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00:15 09.07.2014
Von Martina Sulner
Foto: Der gebürige Hannoveraner Tex Rubinowitz hat den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen.
Der gebürige Hannoveraner Tex Rubinowitz hat den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Quelle: Handout
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Klagenfurt

Das kriegt man im Kegelklub oder in der Lottogruppe genau so gut hin: Zum Abschied bekam der langjährige Juryvorsitzende Burkhard Spinnen ein Hufeisen. Klar, ein Buch und ein Busserl gab es für den Jurychef des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises auch, doch das Hufeisen mit der roten Schleife war schon auffällig. Ganz so piefig hätte man es zum Abschluss der Tage der deutschsprachigen Literatur nicht erwartet, doch sonst hielten sich die Überraschungen beim 38. Wettbewerb am Wörthersee in Grenzen. Einen Text mit dem Titel „Wir waren niemals hier“ hatte man allein der Überschrift wegen zu den Favoriten gezählt: Das klingt ein bisschen widersprüchlich, rätselhaft, dabei dem Alltag durchaus zugewandt. So etwas kommt beim Wettlesen an; und tatsächlich hat Tex Rubinowitz mit „Wir waren niemals hier“ den mit 25 000 Euro dotierten Hauptpreis gewonnen.

Der Autor erzählt von einem jungen Mann, der 1984 in Wien mit einer eigenwilligen Frau zusammenlebt. Diese Irma, geboren in Litauen und vehemente Raucherin, kostet den Icherzähler reichlich Nerven. Jurorin Daniela Strigl, die den Autor eingeladen hatte, konstatiert ein „sorgsam verborgenes Raffinement“ in der Erzählung. Dieses Raffinement ist wirklich gut verborgen, nicht jeder Leser kann es erkennen.
Was man dem Autor, der 1961 in Hannover geboren wurde, in Lüneburg aufwuchs und seit 30 Jahren in Wien lebt, zugestehen muss: Er hat einen Sinn für Pointen, Effekte und eindrückliche (Sprach-)Bilder. Man merkt, dass Rubinowitz in erster Linie Cartoonist ist. Das zeigt sich nicht nur an dem unterhaltsamen Gewinnertext, sondern auch an anderen Arbeiten. Zu Tex Rubinowitz’ (das ist übrigens ein Künstlername) jüngsten Veröffentlichungen zählt ein Buch, in dem er alle möglichen Skurrilitäten auflistet. Der Band trägt den schönen Titel „Die sieben Plurale von Rhabarber“.

Insgesamt 13 Autoren – Karen Köhler musste wegen Krankheit absagen – haben von Donnerstag an noch unveröffentlichte Texte im ORF-Studio Klagenfurt vorgestellt; 3sat hat das Wettlesen übertragen. Was man da so am heimischen Fernseher sehen konnte, löste nicht gerade Euphorie aus. Ein bisschen war in diesem Sommer die Luft aus dem Wettbewerb ‘raus. Das hat womöglich mit der Aufregung im vergangenen Jahr zu tun: Der Österreichische Rundfunk (ORF) hatte angekündigt, sich als Hauptsponsor des Wettlesens zurückzuziehen, was das Aus des Literaturspektakels bedeutet hätte. Nach heftigen Protesten blieb der Sender doch Hauptfinanzier. ORF-Chef Alexander Wrabetz ließ sich an diesem Sonnabend sogar in Klagenfurt blicken; bei der gestrigen Preisverleihung war er, so Moderator Christian Ankowitsch immerhin „geistig bei uns“. Auch schön.

Voll da war hingegen Michael Fehr, ausgezeichnet mit dem Kelag-Preis (10 000 Euro). Der sehbehinderte Schweizer ist ein echter Sprechkünstler: Wie bei einem Poetry Slam stand er im gewöhnungsbedürftig gestalteten ORF-Studio und trug seinen sprachlich stark rhythmisierten Alpenkrimi „Simeliberg“ vor; der Text wurde Fehr über Kopfhörer zugespielt. Als wirkliche Entdeckung des Wettlesen gilt Senthuran Varatharajah. Der 30-Jährige stammt aus Sri Lanka, lebt schon lange in Berlin, wo er Philosophie studiert. Er ist nicht nur der jüngste, sondern auch der zeitgenössischste Preisträger: Der Auszug aus seinem ersten Roman, ist einem Gespräch im sozialen Netzwerk Facebook nachempfunden. Dort lernen sich Eliona und Senthil kennen, die beide mit ihren Eltern nach Deutschland geflohen sind. Varatharajahs Text ist formal spannend – und berührt den Leser: Er handelt von der Einsamkeit des Asyls, von den Versuchen, in einem anderen Land, Fuß zu fassen.

Der 30-Jährige gehört zu den vielen Autoren, die nicht hier geboren sind, die deutsche Literatur aber ungemein bereichern – wie Olga Martynova und Katja Petrowskaja, die in den Vorjahren den Wettbewerb gewonnen haben. Nebenpreise erhielten Katharina Gericke und Gertraud Klemm. Ob die zwei im Literaturbetrieb künftig eine große Rolle spielen? Da sind Zweifel angebracht. Wahrscheinlich hätten sie ein Hufeisen nötiger als Burkhard Spinnen.

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