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Kultur Seite an Seite für Frankreich
Nachrichten Kultur Seite an Seite für Frankreich
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05:00 03.04.2019
Alles soll bleiben, wie es ist: Monsieur Claude Verneuil (Christian Clavier) und seine Frau Marie (Chantal Lauby). Quelle: Neue Visionen
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Hannover

Dem französischen Präsidenten müsste dieser Film gefallen: Emmanuel Macron wird hier viel Verständnis für den Fall entgegengebracht, dass er sich entscheiden sollte, sein zum Meckern und Nörgeln neigendes Volk gegen ein dankbareres einzutauschen. Vor allem aber wird in „Monsieur Claude 2“ das süße Frankreich in die multikulturelle Epoche hinübergerettet.

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Das passt doch wunderbar zur Stärkung des Zusammenhalts, wie sie Macron jüngst bei seinem nationalen Debatten-Marathon anstrebte – auch wenn das nur so halb geklappt hat: Tatsächlich konnte er seine in den Keller gesunkenen Beliebtheitswerte wieder leicht steigern, nicht aber den immer gewalttätigeren Dauerprotest der Gelbwesten auf den Straßen von Paris eindämmen.

Von der Integrationskraft Frankreichs erzählte 2014 schon der Sensationserfolg „Monsieur Claude und seine Töchter“. Der freundliche Rassist Monsieur Claude erlebte seinen persönlichen Culture-Clash, als seine vier Töchter einen Juden, einen Moslem, einen Schwarzen und einen Chinesen als Ehemänner anschleppten.

Zündeln mit Vorurteilen

Regisseur und Drehbuchautor Philippe de Chauveron zündelte mit Vorurteilen vielerlei Art – frei nach dem Motto: Das wird man doch wohl mal sagen dürfen, wenn man ein kultivierter Mensch ist. Und dann sagte Monsieur Claude eben mancherlei fremdenfeindliche Dinge am festlich geschmückten Abendtisch und lächelte die familiären Neuzugänge dabei ohne Arg an.

Am Ende aber hatte sich die Benetton-Großfamilie in ihrer gediegenen Bürgerlichkeit wunderbar eingerichtet. Was auch nicht weiter wunderte: Die Schwiegersöhne sprachen von Anfang an bestes Französisch und waren als sozial Arrivierte allein auf ihre Karrieren fokussiert, also nicht so viel anders als ihr Schwiegervater. Echte soziale Auseinandersetzungen etwa zwischen Reich und Arm oder zwischen Bourgeoisie und Banlieue fanden nicht statt.

„Es war nicht alles schlecht am Kolonialismus“

Doch hatte de Chauveron offenbar einen Nerv getroffen: Mehr als zwölf Millionen Zuschauer in Frankreich und knapp vier Millionen in Deutschland lockte die Komödie ins Kino. Bis heute wundern diese Rekordzahlen ein wenig bei diesem doch eher oberflächlichen Film. Klar war aber, dass die Fortsetzung nur eine Frage der Zeit sein würde.

Nun bringt de Chauveron – wiederum als Regisseur und Skriptschreiber – seinen Monsieur Claude (Christian Clavier) und dessen gesamte Truppe zurück ins Kino, dreht den Spieß aber um: Es sind die reichlich naiven Schwiegersöhne, die im angeblich so wenig verheißungsvollen Frankreich keine Perspektive für sich sehen. Mitsamt ihren Ehefrauen wollen sie in die Länder ihrer Vorfahren zurückkehren, die sie nicht kennen.

Mühsam wird dieser Handlungskern freigeschält. Bis dahin darf Monsieur Claude seine zweifelhaften Ressentiments kundtun („Es war nicht alles schlecht am Kolonialismus“) und sich den schon aus dem ersten Film sattsam bekannten Zickenkrieg mit seinem Schwiegervater-Gegenüber von der Elfenbeinküste liefern – der seinerseits nun auf ganz eigene familiäre Herausforderungen bei der Überwindung seiner Homophobie gestoßen wird. Intoleranz, so lernen wir, ist in allen Ecken dieser Welt zu Hause.

Auf die Enkelkinder kommt es an

Dann aber startet Monsieur Claude mit seiner Frau Marie (Chantal Lauby) einen wahren Werbefeldzug, um die abtrünnigen Schwiegersöhne davon zu überzeugen, dass ihre Zukunft in Frankreich liegt. Denn für die beiden ist klar: Auf ihre Enkelkinder wollen sie keinesfalls verzichten.

Claude und Marie spielen dabei mit gezinkten Karten und zahlen klammheimlich auch schon mal dafür, dass der schwarze Charles die ersehnte Othello-Rolle am Theater bekommt oder der Jude David seine hoffnungslosen geschäftlichen Ideen umsetzen kann. Die nicht sonderlich gut getarnten Beeinflussungsversuche werden schnell durchschaut, lassen aber dennoch wie gewünscht die Zweifel unter den Schwiegersöhnen wachsen, ob der Weg ins Ausland wirklich der richtige ist.

Kuhfladen, die nach Heimat duften

Letztlich wird die Ursprungsidee des ersten Films nur variiert: Monsieur Claude tritt auf seinem Provence-Schlösschen wieder an als Verteidiger eines Frankreich, das sich an überkommene Traditionen klammert – und in dem sogar die Kuhfladen nach Heimat duften. Der einzige echte Fremdling ist ein afghanischer Flüchtling. Der Mann bekommt seinen Platz im Gartenhäuschen zugewiesen und darf die ausgedehnten Rasenflächen der Familie Verneuil mähen. So viel gesellschaftliche Differenzierung muss sein.

So erzählt diese Fortsetzung ebenso wenig wie der erste Film von den wirklichen Zerreißproben im modernen Frankreich. Dass der Antisemitismus in Paris wieder verstärkt grassiert und das Lager der enttäuschten Demonstranten wächst, wird hier nur am Rande zur Kenntnis genommen. Stattdessen begnügt sich de Chauveron mit giftig schimmernden Pointen. „Monsieur Claude 2“ ist eine Wohlfühl-Komödie, die unbekümmert einen aufdringlich harmlosen Konservatismus feiert.

Von Stefan Stosch

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