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Kultur The-Who-Sänger Roger Daltrey: So war es in Woodstock
Nachrichten Kultur The-Who-Sänger Roger Daltrey: So war es in Woodstock
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22:00 21.06.2019
Gründer und Sänger einer der größten Rockbands: Roger Daltrey über die wilden Zeiten mit The Who, Woodstock und sein neues Album. Quelle: Mike Marsland/WireImage

Hallo Roger Daltrey, Glückwunsch zum 50. Geburtstag von „Tommy“ und zur Veröffentlichung des Albums „Tommy Orchestral“ heute. War das ein Herzenswunsch, die Mutter aller Rockopern von 1969 noch mal opernhaft mit Band und Sinfonieorchester herauszubringen?

Ja, das pickte immer in meinem Kopf herum. Zwar gab es ja schon eine Einspielung von „Tommy“ mit dem London Symphony Orchestra von 1972, aber damit war ich nie zufrieden, das war so ein total vergagter und vergeigter Versuch an einem ernsthaften Werk. Der ganze Rockoper-Gedanke ging dabei flöten.

Wie kam es dazu?

Es gab da diese Anfrage an mich im vergangenen Jahr. Ein Kunstkreis in den USA bat mich, „Tommy“ auf einer Tour mit ihren Orchestern aufzuführen. Ich sagte: Ich mach’s, aber nur mit meiner Rockband. Ich habe also gar nichts beabsichtigt, es geschah einfach. Und dann war ich total stolz auf das Ergebnis.

Manche Songs klingen anders als in der alten Who-Version.

Es ist ein Livemitschnitt. Es ist also alles andere als eine perfekte Platte. Es war der erste Abend der 13-Konzerte-Tour „Roger Daltrey performs The Who’s Tommy“. Einige Songs sind zu schnell, und trotzdem spürt man, dass auf der Bühne von Bethel etwas Magisches passiert. Ich dachte mir: So hätte „Tommy“ von Anfang an sein müssen. Hätten wir 1969 das Geld für ein Orchester gehabt – wir hätte die Leute damit weggeblasen. (lacht)

War 1969 von Anfang an klar, dass „Tommy“ der große Wurf war?

Wir wurden mit dem Gimmick bekannt, unsere Gitarren zu zerschlagen, damit schrieben wir unseren Namen an die Wand. (lacht) Dann kam diese Rockoper, und das war schon ein großer Wurf. Wir wussten nicht, welchen Einfluss „Tommy“ haben würde. Auch als es fertig war, wussten wir noch nicht, was wir hatten. Das weißt du erst, wenn du das Feedback des Publikums bekommst. Und das war unglaublich. Ja, alles veränderte sich für The Who durch „Tommy“. Unsere Shows wurden länger, rockiger: Beim ersten Konzert waren es 5000 Leute pro Nacht, nach einem halben Jahr waren 50 000, 80 000, 100 000 Leute da.

Der Lohn für fünf Monate im Studio.

Die fühlten sich an wie ein Jahr. Aber wir waren nicht fünf Monate am Stück im Studio. Es dauerte so lang, weil The Who parallel noch eine immense Anzahl von Konzerten gaben.

Wie waren die Veränderungen?

„Tommy“ veränderte mich, meine ganze Persönlichkeit, meinen Auftritt auf der Bühne, meinen Gesang. Der Charakter Tommy war das Vehikel für mich. Und The Who wurden besser, freier, wilder.

„Tommy“ erzählt die Geschichte eines Kindes, das durch ein Trauma seine Sinne verliert, die Welt über Vibrationen wahrnimmt, später wundersam geheilt zu einer Art Heiland wird, sich aber von Erwartungen und Ausbeutungsversuchen emanzipiert. Der Autor und Who-Experte Richard Barnes schrieb: „Daltrey wurde Tommy und Tommy wurde Daltrey.“ War das so?

Nein, „Tommy“ ist jedermann. Wenn ich auf der Bühne stehe und runterschaue, sehe ich ein Meer von Tommys. (lacht) „Tommy“ ist ein Spiegel für dich, für alle. Die Rockoper erzählt für mich vom menschlichen Geist und der Erschaffung falscher Götter. Und das macht sie so aktuell. Denn schaue ich mir heute das Internet und die sozialen Medien an, dann beten wir Leute mit ziemlich fragwürdigen Talenten an.

„Tommy Orchestral“ wurde in Bethel aufgenommen. Kein Zufall, oder?

Dort war das erste Konzert meiner Tour. Wir spielten fast 49 Jahre später nur 1000 Fuß von der Woodstockbühne entfernt, wo wir 1969 „Tommy“ aufgeführt hatten. Ich hörte mir die Aufnahme hinterher an. Damals war weder geplant, das Jubiläum von Woodstock zu feiern noch den 50. Geburtstag des Albums selbst. Ich dachte mir: Bring das heraus, sozusagen im Gedenken.

The Who (von links): Roger Daltrey, Pete Townshend, John Entwistle, und Keith Moon. Quelle: AP Photo/ho

Wie ist Ihre Erinnerung an Woodstock?

Für The Who war es nur eine weitere Show. Großartige Auftritte, klar, aber wir alle stolperten da durch – gezogen vom Publikum. Ja, der eigentliche „Star“ des Festivals und des Films war das Publikum. Eine halbe Million Leute hielten damals in füchterlichem Dreck unter fürchterlichen Bedingungen aus. Das war anders als bei den Luxusfestivals von heute. Und indem die Jugend in dieser unglaublichen Menge auftauchte, schreckte sie die amerikanische Regierung auf. Woodstock war für mich die erste Bewegung auf das Ende des US-Engagements in Vietnam zu. Sie erkannten anhand von Woodstock, dass sie diese Generation beachten mussten.

The Who waren Rock, hatten nichts am Hut mit der Hippiekultur. Wie erlebten Sie Love and Peace?

Nun, wir planten, den Vietnam-Krieg zu den Hippies zu bringen. (lacht) Aus irgendwelchen Gründen sprach „Tommy“ sie dann aber genau so an, wie sie es brauchten. Es funktionierte. Es war eine magische Zeit.

Hat man The Who für das immer noch unsichere 50-Jahre-Woodstock-Festival im August angefragt?

Das Festival wird garantiert nicht stattfinden. Kann sein, dass sie uns angefragt haben. Aber du kannst so etwas nicht neu erschaffen.

Aber Woodstock 50 könnte ein Versuch sein, handgemachte Musik neu zu beleben, die ja nirgends mehr eine Rolle spielt – weder im Radio noch in den Charts. Ist Rock ’n’ Roll tot?

Nein, er lebt. Die Live-Arena ist gesund wie eh und je. Im Radio und bei Spotify erledigen Computer die Musikauswahl. Als wir damals vorm Radio hingen, wurden die Programme von Leuten zusammengestellt, die Musik liebten. Heute musst du einen langen Weg gehen, um im Radio noch jemanden zu finden, der Musik liebt. Aber es ist der Konzertbetrieb, der lebt. Gott sei Dank! Und die jungen Bands sind vielleicht sogar musikalisch besser ausgerüstet, als wir es waren.

In Ihren Memoiren schreiben Sie, Verrücktheit sei wichtig für eine Band. The Who zerstörten Instrumente und Hotelzimmer, versenkten Autos in Hotelpools. Die Ausnahme bei diesen Exzessen waren aber Sie.

The Who waren eine gefährliche Band. Wenn du in einer Band mit drei Drogensüchtigen bist, muss einer nüchtern bleiben. Einer muss früh aufstehen können und die anderen aus dem Bett holen oder auch mal aus dem Gefängnis. Damit der Tross wieder auf die Straße kommt. Sonst hätte ich sie alle verloren. Wir haben Keith (Moon, The-Who-Schlagzeuger) viel zu jung begraben und später auch John (Ent­wistle, The-Who-Bassist). Glücklicherweise konnte ich Pete (Townshend) am Leben halten.

Haben Sie deshalb eine Aversion gegen Drogen? Neulich haben Sie im Konzert im Madison Square Garden einen Besucher angeschnauzt, weil der einen Joint rauchte.

(lacht) Wir hatten deswegen extra ein Schild aufgestellt. Ich habe ein Problem mit meinen Stimmbändern, eine Präkanzerose, die permanent behandelt werden muss, denn das Ding wächst sonst wieder. Blöderweise, weil es die einzige Droge war, die ich gern mal genommen habe, habe ich darüber eine schwere Allergie gegen Marihuanarauch entwickelt. Da macht meine Stimme richtig dicht. Und wenn dann einer unter deiner Nase raucht, gefährdet er eine Show für 20 000 Leute. Hey, ich will niemandem den Spaß verderben – aber kann man nicht auf die Toilette gehen und das Ding dort rauchen?

War Familie für Sie wichtig als Gegengewicht zur Bandverrücktheit? Ist es im Rockbusiness überhaupt möglich, ein guter Familienvater zu sein?

O ja, aber das hat in erster Linie mit dem guten Willen meiner Frau zu tun, mit der ich seit 48 Jahren verheiratet bin. Sie hat das Business verstanden, in dem ich arbeite, und ich habe sie nie angelogen. Meine Kinder sind tolle Leute geworden, und meine Enkel auch.

Ist der Titel Ihres Soloalbums „As Long As I Have You“ von 2018 eine Liebeserklärung an Heather?

An den Fan. An die Musik. Aber am meisten schon an meine wunderbare Frau. Ich dachte bei vielen der Songs an sie.

Roger Daltrey (l) und Pete Townshend, die überlebenden Mitglieder von The Who, treten beim Glastonbury Festival 2015 auf. Quelle: Hannah Mckay/EPA/dpa

Dieses Album ist auch politisch. Sie haben „You Haven’t Done Nothing“ gecovert, mit dem Stevie Wonder 1974 seinem Ärger über Richard Nixon Luft machte. Über wen oder was ärgern Sie sich politisch?

Wir werden heute überschwemmt mit Politikern. Und bekommen Millionen und Abermillionen Gesetze, von denen mich die meisten deprimieren. Aber das wird in Deutschland nicht anders sein.

Beunruhigend ist vor allem der Aufschwung extrem rechter Politiker.

Das beunruhigt mich mehr als alles andere. Es sind wirklich beängstigende Zeiten. Und der Gerichtshof von Twitter ist auch kein gutes Gericht, von dem man verurteilt werden möchte. Wir müssen einander wieder aufmerksam zuhören. Wenn wir damit aufhören und uns nur noch anschreien, sind wir verloren.

Die Welt driftet auseinander. Ihr eigener neuer Song „Get On Out of the Rain“ hat die Botschaft, zusammenzustehen statt einander zu bekämpfen.

Ich will hier nicht zu politisch werden. Ich bin sehr für Europa, ich liebe Europa. Aber es wurde von Politikern überschwemmt, und das hat die Menschen zu weit von der wirklichen demokratischen Macht entfernt. Irgendwo wurde eine falsche Abzweigung genommen.

Sie schreiben richtig gute Songs. Warum sind Sie als Gründer von The Who eigentlich nie zum zweiten Songwriter der Band neben Pete Townshend aufgestiegen?

Weil ich einfach niemals überzeugt genug von meinen Songs war. Jetzt erzähle ich ihnen was. Wir wollen noch in diesem Jahr ein neues The-Who-Album rausbringen. Pete hat mir eine Menge Songs vorgestellt, die er 2018 geschrieben hat. Ich war skeptisch, ob wir je wieder ein großes Album machen könnten. Aber ich habe lange mit diesen Songs gearbeitet, um in sie reinzukommen. Und jetzt kommt nach meinem Dafürhalten das Beste heraus, was wir seit „Quadrophenia“ von 1973 gemacht haben.

Sie und Pete heute – ist das eine enge Freundschaft? Sitzt man abends bei einem Bierchen zusammen?

(lacht) Das machen wir besser nicht, denn er ist trockener Alkoholiker. Wir sind wie Brüder, wir helfen uns, müssen uns aber nicht ständig sehen. Auf der Bühne sind wir telepathisch miteinander verbunden, erschaffen die Magie, die The Who immer hatten, die uns so gefährlich gemacht hat. Wir vertrauen einander. Er legt die Aufnahme vor und gibt mir die Freiheit, meine Stimme darauf zu entfalten. Das ist eine große Freiheit. Ich nutze meine Stimme wie ein Maler die Pinsel und Farben seiner Palette.

Sie singen bis heute die berühmte Zeile „Hope I die, before I get old“ im Song „My Generation“. Sie sind 75, aber immer noch nicht alt, oder?

Gegenfrage: Ist irgendjemand alt? Machen Sie die Augen zu. Wie alt fühlen Sie sich?

Manchmal durchaus wie 57. Die meiste Zeit wie 25.

Sehen Sie und ich bin 22. (lacht) Solange du kreativ bleibst, ist das Alter doch egal. Erst wenn das in dir aufhört, bist du alt. Ich habe junge Leute kennengelernt, die wie Greise wirkten. Und Alte, die noch jung sind im Kopf. Wie ich.

Was ist ein perfekter Tag für Roger Daltrey, wenn er nicht auf Tour ist?

Aufzuwachen und mir beim Aufstehen nicht den Kopf an einer hölzernen Kiste zu stoßen. (lacht laut und lange)

Bei der Gelegenheit: Lebt der alte Tommy noch und wenn ja, wie geht es ihm eigentlich heute?

(lacht wieder laut) Ich weiß es nicht. Ich weiß wirklich nicht, was er macht. O Gott, keine Ahnung.

Wir leben im Zeitalter der Prequels und Sequels von legendären Büchern, Filmen, Alben. Haben The Who irgendwann mal über „Tommy II“ nachgedacht?

Don’t be silly! (lacht)

Zur Person: Roger Daltrey

Roger Daltrey (75) klingt entspannt am Telefon. Er lebt idyllisch auf seiner Farm in der Nähe von London. Er angelt gern, seine Forellenzucht wurde 2005 vom Magazin „Trout Fisherman“ als schönste Fischerei in der Grafschaft Essex beschrieben. Seit fast 50 Jahren ist er mit dem früheren Fotomodel Heather Taylor Daltrey verheiratet, hat acht Kinder – einige davon außerehelich – und 15 Enkel.

Der Junge aus dem Londoner Arbeiterviertel Acton ist Gründer und Sänger einer der größten Rockbands. Nach den Beatles, Stones und Kinks eroberten ab 1964 auch The Who die Welt. Bezogen auf die musikalische Wildheit und das extreme Bad-Guy-Image bezeichnete der deutsche Rockmusiker und Who-Fan Heinz Rudolf Kunze im Interview mit der hannoverschen Neuen Presse The Who einmal als die „wahren Rolling Stones“. Daltrey sieht The Who im Rückblick als schwer kontrollierbare Einheit: „Wir waren eine gefährliche Band“. Und heute? „Wir sind alte Leute, der Glamour ist weg, aber wir haben immer noch diese Musik und diese Kraft!“

Mit „Tommy“ legten Daltrey, Gitarrist und Songwriter Pete Townshend, Bassist John Entwistle (gest. 2002) und Schlagzeuger Keith Moon (gest. 1978) im Mai 1969 die wohl berühmteste Rockoper vor, ein Doppelalbum, das sie beim Woodstock-Festival präsentierten.

Die Geschichte eines Jungen, der durch ein Trauma taub, stumm und blind wird, der die Welt fortan allein durch Gefühl und Vibration erfährt, König des Pinball (Flipper) wird, nach seiner wundersamen Heilung zu einer Art Messias aufsteigt, sich aber vor Ausbeutung bewahren will und seinen Jüngern den Rücken kehrt, traf den Nerv seiner Zeit.

Manche sahen darin den Weg Bob Dylans gespiegelt, der sich noch in den Sechzigern aus seiner Rolle eines Anführers der jungen Generation zurückgezogen hatte. Andere sahen darin generell die Abkehr der Jugend vom Establishment. Für Daltrey ist Tommy ein Jedermann, ein Gesellschaftsspiegel.

Es gab eine schnell nachgeschobene sinfonische Version von „Tommy“ (1972), den Film von Ken Russell (1975) in dem Daltrey die Titelrolle spielte und ein Musical, das zwischen 1993 und 2011 lief (und 1993 mit fünf Tonys ausgezeichnet wurde). Das Album „Tommy“, dessen 50. Geburtstag jetzt mit einer neuen Orchesterversion gefeiert wird, zählt zu den prägendsten Werken der Popmusik. Sein Einfluss auf spätere rockopernhafte Werke – etwa Pink Floyds „The Wall“ (1979) – ist unüberhörbar.

Daltrey war nach dem „Tommy“-Film vermehrt als Schauspieler und mit Soloalben erfolgreich. 2018 erschien das Album „As Long As I Have You“, das er nach einer schweren Meningitis, die die Sessions unterbrach, eigentlich hatte verwerfen wollen. Pete Townshend riet ihm davon ab und „veredelte“ sieben der elf Songs mit seinem Gitarrenspiel.

Daltreys Stimme klingt inzwischen erdiger als zu „Tommy“-Zeiten. Mit The Who plant er ein neues Album – das erste seit „Endless Wire“ (2006). Am 6. Juli spielen The Who im Londoner Wembleystadion, im September und Oktober geht die Band auf US-Tour.

Aktuelles Album: Roger Daltrey: „The Who’s ,Tommy‘ Orchestral“ (Polydor)

Buch: Roger Daltrey – „My Generation”, C. Bertelsmann, 384 S., 24 Euro

Von Matthias Halbig

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