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Kultur „Musik 21 Festival“ in Hannover
Nachrichten Kultur „Musik 21 Festival“ in Hannover
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09:36 17.08.2009
Klingender Stangenwald: Nan Zhang ist ihrer Installation "Glissando".
Klingender Stangenwald: Nan Zhang ist ihrer Installation "Glissando". Quelle: Karin Blüher
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Die Kinder entdecken es zuerst, strecken die Zeigefinger in die Höhe und brechen in ein prustendes Lachen aus. Die majestätisch weiße Juno-Statue, die auf ihrem Sockel den Großen Garten in Herrenhausen überblickt, trägt an diesem Nachmittag Kopfhörer: Leise Klaviermusik dringt aus ihren schwarzen Ohrmuscheln nach unten. Aber das ist nicht die einzige Irritation, die dieser Tag zu bieten hat. Den kleinen Rokokogarten etwa kann man nur betreten, wenn man einen Vorhang aus tönenden Aluminiumstäben durchtritt – und so selbst für einen Moment zum Musiker wird. Es sind die Studenten vom Elektronischen Studio der Musikhochschule Hannover, die die Herrenhäuser Gärten mit ihren versteckt angebrachten Klanginstallationen unterwandert haben.

Damit sind sie Teil eines ganzen Tages voll Neuer Musik, den das „Musik 21 Festival“ fast vollständig an die frische Luft gesetzt hat. Von 12 Uhr mittags bis abends um halb zehn geben sich unter dem Motto „Klingende Gärten“ kleine Freiluftkonzerte die Klinke in die Hand – führen vom Leineufer bis zur Eilenriede. Der Hintergedanke dabei ist offenkundig: Wenn es schon so schwer ist, potenzielle Zuhörer zum Propheten zu bringen, also in Konzertprogramme mit zeitgenössischer Musik, muss der Prophet eben zu den Zuhörern kommen.

Wenn aber das Außergewöhnliche ins Beschauliche eindringt, sorgt das nicht bei jedem für Begeisterung. Exstudent Dennis jedenfalls verkriecht sich mit seinem Kumpel in die hinterste Ecke des Uni-Biergartens, als ihm klar wird, dass der Mann mit der singenden Säge jetzt tatsächlich ein Konzert geben wird. Arnold Marinissen heißt der Musiker, der auf dem ausgefallenen Instrument verzerrte, vibrierend unruhige, immer wieder verstörende Klänge hervorruft, während gleichzeitig auf kleiner Leinwand ein Film des Videokünstlers Roberto Musci verwackelte, nahezu abstrakte Baum- und Blätterimpressionen zeigt. Später steigt Marinissen mit einer Komposition von Yannis Kyriakides aufs Schlagzeug um, prescht rhythmisch voran. „Für mich ist das nur störender Lärm“, knurrt Dennis mit unverhohlener Feindseligkeit.

Bestätigt sich also an diesem herrlich unschwülen Hochsommertag das alte Vorurteil, dass die Neue Musik nur von einem Spezialistenpublikum gewürdigt werden kann? Der kleine Kreis der gut zwanzig Personen, die unverzagt mit dem Fahrrad von Station zu Station radeln, scheint das zu bestätigen. Einer der Zuhörer etwa trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Happy New Ears: John Cage.“ Aber die Hannoveranerin Kordula Neue, die sich gleich einen Festival-Pass besorgt hat und kaum eine Veranstaltung auslässt, betont, sie habe eigentlich gar nichts mit Musik zu tun. „Ich habe mich einfach immer geärgert, dass immer nur tote Leute gespielt werden. Außerdem empfinde ich diese neuen Kompositionen als sehr sinnlich – und gerade die Art und Weise, wie sie gespielt werden, macht sie oft besonders interessant.“

Etwa wenn Pianist Sebastian Berweck „Splitting 28.1“ des Hamburger Komponisten Michael Maierhof zum Besten gibt: Mit gelben Gummihandschuhen und einem kleinen Schwamm erzeugt er versponnen sehnsuchtsvolle Töne auf Gitarrensaiten, die im Resonanzraum eines Flügels festgeknotet sind und von Wäscheklammern gespannt werden. Dass der Flügel hierzu im Leibniztempel des Georgengarten steht, erscheint angesichts derartig skurriler Spielmethoden schon fast nebensächlich. Aber das Konzept geht auf: Menschen, die zufällig vorbeispazieren oder ihre Picknickdecken gerade ausgebreitet haben, rücken näher heran, geraten ins Staunen. Jetzt stehen fast hundert Zuhörer beieinander. Ein andächtiges Schweigen legt sich plötzlich um die irritierende Musik, macht ihre fragile Schönheit greifbar.

„Es geht auch darum, die Offenheit dieser Stücke zu demonstrieren – selbst wenn das nicht unter optimalen akustischen Bedingungen passiert“, sagt der künstlerische Leiter Stephan Meier, dessen eigene Komposition, die „Berggartenmusik“ zum Wandelkonzert wird, bei dem die Zuhörer von einem Musiker zum anderen gehen und die jeweiligen Klangfarben und -brechungen auf sich wirken lassen können.

Mit der „Pyropoetischen Parkmusik“ von Matthias Kaul, zu der nicht nur das renommierte Ensemble „L’art pour l’art“ aufspielt, sondern auch das Blasorchester der Feuerwehr Hannover, endet dieser lange Tag dann sehr stimmungsvoll mit lauten Knallern, zischendem Feuerwerk und Neujahrsgeruch hinter dem Congress Centrum. Sind die Vorurteile damit nun lautstark verpufft? Wohl kaum. An diesem Tag aber ist es der Gegenwartsmusik immerhin gelungen, Räume neu erlebbar zu machen. Gerade weil die Störgeräusche, die vorbeifahrenden Autos, die spielenden Kinder, das Rauschen in den Bäumen, das Schnattern der Enten, in die scheinbar so unzugänglichen Klangerfahrungen eingedrungen sind, sie aufgebrochen, sie zu einem Stück unserer Welt gemacht haben. Der Prophet behält also recht: Manchmal muss man eben ein bisschen aufdringlich sein.

von André Mumot