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Kultur Tradition, Innovation – und Debatten um die Meinungsfreiheit
Nachrichten Kultur Tradition, Innovation – und Debatten um die Meinungsfreiheit
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09:24 15.10.2009
Von Martina Sulner
Bücher, Mauer, Schatten: Besucher im China-Pavillon auf der Buchmesse in Frankfurt.
Bücher, Mauer, Schatten: Besucher im China-Pavillon auf der Buchmesse in Frankfurt. Quelle: ddp
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China inszeniert sich auf der Frankfurter Buchmesse, die bis Sonntag geöffnet ist, in dieser Ausstellung als alte Kulturnation. Man erfährt viel über die Historie der Schriftzeichen und des Drucks mit Holzblöcken, und an einem Tisch können Besucher sich Blätter mit alten Holzstempeln bedrucken lassen und als Andenken mitnehmen.

„Tradition und Innovation“ ist dieser Auftritt überschrieben. An beleuchteten Glasvitrinen lässt sich die neue Technik aus dem Reich der Mitte ausprobieren. Dort hängen an Metallfäden mehrere Dutzend elektronische Lesegeeräte. Die Besucher sind eingeladen, die E-Reader zu testen.

Das Traditionelle und auch das Innovative ist gut dargestellt. Mit der Gegenwart tut man sich da schwerer. Zwar stehen in einer Leseecke genau 2488 chinesische Bücher, übersetzt in 32 Sprachen, in Regalen. Doch in dieser Ecke und auch auf den großen Autorenfotos fehlen die kritischen Gegenwartsautoren. Dafür liegen in einer Vitrine vier Bände mit Schriften des Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung aus und drei Bände mit Texten Deng Xiaopings.

In Deutschland (und nicht nur hier) haben viele gespannt darauf gewartet, wie das umstrittene Gastland auf der Buchmesse auftreten würde. Nach dem ersten Messetag muss man sagen: ähnlich wie befürchtet. Im Forum ist optisch alles prächtig; bei den offiziellen Gesprächsrunden ist viel von Chinas Marktmacht die Rede. Die Veranstaltungen über Menschenrechte und Meinungsfreiheit finden derweil an anderen Stellen statt. Zum Beispiel in Halle 5, wo das deutsche PEN-Zentrum und der Verband deutscher Schrifsteller (VS) eine Diskussion mit chinesischen Autoren und Verlegern organisiert haben. Der China-Kritiker Bei Ling, der im Exil in den USA und Taiwan lebt, ist ebenso da wie sein Kollege Zhong Qing, der in seiner Heimat lebt und veröffentlicht. Drei Jahre hat Zhong in Haft gesessen, weil er 1989 bei den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens mitgemacht hat. Letztlich seien alle chinesischen Verlage staatlich kontrolliert, sagt er jetzt, selbst wenn sich die Verhältnisse gelockert hätten. Solche Lockerungen oder die weitverbreitete Nutzung des Internets seien jedoch keine Garanten für Freiheit. „Allein fürs Internet sind 30.000 Zensoren zuständig“, sagt der Autor.

Auch in dieser Diskussionsrunde werden, wie schon bei mehreren Pressekonferenzen und in den Eröffnungsreden am Dienstag, die Macht des Dialogs und Austauschs beschworen. Doch ob das offizielle und das kritische China auf der Messe überhaupt kommunizieren, muss bezweifelt werden. Und dem Gespräch darüber, dass manche Autoren im Westen wohl mehr als Regimekritiker denn als Literaten geschätzt werden, scheint man bislang auch in Frankfurt auszuweichen.

Vielleicht passiert da ja noch etwas bis Sonntagabend, wenn die 61. Buchmesse schließt. Doch nicht zu vergessen: Neben den chinesischen stellen rund 6700 weitere Verlage aus 100 Ländern auf dem weltweit wichtigstem Branchentreffen aus. Alle bekannten deutschen Autoren von Günter Grass bis zu Frank Schätzing sind angekündigt. Kathrin Schmidt, die am Montag für ihren Roman „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis erhalten hat, ist ebenso auf der Messe wie die internationalen Erfolgsautoren Leon de Winter, Peter Nadas und, natürlich, Claudio Magris. Der italienische Publizist wird am Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

Sie alle lesen, debattieren, signieren. Ob bei den Veranstaltungen mit ihnen ähnlich grundlegende Fragen diskutiert werden wie bei den Treffen mit regimekritischen chinesischen Autoren? Kaum vorstellbar.

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