Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Kultur Neues Museum wird nach 70 Jahren wiedereröffnet
Nachrichten Kultur Neues Museum wird nach 70 Jahren wiedereröffnet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:12 16.10.2009
Von Johanna Di Blasi
Die Büste der ägyptischen Königin Nofretete ist wieder an ihren alten Platz im Neuen Museum.
Die Büste der ägyptischen Königin Nofretete ist wieder an ihren alten Platz im Neuen Museum. Quelle: ddp
Anzeige

Das von Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler zwischen 1843 und 1855 errichtete Museum wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. Als Einzige der fünf Museumsbauten auf der Insel blieb das Neue Museum lange Zeit Ruine. Jetzt sind auf 8000 Quadratmetern 9000 Objekte aus den Bereichen Ägyptologie sowie Vor- und Frühgeschichte ausgestellt, die bislang zum Teil im Schloss Charlottenburg untergebracht waren. Herausragendstes Exponat ist die mehr als 3000 Jahre alte Büste der Nofretete.

Daneben zählen der Troja-Fund Heinrich Schliemanns und der bronzezeitliche „Berliner Goldhut“ zu den Hauptsehenswürdigkeiten. Am Sonnabend und Sonntag können Berliner und Touristen bei freiem Eintritt den wiedergewonnenen Kunsttempel bewundern.

Die Konkurrenz der Götter

Antikisierende Hallen voller Opulenz, festliche Säle mit marmornen Säulen und verspielten Wandmalereien, Kuppelräume, so weihevoll wie christliche Basiliken – im Neuen Museum hat sich überraschend viel historisches Flair erhalten. Und das, obwohl das Haus fast sieben Jahrzehnte lang dem Verfall ausgesetzt war. An manchen Stellen lugte der Mond durchs kriegszerbombte Gebälk, Bäume standen zwischen antiken Säulen, Moos wuchs in Mauerritzen. An diesem Wochenende öffnet das Neue Museum, das vor 150 Jahren die überquellenden Schätze aufnahm, die in Schinkels Altem Museum keinen Platz mehr fanden, endlich wieder seine Pforten – damit ist die Berliner Museumsinsel wieder komplett.

Nun zeigt sich, dass der britische Architekt und leidenschaftliche Museumsbauer David Chipperfield nicht bloß Hüllen für Exponate gebaut hat, sondern für die Schätze aus der Vor- und Frühgeschichte, aus Ägypten, Zypern, dem Baltikum und den antiken römischen Provinzen, passende und wirkungsverstärkende Raumatmosphären erschaffen hat. Und dabei verbaute er sogar weniger Geld als gedacht: rund 200 Millionen Euro statt veranschlagter 233 Millionen.

Der edelste Raum, der pantheonartige Nordkuppelsaal im ersten Obergeschoss, ist Nofretetes neuer und dauerhafter Thronsaal. Zunächst sollte sie im repräsentativen Treppenhaus Blickfang sein. Doch nun ist die zarte Büste wie eine seltene Blume eingebettet vor moosgrünem Fond – die originale Wandfarbe hat sich in diesem Raum gut erhalten. In einer schicken Vitrine mit brüniertem Messingrahmen strahlt Nofretetes anrührende Schönheit nahezu sakral.

Doch erschüttert und belustigt stellt man fest: Die Königin wird überstrahlt. Ein nackter Kolossaljüngling aus schneeweißem Marmor, eine römische Kopie des griechischen Lichtgottes Helios, spiegelt sich in Nofretetes Vitrine so stark, dass die Pharaonin von Weitem wie ausgelöscht erscheint. Die Ausstellungs-Choreografen wollten einen stolzen Blickkontakt zwischen der Sonnenkönigin und dem Sonnengott am anderen Ende einer langen Raumflucht inszenieren. Es ist unfreiwillig zu einer Götterkonkurrenz geworden. Hier muss von irdischer Seite noch nachgebessert werden.

Neben Nofretete hat auch ihr Gemahl, Echnaton, samt Hofstaat und Nebenfrau, einen großen Auftritt. Echnaton ist als theologischer Revolutionär in die Geschichte eingegangen. Er ist für das erste bekannte monotheistische Experiment der Geschichte verantwortlich, das 17 Jahre lang im ägyptischen Amarna währte. Lediglich die Kraft des Lichts wurde angebetet, ein kaum zu überbietender Purismus. Im Neuen Museum ist Echnaton passenderweise einer der hellsten Räume gewidmet.

Man kann in den drei Etagen des Museums und der sogenannten „Archäologischen Promenade“ im Kellergeschoss an verschiedenen Stellen in die Zeitreise einsteigen. Im früheren „Vaterländischen Saal“, der im Erdgeschoss gelegenen Urzelle des Museums, sind die pompösen germanischen Götterfresken noch erhalten. Hier stehen nun wieder die allerersten Stücke des Hauses, schön geformte Urnen, und der Besucher erfährt, wie vor eineinhalb Jahrhunderten aus romantischer und vaterländischer Begeisterung heraus der Grundstein des Museums gelegt wurde. Das Entree zu den Ägyptern bildet der grandiose „Mythologische Saal“, dessen lapislazuliblaue Decke mit Hieroglyphenbemalung sich erhalten hat, weil vor Jahrzehnten eine Zwischendecke eingezogen wurde.

Die teuersten Stücke, die je für das Museum angekauft wurden, finden sich in der obersten Etage. Es sind zwei Schädel, die 1910 auf Vermittlung des deutschen Kaisers für 160 000 Reichstaler erworben wurden: eine der letzten Neandertalerinnen und ein früher Homo sapiens sapiens, der fast zeitgleich gelebt hat.

Auch um den berühmten bronzezeitlichen „Berliner Goldhut“ zu sehen, muss man bis unters Dach hinaufsteigen. „Kinder denken bei dem Hut an Harry Potter. Das ist nicht einmal so falsch“, sagt Matthias Wemhoff, der sympathische Chef der vor- und frühgeschichtlichen Abteilung. Mithilfe des Priesterhuts konnten die bronzezeitlichen Menschen Mondfinsternisse berechnen.

Das wichtigste Möbelstück im Neuen Museum sind dunkelbraun gefasste Vitrinen. Man muss an Museumsausstattungen des 19. Jahrhunderts denken. Jede Vitrine erzählt eine in sich abgeschlossene Geschichte. Nur in einem einzigen Saal gibt es eine chronologische Aufstellung – dort geht es um die Veränderung des Menschenbildes der Ägypter im Verlauf von 3000 Jahren.

Der große Fund des Hobbyarchäologen Heinrich Schliemann, der sogenannte „Schatz des Priamus“, wirkt erstaunlich unspektakulär. Das hängt auch daran, dass alle Gold- und viele Silberobjekte nach dem Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee nach Russland abtransportiert wurden. „Von 3500 Spitzenstücken, die ursprünglich im Neuen Museum waren, befinden sich nach wie vor 3000 im Puschkin-Museum in Moskau unter der Obhut der 88-jährigen Irina Antonowa“, sagt Wemhoff bitter.

Einige Kopien von Goldstücken scheinen eigens in Vitrinen zu stehen, um auf den Verbleib in Moskau hinzuweisen, der, wie es seitens der Stiftung Preußischer Kulturbesitz heißt, „völkerrechtswidrig“ ist. Im Fall der russischen „Beutekunst“ ist die Sensibilität in Berlin groß. Da verwundert es umso mehr, dass das Kapitel der europäischen Kolonialzeit, die die Voraussetzung dafür geschaffen hat, dass beispielsweise eine hochkarätige Ägyptensammlung in Berlin gezeigt werden kann, gänzlich ausgeklammert bleibt.

Angesichts der weltweit zu einer wichtigen Disziplin aufgestiegenen „Postcolonial Studies“ erscheint diese Aussparung als ungeheure Ignoranz. Die neue Direktorin der Ägyptenabteilung, Friederike Seyfried, sagt kleinlaut: „Es war die Entscheidung meines Vorgängers, dass dieses Segment nicht bedacht wurde.“ Trotz der merkwürdigen Geschichtsvergessenheit in diesem Punkt könnte das ansonsten herrliche Neue Museum eine neue Geschichtsbegeisterung entzünden.

Die Pläne

Die James-Simon-Galerie soll bis 2013 als zentrale Eingangshalle gebaut werden. Derzeit wird die Sanierung des Pergamonmuseums vorbereitet, 2013 soll die auf 15 Jahre veranschlagte Bauzeit beginnen. Geplant ist, dass das Museum einen weiteren Flügel und ein neues Eingangsgebäude erhält. Die Generalsanierung des Alten Museums wird 2012 beginnen. Und in den kommenden Jahren sollen das Neue Museum, das Pergamonmuseum und das Bode-Museum unterirdisch durch die sogenannte „Archäologische Promenade“ verbunden werden. Mit dem Abschluss der Sanierung, die deutlich mehr als eine Milliarde Euro kosten wird, ist nicht vor 2026 zu rechnen.

Das Neue Museum in Zahlen

Auf 8000 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden 700 000 Jahre Menschheitsgeschichte dokumentiert.

9000 Objekte sind zu sehen.

Davon werden in 150 Vitrinen 2500 ägyptische Stücke ausgestellt.

5700 vor- und frühgeschichtliche Exponate werden in 160 Vitrinen gezeigt.

Rund 200 Originalschriftstücke finden sich in der „Bibliothek der Antike“.

8200 Fertigteile wurden in dem Haus eingebaut.

15 Meter hoch sind die Pfeiler im „Ägyptischen Hof“.

Aus 40 000 Tontöpfen wurden gewölbte Decken in alter Technik gefertigt.

Rund 30 000 Stücke des Neuen Museums sind im Krieg in 300 Kisten verbrannt – etwa 30 Prozent des Bestands.

Von 3500 Spitzenstücken werden immer noch 3000 in Moskau festgehalten.

2003 haben die Wiederinstandsetzungsarbeiten begonnen.

Am 17. und 18. Oktober lädt das Neue Museum ab 10 Uhr zu Tagen der offenen Tür ein. Der Eintritt ist frei. Zeitfenstertickets ersparen ab 19. Oktober das Schlangestehen. Im Internet sind sie unter: www.smb.museum/neuesmuseum.de erhältlich oder telefonisch unter (0 30) 2 66 42 42 42. Audioführungen sind im Eintrittspreis von 10 Euro, ermäßigt 5 Euro enthalten. Geöffnet ist das Haus täglich von 10 bis 18 Uhr, donnerstags, freitags und sonnabends bis 20 Uhr.

18.10.2009
Kultur Chinas Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse - Tradition, Innovation – und Debatten um die Meinungsfreiheit
Martina Sulner 15.10.2009