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00:15 31.03.2014
Von Kristian Teetz
Foto: Peer Steinbrück entdeckt gemeinsam
mit dem Schauspieler Ulrich Matthes den 
politischen Schriftsteller Adolph von Knigge
Peer Steinbrück entdeckt gemeinsam
mit dem Schauspieler Ulrich Matthes den 
politischen Schriftsteller Adolph von Knigge Quelle: Schledding
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Hannover

Ulrich Matthes konnte einem fast ein wenig leid tun. Sein Bühnennachbar Peer Steinbrück erntete mit seinen Textpassagen aus dem Werk des Freiherrn von Knigge im Ballhof Lacher um Lacher. „Der geringste Dorfschulmeister, wenn er seine Pflichten treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate als der Finanzminister.“ So ein Satz aus Knigges „Über den Umgang mit Menschen“ zündet natürlich besonders, wenn ihn ein ehemaliger Bundesfinanzminister sagt. Matthes hingegen traf mit seinen rezitierten Reflexionen über Verfassungstheorie, die Französische Revolution oder den „höchsten Grad von Geistesbildung“ eher auf schweigendes Interesse und die gespannte Erwartung des Publikums, die sich in erster Linie darauf richtete, wann es endlich mit Steinbrück weitergeht.

Nach 20 Minuten unterbrach Matthes dann die Lesung.

Matthes: „Herr Steinbrück hat eindeutig die lustigeren Texte.“

Steinbrück: „Sie haben halt die politischen Passagen.“

Matthes: „Ja, eben. Die sind ja meist nicht so lustig.“

Steinbrück: „Nee, die sind eher dröge.“

Die beiden Herren lachten, die Zuschauer lachten. Weiter im Text.

Die große politische Bühne hat der ehemalige Kanzlerkandidat Peer Steinbrück mittlerweile verlassen, am Donnerstagabend nun trat er auf die ungewohnte Theaterbühne. Aus dem Hohen Haus zur hohen Kunst sozusagen, bei beidem kommt es ja auf die Stimmen an. Auf Einladung der Region Hannover las der Bundestagsabgeordnete gemeinsam mit dem Schauspieler Ulrich Matthes im Ballhof 1 Texte von Adolph Freiherr von Knigge.

Der 1752 in Bredenbeck bei Wennigsen geborene Knigge gilt heute als Benimmpapst. Ein großer Irrtum, wie sich zeigte, denn die Texte, die Steinbrück mit seinem angenehmen hanseatischen Akzent und Matthes mit professioneller Sprecherdiktion hervorragend vortrugen, zeigen Knigge als politischen Zeitgenossen, Aufklärer und kritischen Begleiter der Französischen Revolution. Gelesen wurde aus den Werken „Über den Umgang mit Menschen“, „Joseph von Wurmbrands politisches Glaubensbekenntnis“ sowie aus Briefen des Freiherrn.

Wer wollte, konnte vor allem Steinbrücks Textbeiträge unter der Grundfrage betrachten: Liest er jetzt Knigge vor oder spricht er mit Knigge über sich selbst und den Beruf des Politikers? „Sei, was du bist, immer ganz und immer derselbe“, könnte dem 67-jährigen glühenden Verfechter von Aufrichtigkeit und Authentizität in der Politik als Motto dienen. Knigges Satz „Ein einziger Fehltritt (wird dir) höher angerechnet als andern ein ganzes Register von Bosheiten und Pinseleien“ beschreibt sehr aktuell die besondere Aufmerksamkeit, unter der viele Politiker heute stehen. Und wie eine Mahnung an die Bundestagsabgeordneten und vor allem auch die Bundeskanzlerin, geistreiche Reden zu halten, liest sich folgender Abschnitt: „Flicke keine platten Gemeinsprüche in deine Reden ein.

Zum Beispiel: dass Gesundheit ein schätzbares Gut; dass das Schlittenfahren ein kaltes Vergnügen; dass jeder sich selbst der Nächste sei; dass, was lange dauert, gut werde, wovon ich das Gegenteil zu beweisen übernehme; dass man durch Schaden klug werde, welches leider selten eintrifft; oder dass die Zeit schnell hingehe ... Solche Sprichwörter sind sehr langweilig und nicht selten sinnlos und unwahr.“

Gerade das letzte Zitat relativierte Peer Steinbrück im anschließenden Gespräch mit Matthes und Stefani Schulz vom Team Kultur der Region Hannover ein wenig. „Ein Politiker darf nicht originell sein, er muss penetrant sein. Er muss seinen Zuhörern seine Botschaft eintrichtern“, sagte Steinbrück. Zudem müsse ein Politiker authentisch sein „und kein Schauspieler“. Dies wiederum provozierte Ulrich Matthes zur Gegenrede: „Dagegen wehre ich mich, dass der Schauspieler in diesem Vergleich ausschließlich negativ wegkommt.“

Immer wieder kamen die gutgelaunten Herren auf Knigge zurück. „Er wäre über meinen Stinkefinger sicher schockiert gewesen“, sagte Steinbrück, dessen ausgestreckter Mittelfinger am Ende des Bundestagswahlkampfs auf dem Titel des „SZ-Magazins“ zu sehen war. In Hannover aber erinnerte er sich rechtzeitig wieder an die Regeln von Anstand und Sitte: Sein Honorar, das nach Angaben seines Berliner Büros „im branchenüblichen Rahmen“ lag, spendete Steinbrück einer soziokulturellen Jugendeinrichtung in der Stadt. „So wenig als möglich lasset uns von andern Wohltaten fordern und annehmen!“, hätte Knigge dazu wohl gesagt. Und: „Gegenwart des Geistes ist ein seltenes Geschenk des Himmels und macht, dass wir im Umgange in sehr vorteilhaftem Lichte erscheinen.“

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