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Kultur Skandalroman „Axolotl Roadkill“ feiert Bühnenpremiere
Nachrichten Kultur Skandalroman „Axolotl Roadkill“ feiert Bühnenpremiere
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12:01 23.11.2010
Von Martina Sulner
„Und sogar jetzt lüge ich“: Lisa Hagmeister, Birte Schnöink, Sebastian Zimmler und Victoria Trauttmansdorff (v. l.) in „Axolotl Roadkill“. „Und sogar jetzt lüge ich“: Lisa Hagmeister, Birte Schnöink, Sebastian Zimmler und Victoria Trauttmansdorff (v. l.) in „Axolotl Roadkill“.
„Und sogar jetzt lüge ich“: Lisa Hagmeister, Birte Schnöink, Sebastian Zimmler und Victoria Trauttmansdorff (v. l.) in „Axolotl Roadkill“. Quelle: dpa
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Von der angesagten Debütantin zur abgewatschten Plagiatorin und wieder zurück: Helene Hegemanns Einstand im deutschen Literaturbetrieb verlief rasant. Ende Januar dieses Jahres erschien ihr Roman „Axolotl Roadkill“; ein paar Tage später wurde bekannt, dass sie sich für ihr Debüt sehr großzügig und ohne Absprachen bei Texten und Blogs anderer Autoren bedient hatte. Wiederum kurze Zeit später und nachdem ihr Buch um „Quellennachweis und Danksagung“ ergänzt worden war, war der Ärger fast schon wieder vergessen – so gut und erschütternd fanden viele Leser und Kritiker das Buch über eine seelisch zerrüttete Halbwüchsige.

„Mit dem Roman wurde die damals 17-jährige Autorin zum Fetisch vieler deutlich älterer Feuilletonisten, die glaubten, endlich einen authentischen Einblick in den heutigen Jugendzeitgeist zu gewinnen“, schreibt Dramaturg Tarun Kade jetzt im Programmheft für das Thalia Theater. Damals – das ist ein großes Wort für einen Vorgang, der noch kein Jahr her ist. Doch ansonsten kann man Kade nur gratulieren: Fürs Thalia an der Gaußstraße, der kleinen Bühne des Hamburger Theaters, hat der Mittzwanziger Hegemanns Roman zum starken und konzisen Theatertext verdichtet. Bastian Kraft, Jahrgang 1980, führt Regie bei der Uraufführung.

Der Dramaturg hat Helene Hegemanns oft überambitionierten Roman über eine hochbegabte Halbwüchsige von vielen Anspielungen, was und wer in Berlins Kulturszene gerade angesagt ist, befreit. Vor allem Passagen über die hauptstädtische Theaterszene – Hegemanns Vater ist Autor und Dramaturg in Berlin – sind ebenso gestrichen wie Drogen- und Gewaltexzesse. Herausgeschält wurde ein Stück über eine junge Frau namens Mifti, die zu viel grübelt, ein bisschen zu viele Drogen nimmt und Sexabenteuer erlebt – der man aber nicht alles glauben sollte, was sie erzählt. „Und sogar jetzt lüge ich“, behauptet sie auf der Bühne mehrmals. Oder sagt sie vielleicht doch die Wahrheit?

Auf den ersten Blick wirken Text und Regie widersprüchlich. Denn Bastian Kraft inszeniert die bittere Geschichte einer 16-Jährigen, deren Mutter sich mit Alkohol und anderen Drogen zu Tode gebracht hat, als glitzernde Revue. Da erklingt schwelgende Barmusik, und die Schauspieler tragen verspielte Kleider (Kostüme: Dagmar Bald). Gerade durch den Revue-Charakter erreicht der Regisseur eines im Nu: Die Frage, was an Hegemanns Geschichte authentisch ist, rückt in den Hintergrund. Und damit auch ein Teil der Debatte um den Roman. Mehrere bekannte Kritiker warfen sich gegenseitig vor, dass ihre Begeisterung für „Axolotl Roadkill“ nichts mit literarischen Maßstäben zu tun habe, sondern vielmehr mit der Sehnsucht danach, qua Buch an unverfälschten Gefühlen heutiger Jugendlicher teilzuhaben.

In Hamburg hingegen sieht man die Suche eines Teenagers nach einem eigenen Lebensentwurf, nach eigenen Erfahrungen. „Das ist mein Leben“, ruft Mifti immer mal wieder. Oft dient das als Überleitung zu einer Szene, in der sie fast daran verzweifelt, nicht zu wissen, wer sie ist und was sie eigentlich fühlt. Wenn ihr Gerede über Selbstreferentialität, Post-Gender-Debatten oder Mode-Philosophen stoppt, bleibt da vor allem puber­täre Verunsicherung.

An der Gaußstraße sind gleich fünf Schauspieler (Lisa Hagmeister, Birte Schnöink, Cathérine Seifert, Victoria Trauttmansdorff, Sebastian Zimmler) als Mifti zu erleben; sie treten zudem in anderen Rollen auf, etwa als Vater, als Halbgeschwister oder als ältere Geliebte. Dass diese widersprüchliche Hauptperson, die ihren Platz in der Welt sucht, von fünf Schauspielern dargestellt wird, ist – zumal in einem Stück über Authentizität und deren Grenzen – konsequent. Besonderer Clou der Inszenierung ist jedoch das laufende Band, auf dem Miftis Geschichte und Erinnerungsstücke über die Bühne (Bühnenbild: Peter Baur) fließen. Da zuckelt Spielzeug auf dem Band, da spielt das gut aufgelegte Ensemble kurze Szenen aus Miftis Vergangenheit oder Gegenwart. Manchmal hält eine Schauspielerin das Band an, weil ihr eine Szene nicht gefällt. Dann wird die Erinnerung aufgehübscht und neu gespielt. Manchmal aber lässt sich das Band nicht anhalten; Mifti hat nicht die Kontrolle über alle Szenen und Erinnerungen.

Die Thalia-Inszenierung geht ein hohes Tempo, und die guten Darsteller spielen druckvoll. Doch am berührendsten wird es, wenn die Musik verklingt, das Band stoppt, die Videoprojektionen stoppen und wenn dann Mifti nach vorne tritt und von der kaputten Mutter erzählt. Aber vielleicht, fragt sich der Zuschauer etwas bang, sind ja gerade diese Erinnerungen nur Lüge.

Wieder am 23. und 28. November, 7. und 18. Dezember, Karten: (0 40) 32 81 44 44.

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