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18:54 01.04.2015
Brutalität und Zärtlichkeit - die Tero Saarinen Company.
Brutalität und Zärtlichkeit - die Tero Saarinen Company. Quelle: Heikki Tuuli
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Anfang 20. Stramm auf die 50 zugehend. Mit Struwwelbart. Oder ohne. Sehr, sehr helle Haut und auch milchkaffeefarbene. Schulterlanges blondes Haar oder auch glattrasiert. Korpulent, zartgliedrig, mit Tattoo oder ohne.

Acht Tänzer, jeder in seiner dichten Virilität ein eigenwilliger Typ, lässt Tero Saarinen Männlichkeit suchen. „Morphed“ nennt der finnische Choreograf sein bei den Oster-Tanz-Tagen gezeigtes Stück. Das bedeutet, dass alles seine Gestalt ändert; nichts bleibt, was es ist. Ein hoffnungsvolles Ansinnen, das Saarinen, der nach dem einstündigen Tanzstück noch für ein kurzweiliges Gespräch mit Ballettdirektor Jörg Mannes auf die Opernbühne kommt, als „die Neugier in meiner Haut“ bildhaft umschreibt.

Acht Männer, keiner wie der andere. Ihre Unterschiedlichkeit ist Programm. Sie gehen auf der großen Bühne sehr dicht auf engem Raum umeinander herum. Erst allmählich löst sich der Pulk auf, und wir erleben Verführungen und Forderungen, Brutalität und Sehnsucht. Vielleicht ist auch das Brutale eine Form von Sehnsucht. Sehnsucht nach Zärtlichkeit.

Da Saarinen bei der Wahl seiner Tänzer nicht nur auf ihre Eigenwilligkeit achtete, sondern auch auf ihre Ausbildung, sind subtile Anleihen an diverse Tanzstile gewollt: lässiger Streetdance, musicalmäßig à la Gene Kelly, das klassische 19. Jahrhundert, Modern Dance, alles darf sein, nichts muss vordergründig werden. Tero Saarinens moderner Mann ist ein Mensch, der ahnt, dass er noch weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Mögen die Sprünge auch noch so dynamisch hochschnellen und die Rücken noch so hingebungsvoll nach hinten gebogen werden.

Das irritiert, und das soll irritieren. Der finnische Choreograf lässt sich dabei von seinem langjährigen Bühnen- und Lichtbildner Mikki Kunttu helfen. Kunttu entwarf das nuancenreiche Licht und einen Vorhang aus lose hängenden Kordeln, die die Bühne auf allen drei Seiten sowohl begrenzen als auch öffnen. Die Tänzer nutzen die dicken Seile zu immer neuen Verwicklungen.

Ebenso vielschichtig sind die Kostüme von Modedesigner Teemu Muurimäki entworfen, der auch für Marimekko arbeitet. Alle Acht tragen einen scheinbar belanglosen schwarzen Anzug - allerdings mit Kapuze, die, einmal über den Kopf gestülpt, das Individuum in der Menge untergehen lässt. An den Achseln der Jacke sind die Nähte offen gehalten, so dass jede Armbewegung mit weißen Zuckungen einhergeht. Auch die weißen Hemden unter der Jacke bieten eine überraschende Optik, nicht nur mit den raffinierten Kragen, sondern auch aufgrund ihrer Reißfestigkeit. Der Stoff hält - als ein Tänzer einen anderen am Hemdrücken über die Bühne trägt.

Ein Geburtstagsgeschenk hat sich der 50-jährige Saarinen mit der Wahl der Musik für seine jüngste, inzwischen 40. Choreografie selbst gemacht. Sie stammt von seinem Landsmann, dem berühmten Dirigenten Esa-Pekka Salonen. Saarinen würdigt ihn als Komponisten. Salonen wiederum schätzt Saarinen so, dass er bei der Uraufführung von „Morphed“ in Helsinki im August 2014 selbst die für das Ballett verwendeten Orchesterwerke dirigierte, unter anderem Salonens Symphonie „Foreign Bodies“. Fremde Körper.

Den Tanzliebhabern der Region ist Saarinen vertraut. Vor elf Jahren hat Movimentos Tero Saarinen als „Besten Tänzer“ ausgezeichnet. Noch früher, 1999, stand Saarinen in Hannover noch selbst auf der Bühne, beim Tanztheater International. Intendantin Christiane Winter, mit ihrem Sinn fürs kompromisslos Innovative, hatte den skandinavischen Bewegungskünstler mit seinem Solo „B 12“ eingeladen, eine Hommage an den damals 102-jährigen Butoh-Gründer Kazio Ono. Saarinen im ramponierten Tütü vereinte damals in der Orangerie Herrenhausen seine Liebe zum traditionellen wie modernen japanischen Tanz mit finnischer Charmeoffensive. Tanzstadt Hannover war schon vor 16 Jahren. Viel Applaus für dieses Männerland, das erste von zwei hochkarätigen Gastspielen während der Oster-Tanz-Tage.

  • Nächster Termin: „War Stains on the Wall“ mit dem Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan, Sonnabend, 19.30 Uhr, in der Oper.

Von Alexandra Glanz

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