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Kultur Traumhaftes Teamwork: Calexico und Iron & Wine feiern das Leben auf dem Album „Years to Burn“
Nachrichten Kultur Traumhaftes Teamwork: Calexico und Iron & Wine feiern das Leben auf dem Album „Years to Burn“
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13:55 20.06.2019
Die drei Trostspender: Joey Burns (l), Sam Beam und John Convertino singen von Bilanz und Ausblick. Quelle: Piper Ferguson
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Nashville

„One, two, three“ wird er angezählt, der erste Song des Albums „Years to Burn“. Das lässt Rock’n’Roll erwarten, kracht dann aber gar nicht heftig aus den Lautsprechern, sondern schwillt eher ab und schlendert schön schluffig durch seine fünf Minuten Spielzeit. Das folkige „What Heaven’s Left“ kommt einem so tröstlich vor wie einst Simon and Garfunkels „Bookends“ oder so lieblich wie „All I Have to Do Is Dream“ von den Everly Brothers.

Calexico and Iron & Wine – Das neuerliche Teamwork war überfällig

Die Zeilen handeln von Liebe und Deeskalation: „Wenn ich komme, um zu kämpfen, kommst du mit einem Kuss“ heißt es da, und „Du gibst mir Dämmerung für all die Nacht, die ich dir mache“ und „Du findest den Blitz in den Wipfeln meiner Bäume.“ Ein Lied über zwei, die sich guttun, die sich nie verlieren dürfen.

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Das zugehörige Album heißt „Years To Burn“, die Musiker sind die von Gitarrist Joey Burns und Schlagzeuger John Convertino geführten Calexico aus Tucson und Sam Beam (alias Iron & Wine) aus South Carolina. Beams sanftes Flüstern harmoniert vortrefflich mit Calexicos feiner Americana.

Schon einmal, vor 14 Jahren, hatten sie gemeinsam eine EP eingespielt, damals noch mit rumpeligen Tex-Mex-Walzern wie „He Lays in The Reins“. Als man „History Of Lovers“ hörte, einen süffigen Song mit schläfrigschönen Bläsern und bösem Text über Betrug, Eifersucht und Rache, wünschte man sich Teamwork in alle Ewigkeit.

Calexico and Iron & Wine – Musikalischer Balsam für Midager

Aber erst jetzt haben sie nachgeliefert. „Years To Burn“, entstanden Ende 2018 binnen weniger Tage in Nashville, ist ein kurzes Album (unter 35 MinutenSpieldauer) voller musikalischem Balsam für Midager, die an den Scheideweg ihres Lebens gekommen sind. Bilanz. Ausblick. Was ist geschehen? Was macht man mit dem Rest?

Das erste Zittern vor der Unerbittlichkeit der Zeit ist in den Texten von „Years To Burn“ spürbar. Manche Jahre waren so wild und schnell, dass sie im Rückblick wie ein Flächenbrand erscheinen, andere waren so bitter, dass sie verbrannt und vergessen werden müssen. Auch hier wird Trost gespendet: „Unsere Tränen bewahren das Licht in unseren Augen“, singt Burns im Titelsong. An Traurigkeit kann man wachsen, befindet auch Sam Beam: „Das Leben ist hart. Wundervoll. Und beängstigend wie die Hölle. Aber es kann dich aufrichten, wenn du es zulässt.“

Märchenhaft hebt „Midnight Sun“ an: „Es heißt der König der Vögel und die Königin der Herzen hätten den Schlüssel des andern getragen / bevor sie die Hochzeit absagten / und all die Federn herunterregneten. / Und die ganze Stadt fiel in tiefen Schlaf.“ Es gibt ein Happy End, die Herzen werden schließlich aufgeschlossen.

Calexico – Vierte Kraft im Bunde ist Jacob Valenzuelas Trompete

Und auch für den Erzähler des heimelig schunkelnden „Father Mountain“, in dem die Nüchternheit des Erwachsenenlebens gegen die Magie der Jugend gestellt wird, wird alles gut: Der Vater baut an seinem Schloss am Berg, der Sohn scheucht derweil seine Freundin Teresa um den Baum. Der Vater baut und baut, der Junge wird ein Teenager, die Kinderfreundschaft wird zur Lebensliebe. Ein Bett bricht, eine Wiege wird gekauft.

Der 44-jährige Beam, der vor seiner Musikkarriere als Professor für Film und Cinematografie an der Universität Florida arbeitete, schreibt nicht nur filmische Songlyrik. Auch das Album folgt einer Dramaturgie. So bietet die dreiteilige, achtminütige „Bitter Suite“ in der Mitte von „Years To Burn“ jazzige Passagen. Und in „Outside El Paso“, einem nahezu abstrakten Stück, fasst Jacob Valenzuelas Trompete die Chihuahuawüste im Westen von Texas in flirrende Töne. Überhaupt ist der Calexico-Bläser die vierte große Kraft auf diesem Album.

Einem Album, in dessen Ahnengalerie auch Crosby, Stills & Nash, America und Steely Dan stehen. Und das am Ende in spalterischen Zeiten Gemeinschaft und Liebe propagiert: „Jemand wird dich auffangen, wenn du fallen willst“, singt Joey Burns im letzten Song „In Your Own Time“. Dann heißt er den müden Besucher willkommen, und bittet ihn Platz zu nehmen am Feuer des Lebens.

Neues Album: Calexico and Iron & Wine: „Years to Burn“ (CitySlang)

Konzerte: 31. Juli – Hamburg, Stadtpark; 9. November – Berlin, Tempodrom; 11. November – München, Muffathalle; 14. November - Mannheim, Musensaal Rosengarten; 15. November – Köln, Palladium.

Von Matthias Halbig/RND

20.06.2019
20.06.2019