolz drauf.“

Dann rollt er langsam auf die Zielgeraden des gut zweieinhalbstündigen Abends – getragen von seinen Fans. Sie lassen ihn natürlich nicht ohne Zugabe von der Bühne. Sie feiern einen ganz Großen des Pop. Und nächste Woche gehen alle ins Kino.

Von Uwe Janssen

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