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Kultur Sind Sie gern mal uncool, Sarah Kuttner?
Nachrichten Kultur Sind Sie gern mal uncool, Sarah Kuttner?
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22:00 22.03.2019
Autorin, Moderatorin und Twitter-Star: Sarah Kuttner hat keine Scheu vor schweren Themen. Quelle: Katharina Hintze/S. Fischer Verlag

Frau Kuttner, Sie haben einen Roman über ein sehr trauriges Thema geschrieben. Ein kleiner Junge stirbt, und zurück bleiben drei Erwachsene, die irgendwie mit diesem Schicksal umgehen müssen. Wie schwer oder auch leicht ist es Ihnen gefallen, sich diesem Thema zu nähern?

Um ehrlich zu sein, fand ich das nicht so irre schwer. Denn ich bin generell relativ offen, was alle möglichen psychologischen Abgründe angeht. Es fasziniert mich einfach, wie Menschen nicht nur körperlich, sondern eben auch psychologisch funktionieren.

Und wie nähern Sie sich diesen Themen?

Für mich ist das Schreiben und Entwickeln meiner Geschichten wie ein großes, cooles Puzzlespiel. Am Anfang gibt es meist eine alles bestimmende Problematik. In diesem Fall habe ich das Thema Tod gewählt, weil der Tod in den vergangenen Jahren leider sehr präsent in meinem Leben war. Anschließend experimentiere ich herum und versuche dafür zu sorgen, dass sich zwei Ansätze treffen, woraus sich dann ein schöner Konflikt ergibt. Daran arbeite ich mich dann mit Interesse und Liebe ab.

Sie haben selbst jemanden verloren?

Sagen wir es so: Die Einschläge waren einfach nah genug, so dass ich auf verschiedene Arten den Umgang mit Trauer und Tod selbst erfahren habe.

Ist das Schreiben in diesem Fall auch eine Hilfe gewesen, persönliche Erfahrungen zu verarbeiten?

Ich verarbeite generell nichts beim Schreiben. Das wäre eine sehr merkwürdige Motivation. Es geht vielmehr um Erfahrungen, auf die ich mich für meine Geschichten berufen kann. Und von denen ich zehren kann. In den vergangenen Jahren sind einfach drei, vier wichtige Menschen aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen und mit unterschiedlichster Nähe zu mir gestorben. In solchen Zeiten lernt man unglaublich viel. Und zwar nicht nur über Krankheiten, sondern auch darüber, wie man Menschen bestattet, wie sich Hinterbliebene teilweise gegenüber anderen Hinterbliebenen verhalten und wie das mit dem Erbe geregelt wird. Ich konnte beobachten, wie Menschen trauern, was mit meiner eigenen Art zu trauern erst einmal nicht viel zu tun hatte. „Kurt“ ist also leider nicht so autobiografisch, wie es für Außenstehende vielleicht spannend wäre.

Gehen wir denn richtig mit Trauer um, oder ist das Thema zu sehr tabuisiert?

Trauer ist kein Tabu. Im Gegenteil. Trauer ist mittlerweile fast schon schick oder zumindest total okay. Wer trauert, der zeigt „Achtung, ich bin empathisch!“. Da wird dann auf Facebook „Rest in Peace“ geschrieben. Oder man verschickt diese schlimmen Karten. Wie heißen die noch?

Kondolenzkarten?

Richtig. Die sollte kein Mensch schreiben. Damit macht man es sich im Grunde nur einfach. Man kauft so eine Karte, wo vorne ein Kreuz oder eine Kerze drauf ist. Und dann schreibt man hinten nur noch „liebe Grüße, deine Susi“ rein, weil einem vor Schreck nichts Anständiges einfällt. Denn dass jemand stirbt, gilt immer noch als das Schlimmste, was einem passieren kann. Was per se allerdings gar nicht stimmt.

Was kann denn schlimmer sein als der Tod eines Menschen?

Nun, ich habe mal gelesen, dass Verlassenwerden, also Liebeskummer, ein mindestens ebenso großer psychischer Stress ist wie der Tod eines Nahestehenden. Weil Verlassenwerden bedeutet, dass das Objekt der Begierde noch da ist, sich aber aktiv gegen einen entschieden hat. Wenn jemand stirbt, dann ist er einfach weg, was furchtbar ist, aber er ist nicht plötzlich einfach bei anderen Leuten.

„Es fasziniert mich einfach, wie Menschen nicht nur körperlich, sondern eben auch psychologisch funktionieren“, sagt Sarah Kuttner. Quelle: Katharina Hintze/S. Fischer Verlag

Trotzdem ist der Umgang mit Trauernden für viele ungleich schwerer.

Weil viele Menschen einfach Angst haben, auf jemanden, der trauert, zuzugehen. Sie fürchten, dieses furchtbare Leid noch zu verschlimmern, indem sie etwas Falsches machen oder sagen. Ich kann das durchaus verstehen. Aber genau in diesem Moment entscheidet man sich dann, diese furchtbaren Kondolenzkarten zu schreiben. Oder man sagt so Sachen wie „Herzliches Beileid“. Ich frage mich dann immer, was man darauf antworten soll? „Danke schön?“

Aber wie macht man es denn nun richtig?

Ich glaube, der richtige Weg ist immer, einfach strikt nach Gefühl zu handeln. Wenn man jemanden kennt, der trauert, und man nicht so richtig weiß, was man machen soll, dann sollte man genau das einfach ehrlich sagen. Oft reicht schon ein „Ich hab dich lieb. Und wenn ich was machen kann, dann ruf mich an.“ Und dann nicht einfach verschwinden, wenn man nicht gebraucht wird. Trauernde nutzen dieses Angebot, für sie da zu sein, oft nicht. Sie wollen nicht zur Last fallen. Es ist ein schmaler Grat zwischen zu viel und zu wenig.

In der Theorie klingt das so einfach. Aber in der Praxis fallen manche Dinge einfach wahnsinnig schwer.

Ich hatte zum Beispiel eine Freundin vier Monate bei mir wohnen, deren Freund gestorben war. Ich hab sie einfach eingepackt, hab ihr Nudeln gekocht, und sie ist morgens mit meinem Hund rausgegangen, damit sie etwas zu tun hat. Im Laufe des Tages haben wir uns eine halbe Stunde für administrativen Kram gesucht, und dazwischen durfte geweint werden. Man muss eine gute Mischung finden, die daraus bestehen sollte, die Trauer als Teil des aktuellen Lebens zu akzeptieren, aber eben auch den Alltag weiterführen:mit ihnen shoppen gehen und essen, sich die Nägel lackieren, lachen und weinen. Und wenn man das Gefühl hat, dass man das nicht kann, lieber ehrlich sein und das auch zugeben.

Auch wenn die Geschichten, die Sie erzählen, nicht autobiografisch sind, so hat man trotzdem immer das Gefühl, Ihre Protagonistinnen sind Ihnen in vielen Dingen unglaublich ähnlich.

Das stimmt. Auch in „Kurt“ ist viel Sarah drin, aber ich erzähle eben nicht meine Depression, nicht von meiner schwierigen Kindheit und auch nicht meinem Sterbefall. Die Geschichten sind nie meine, aber der Füllstoff hat ganz viel von mir. Alle Kindheitserinnerungen sind tatsächlich meine. Die Schorfheide, mein Opa, meine Liebe zu Brandenburg und die Gartenarbeit. Und auch die Szene mit dem Radfahren.

Das heißt, Sie sind wie Lena auch jahrelang nicht Fahrrad gefahren?

Richtig. Letzten Sommer habe ich mir von meinen Nachbarn ein Fahrrad geliehen – und erst als ich losfuhr, ist mir aufgegangen, dass ich tatsächlich seit 20 Jahren nicht mehr Fahrrad gefahren bin. Da hab ich erst gemerkt, wie cool das ist – und wie schwierig übrigens auf Waldwegen.

Kann sich nicht vorstellen, ihre Heimat Berlin komplett gegen das Landleben auszutauschen: Sarah Kuttner mit Hundebegleitung. Quelle: Katharina Hintze/S. Fischer Verlag

Sie schreiben in „Kurt“ den Satz „Brandenburg ist ein guter Freund“. Stimmt das?

Das ist in diesem Fall ein Satz, der für meine Protagonistin Lena gilt. Ich finde Berlin und Brandenburg gleich gut, und müsste ich mich entscheiden, würde ich mich nach wie vor für die Stadt entscheiden. Denn ich bin wirklich mitten in Berlin geboren und habe mein ganzes Leben hier gelebt. Ich liebe das und kann mir zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen, mein Stadtleben gegen das Landleben komplett auszutauschen. Außerdem ist man in Berlin ja trotzdem wahnsinnig schnell im Wald. Ich liebe, dass ich beides haben kann. Im Sommer bin ich tatsächlich die halbe Woche in der Stadt und die halbe auf dem Land.

Und dann gibt es in Ihrem Buch den schönen Satz, der lautet „Albern zu sein bedeutet, eine grundsätzliche Bereitschaft zur Uncoolness zu haben“. Sind Sie gern uncool?

Grundsätzlich habe ich erst mal Humor. Punkt. Das ist wahrscheinlich einfach eine Charaktereigenschaft von mir. Aber ich bin halt auch unfassbar albern. Einfach nur ironisch oder zynisch zu sein, das ist ja nicht mal richtiger Humor, sondern nur eine überhebliche Bewertung. Das benutze ich zwar auch gern, aber mal so richtig albern zu sein, ist so wunderbar kindlich. An Weihnachten hatten wir alle Weihnachtsbrillen auf. Auch beim Gassigehen. Das war ganz toll. Wir sind zu zweit mit drei Hunden raus, und jeder hatte diese albernen Brillen auf. Und es war uns furchtbar egal, ob die Nachbarn das bekloppt finden. Das war sehr albern, aber auch sehr schön.

Wie wichtig ist Ihnen Humor bei anderen Menschen?

Es ist kein Muss, aber mir schon sehr wichtig, denn Humor ist ein relevanter Teil meines Charakters. Die meisten Menschen, die mir wichtig sind, können auch richtig albern sein.

Sich selbst nicht so ernst zu nehmen, kann ja auch sehr befreiend sein.

Ich finde es total attraktiv, wenn man sich nicht ständig mit seinem eigenen Bild beschäftigen muss. Es gelingt mir nicht immer, aber ich bin ein Fan davon, einfach mal loszulassen und nicht ständig darüber nachzudenken, was wäre wenn. Was wäre, wenn ich noch ein bisschen schlauer wäre, schöner oder größer. Was wäre, wenn ich es endlich schaffen würde, weniger zu rauchen oder mehr Zeitung zu lesen. Aber so bin ich halt. Und je älter ich werde, desto schlechter nehme ich ab. Ich rauche wirklich gern, und größer werde ich auch nicht mehr. Und ja, ich mache keinen Sport. Und deshalb muss ich mich auch nicht über einen eher weichen Po wundern. Diese wunderbare Uncoolness kann wahnsinnig befreiend sein. Das ist die berühmte Freiheit von sich selbst, einfach mal totalen Bullshit zu machen. Wenn das für Lacher sorgt, gern!

Sie sind gerade 40 Jahre alt geworden. Ist diese Zahl zu irgendeinem Zeitpunkt ein Problem für Sie gewesen?

Ich glaube, 40 zu werden ist in Wahrheit gar nicht für so viele Frauen schwierig. Als ich 30 wurde, wurde mir das von Journalisten auch immer schon eingeredet: „Sie werden jetzt ja bald 30, wie finden Sie das?“ Damals dachte ich „Ui, ui, ui, was da wohl passiert ...“ Und dann passierte original gar nichts. „Gut“, dachte ich. „Dann sind wahrscheinlich 40 jetzt die neuen 30. Dann wird es bestimmt problematisch.“ Aber auch jetzt ist exakt nichts passiert. Ich war an der Ostsee, hatte einen wunderbaren Tag und sehe immer noch genauso aus wie vorher. Natürlich ist die Zahl nicht so attraktiv, und man denkt, das ist jetzt also offiziell schon das halbe Leben gewesen. Aber 40 Jahre noch mal wären auch ganz schön viel. Ich muss gar nicht für immer leben.

Der Tod, womit wir wieder am Anfang unseres Gesprächs wären, macht Ihnen also gar nicht so viel Angst?

Ich muss wirklich keine 150 Jahre alt werden. Selbst das macht mir nicht wirklich Angst. Ich möchte natürlich nicht jetzt schon sterben, und ich möchte, dass mein Körper noch lange so funktioniert, wie er es jetzt tut. Aber ich merke, das ist tatsächlich nicht an einer Zahl festzumachen. Vielleicht werden die 50 gruselig, dann reden wir noch mal.

Sarah Kuttner: „Kurt“. S. Fischer Verlag. 240 Seiten, 20 Euro. Quelle: S. Fischer Verlag

Zur Person: Sarah Kuttner

„Und dann fällt Kurt vom Klettergerüst“ – es ist dieser schlichte, fast lakonisch dahingeschriebene Satz, der in Sarah Kuttners neuem Roman „Kurt“ gleich mehrere Welten ins Wanken bringt. Nach „Mängelexemplar“ (Depressionen), „Wachstumsschmerz“ (Beziehungsfrust) und „180 Grad Meer“ (schwierige Kindheit) geht es in „Kurt“ um den Tod eines Kindes und was dieser Schicksalschlag mit den zurückbleibenden Erwachsenen macht.

Es ist die Geschichte einer jungen Patchworkfamilie, deren vermeintliches Glück durch den unvermeidbaren Sturz vom Klettergerüst plötzlich zu zerbrechen droht. Die Geschichte spielt in Brandenburg und Berlin, wo Kuttner selbst immer noch ihren Lebensmittelpunkt hat.

Kuttner wurde 1979 in Ost-Berlin geboren. Ihr Vater ist der Radiomoderator und Theaterregisseur Jürgen Kuttner, der vielen als Stimme von Radio Fritz (RBB) ein Begriff ist. Dort startete auch Sarah Kuttner ihre Karriere, bevor sie 2001 zu einem der bekanntesten Viva-Gesichter wurde.

2004 folgte der Wechsel in die ARD, wo Kuttner immer wieder verschiedene Formate ausprobierte. Talk, Reportage und Moderation – in einem Interview mit der „Zeit“ sagte sie einmal, am Ende sei sie ein paar Mal „erfolgreich abgesetzt“ worden.

Seit 2016 produziert und moderiert sie die Veranstaltungsreihe „Kuttners schöne Nerdnacht“. Seit 2017 moderiert sie gemeinsam mit Stefan Niggemeier den Podcast „Das kleine Fernsehballett“ auf Deezer. Zwischendurch pflegt sie ihre 350 000 Twitter- und über 450 000 Instagramfans.

Von Nora Lysk

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