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Kultur Startenor Rolando Villazón: „Musik ist Explosion“
Nachrichten Kultur Startenor Rolando Villazón: „Musik ist Explosion“
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13:28 20.11.2010
Quelle: Broede
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Ihr neues Programm heißt „México!“ und ist ganz der mexikanischen Musik gewidmet! Was ist das Spezielle an der mexikanischen Musik? Was unterscheidet sie von anderer lateinamerikanischer Musik?
Wir Mexikaner suchen immer nach Identität und fragen uns: Wer sind wir? Wir sind Spanier, Indianer oder Azteken – wir sind die Mischung. Und unsere Musik zeigt das. So sind wir. Sie hilft uns, sie ist Humor, Leidenschaft, Licht, Explosion. Es ist wie ein Schrei. Wenn wir traurig sind, dann schreien wir diese Traurigkeit heraus. Wenn wir glücklich sind, dann schreien wir das Glück ebenfalls heraus. Wenn jemand traurig ist, dann nimmt er eine Mariachi-Band, einen Tequila und singt.

Wenn Sie ein Lied zum ersten Mal hören, können Sie dann erkennen, ob das ein mexikanisches Lied ist? Gibt es da Spezifika?
Manche deutsche Volksmusik, aus München zum Beispiel, klingt wie Mexiko. Na ja, fast. Nicht genau. Es geht vor allem darum, wie wir den Rhythmus benutzen. (singt schnell mal „Vera Cruz“). Mexiko ist groß, es hat fast zwei Millionen Quadratkilometer Fläche. Das bedeutet, wir haben jedes Wetter, wir haben Wald und Wüste und die Küste.

Und den Rhythmus?
Ich war einmal in Heidelberg und habe verstanden, warum Schumann seine Musik so geschrieben hat, wie sie ist: Wenn man den Wind auf der Haut spürt und die Geschichte ... Musik kommt nicht einfach nur so daher. Wir sind eine Konsequenz aus allem, was wir haben, was wir erleben. Wenn ich „Vera Cruz“ singe (singt und klatscht in die Hände): Diese Musik hat Sonne. Andere Komponisten kommen aus der Stadt, das klingt dann melancholischer. Komponisten suchen eine Identität. Consuela Vélazquez war eine berühmte Debussy-Interpretin – und schrieb „Besame Mucho“, diesen Hit. Maria Grever liebte die Oper und schrieb Lieder, die wir hier spielen.

Rolando Villazón wurde am 22. Februar 1972 in Mexiko-Stadt geboren. Der Tenor gewann mehrere Gesangswettbewerbe in seiner Heimat und fiel 1999 in Plácido Domingos Operalia-Gesangswettbewerb auch einem internationalen Publikum auf. Wenig später begann seine internationale Karriere, die ihn an die großen Opernhäuser führte. 2005 war er an der Seite von Anna Netrebko erst im „Liebestrank“ in Wien und wenig später in „La Traviata“ bei den Salzburger Festspielen erfolgreich. 2009 musste er sich einer Operation an den Stimmbändern unterziehen und pausierte einige Monate. Anfang Oktober 2010 aber debütierte er an der Mailänder Scala. Derzeit ist Rolando Villazón mit seinem Programm „México!“ auf Tournee und kommt am Mittwoch, 24. November, auch nach Hannover in den Kuppelsaal. Karten: (05 11) 36 38 17.

Welche Rolle spielt Mexiko noch in Ihrem Leben? Wie oft sind Sie da?
Ich habe in diesem Sommer drei Konzerte in Mexiko gesungen. Für jeden Mexikaner und auch für mich ist das eine schwierige Beziehung mit Mexiko. Wir lieben es mit ganzem Herzen, aber manchmal sind wir auch enttäuscht. Es gibt so viele Probleme. Der reichste Mensch der Welt ist Mexikaner, doch es gibt auch große Armut. Aber ich empfinde es als Verantwortung gegenüber meiner Heimat, dass ich der Welt zeige, was es Wunderbares bei uns gibt. Wir leben in einer Kultur, die dem Negativen so viel Aufmerksamkeit widmet. Jemand hat einen wunderschönen Erfolg: tja. Aber wenn ein Sänger ein Problem hat, wenn ein Politiker ein Problem hat, dann ist das Schlagzeile. Meine Beziehung zu Mexiko ist nicht immer einfach. Ich hatte teilweise auch eine schlechte Presse. Aber jetzt bin ich zurückgekommen, und es war wunderschön. Meine Heimat und ich, wir haben uns umarmt.

Der Name des Orchesters „Bolivar Soloists“ beschwört Simón Bolívar, den großen Befreier. Spiegelt sich da der Traum eines Vereinten Lateinamerika?
Musik kann diesen Traum erfüllen. In unserem Orchester sind Musiker aus Argentinien, aus Venezuela, aber auch Spanier, Mexikaner – und aus Deutschland. Wir haben uns in der Musik getroffen und uns sofort verstanden.

Sie singen populäre Lieder – in klassischer Besetzung und auf klassische Art.
Weil ich ein klassischer Sänger bin. Ich will diese Musik aber nicht mit Schumann oder Verdi vergleichen, das sind populäre Lieder aus den dreißiger und vierziger Jahren. Damals war der Abstand zwischen einem Popsong und einem Kunstlied viel geringer als heute. Diese Lieder waren für gelernte Sänger geschrieben. Obendrein wollte ich keine Hollywoodarrangements. Ich wollte intimere Klänge.

Sie singen auch Arrangements von Daniel Catán, der ja auch Opern geschrieben hat. Würde Sie das reizen: moderne mexikanische Musik?
Catans Oper „Il Postino“, die gerade erst in Los Angeles uraufgeführt worden ist, war für mich geschrieben, aber es gab Terminprobleme, und ich hoffe, ich werde diese Partie noch singen.

Und andere Musik von heute?
Da gibt es Pläne mit einer neuen Aribert-Reimann-Oper, aber mehr kann und will ich da noch nicht sagen.

Reden wir über Ihren Zweitberuf: das Karikaturenzeichnen. Caruso hat das auch gemacht ...
Er hat wunderbare Porträts gemacht, ich zeichne gerne witzige Situationen. Auf meiner neuen Website wird es viele gestrichelte Rolanditos geben.

Es gibt Sänger, die dirigieren wie ihr Freund und Vorbild Placido Domingo, und andere, die auch Regie führen.Gibt es da bei Ihnen ebenfalls Pläne?
Am 13. Dezember fange ich in Lyon mit den Proben zu meiner ersten Opern-Inszenierung an: Massenets „Werther“. Das war schon lange geplant. Premiere ist am 24. Januar. Es wird hoffentlich interessant, nicht traditionell. Ein junger Mexikaner wird die Titelpartie singen, Arturo Chacon, mehr verrate ich noch nicht.

Ist das dann schwierig für ihn? Wenn Sie sein Chef sind?
Ein Regisseur und ein Dirigent sind keine Chefs. Kunst entsteht nur im Zusammenspiel. Am verwundbarsten ist der Sänger, er ist nackt. Deshalb muss ich eine Welt entwerfen, die die Sänger zu ihrer Welt machen können, das ist das wichtigste für einen Regisseur.

Und dirigieren?
Da müsste ich 15 Jahre in die Schule gehen.

Wie geht es weiter?
Ich singe im nächsten Jahr den Werther in London, Mozartarien in Salzburg und „Il Re Pastore“ in Zürich. Es gibt ein „Don Giovanni“-Projekt in Baden-Baden. Das nächste Jahr wird mein Mozart-Jahr. Aber es kommt auch „Hoffmanns Erzählungen“ in München.

Ein kleines Spiel zum Abschied. Drei Fragen zu Ihrer Stimme. Wenn die ein Tier wäre, welches?
(Wie aus der Pistole geschossen): Ein Pferd. Und ich versuche, diesem Pferd Flügel zu verleihen.

Wenn Ihre Stimme ein Instrument wäre?
Ein Horn (singt leise).

Und wenn sie ein Wein wäre?
(Denkt nach) Ich bin nicht sehr stark in Sachen Wein ...

Ein Champagner, etwas Übersprudelndes?
Nein, ein Sassicaia, ein roter Italiener.

Interview: Rainer Wagner