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Kultur Rocko Schamoni: „Der Kiez ist eine Melkanlage für Samen und Geld“
Nachrichten Kultur Rocko Schamoni: „Der Kiez ist eine Melkanlage für Samen und Geld“
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08:01 20.03.2019
Rocko Schamoni macht aus Scheiße Gold – mit einer Schmuckkollektion. Quelle: Axel Heimken/dpa
Hamburg

Rocko Schamoni hat so viele Seiten, dass man kaum weiß, wie man ihn ansprechen soll – da ist es erleichternd, dass Herr Schamoni beim Interview sich gleich als Rocko vorstellt und sofort das Du anbietet. Ein Gespräch mit dem Dorfpunk, Musiker, Autor, Klub-Betreiber und Scheiße-Designer.

Wenn man ,Rocko Schamoni’ und ,nett’ bei Google eingibt, erscheint ziemlich weit oben die Seite „Scheiße by Schamoni“.

Ha, ha, ja. Das ist eine Schmuckkollektion, die hier in Hamburg unter meiner Schirmherrschaft produziert wird und wortwörtlich aus Scheiße Gold macht.

Büttn teuer die Stücke.

Ja, aber es ist hochwertige Handarbeit. Die Materialien sind nachhaltig und die Mitarbeiter werden ordentlich bezahlt. Da ist nichts mit Blutminen oder Ausbeutung im Hintergrund. Dieser ganze Swarovski-Müll, der kommt aus den billigen Produktionsländern.

Die Masse spart halt gern . . .

Ja, und ich finde, dass die Leuten akzeptieren müssen, dass sie für alles Gute eben auch etwas mehr ausgeben müssen. Zum Beispiel auch beim Essen. Wie kann es sein, dass ein halbes Hähnchen für gerade einmal 3,50 Euro kostet? Das war mal ein lebendes Tier.

Bist du eigentlich noch häufiger an der Ostsee? Du kommst ja ursprünglich aus Lütjenburg.

Wenn das Wetter gut ist, fahr’ ich raus. Ich hab da noch ein Haus auf der Ecke.

Du bist also nicht so provinz-traumatisiert wie dein Freund Heinz Strunk?!

Doch! Total! Ich pendel immer zwischen der Erfahrung, bei schönem Wetter in dieser wunderbaren Landschaften zu sein und der Erinnerung, die mich da sofort wieder wegtreibt, sobald der erste Regentropfen fällt.

Da geht auch nicht viel, wenn da ein Sturm gegen die Scheiben peitscht . . .

Und das ist teilweise im Winter drei Monate so. Da lob’ ich mir die Großstadt und bleibe da nicht sitzen, das ist mir zu hart.

Ist es nur das Wetter, das dich da nicht mehr hält?

Nein, mein Hauptproblem ist, dass auf dem Land die Kulturschätze verfallen. Von 15 Dorfgasthöfen gibt es jetzt noch maximal fünf. Da wohnen jetzt Hamburger Zahnärzte und Rechtsanwälte am Wochenende drin. Die Landdiskotheken sind geschlossen, ein Großteil der Kneipen ist zu. Die Leute schützen die Orte, an denen sie zusammenkommen konnten und der ihren Zusammenhalt ausgemacht hat, nicht mehr. Sie lassen es vergehen.

Mehr zum Thema: Der Goldene Handschuh“ von Fatih Akin: Zombies in der Kiez-Kneipe

Aber auch, weil Menschen wie du diese Ort verlassen oder nicht?

Nein, ich bin ja sogar ein Rückkehrer und immer wieder da. Aber diejenigen, die dort fest wohnen, die sind dafür verantwortlich, dass ihre Dorfdisko nicht aufgegeben wird und dort Ferienwohnungen reinkommen. Das kann ich als jemand, der ab und zu da ist, nicht aufhalten.

Der Autor

Rocko Schamoni (52) wuchs in Lütjenburg in der Holsteinischen Schweiz auf, wo er auf Drängen seiner Eltern zunächst eine Töpferlehre machte, bevor er Punk und Musiker wurde. Er lebt heute vorwiegend in Hamburg. Sein autobiografischer Bestseller „Dorfpunks“ (2004) feierte auch als Musical in Hamburg große Erfolge.

2008 war Schamoni in „Fleisch ist mein Gemüse“, dem Kinofilm basierend auf der gleichnamigen Romanvorlage von seinem Kumpel Heinz Strunk, als Schützenkönig zu sehen. Neben seiner Schreib- und Musikerkarriere gibt Schamoni Gastspiele in Film, Funk und Fernsehen und betrieb jahrelang den „Golden Pudel Club“ am Hamburger Fischmarkt. Sein neuer Roman „Große Freiheit“ ist gerade im Hanser-Verlag erschienen

Deine neue Romanfigur Wolli Köhler ist in den 60er Jahren auch aus der Provinz, aus einem Dorf in Sachsen, getürmt, und schließlich in St. Pauli gelandet.

Stimmt! Ich habe mal ein Buch von Schriftsteller Hubert Fichte gelesen, darin kam ein Typ vor, den alle Wolli Indienfahrer nannten – das Buch war eine Sammlung von Interviews mit Huren, Strichern und dem Puffboss aus dem damaligen Palais d’Amour, das hat mich fasziniert.

Wolli Köhler war der Puffboss.

Ja und eine sehr interessante Persönlichkeit, von dem ich gedacht hatte, dass er schon lange tot ist, bis ich vor 15 Jahren eine Dokumentation über den Boxer Norbert Grupe gesehen habe, in der Köhler mitspielt. Und nach einigen Recherchen stellte sich heraus: Der Mann lebt noch. In einer kleinen Wohnung in Rissen bei Hamburg.

„Große Freiheit“ ist der erste Teil von Rocko Schamonis Trilogie

Du hast ihn kennengelernt und ihr habt euch angefreundet.

Ja, Wolli war ein sehr offenes, lustiges, redseliges Kerlchen, das mir von seiner Karriere auf dem Kiez alles erzählen wollte. So entstand die Idee, sein Leben zu porträtieren.

Und was hat dich daran so begeistert?

Köhler konnte über sich und sein Handeln in diesem Metier sehr selbstironisch berichten. Er war charmant und ehrlich, kannte aber auch seine Schwächen. Das hat mir sehr imponiert. Dieser Grenzgänger zwischen Puff- und Kunstwelt war belesen und intellektuell – und wohl der erste Bordellboss mit kommunistischem Angang. Ein Lebenskünstler, der sich hochgearbeitet hatte und die Reeperbahn zu ihrer Blütezeit, als die Beatles noch eine kleine Vorband waren, erlebt hat – mit Rotlichtaffären, Huren, Luden, Sex-Clubs, Schlägern, Drogen und übelsten Brutalitäten. Und das birgt viel Erzählstoff.

Das Buch ist der erste Teil einer Trilogie. Nachdem seine Frau Linda verstarb, lebte Wolli sehr vereinsamt in seiner Wohnung. Er las viel, malte, informierte sich über das Weltgeschehen, rauchte seine Joints und sprach mit seiner Frau im Himmel.

Hat der Kiez diesen Charme von früher denn noch?

Nö. Bis auf ein paar gute Clubs, ist der Kiez heute mehr denn je eine große Melkanlage für Samen und Geld. Diese Subkultur von damals gibt es so nicht mehr.

Du hast Wolli bis zum Tod begleitet?

Ja, wir hatten regelmäßigen Kontakt. Und dafür, dass er bis zu seinem Lebensende ordentlich geraucht hat, jeden Tag noch zwei Joints dazu hatte und ab und zu noch ein paar Bier oben drauf gekippt hat, hat er es mit 85 Jahren ziemlich weit geschafft. Er starb 2017 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Was hast du denn für eine Beziehung zum Tod?

Wenn ich ihn abschalten könnte, würde ich ihn abschalten.

Bist du gläubig?

Nee.

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