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16:11 04.07.2013
Die Regisseurin Mira Nair rüttelt mit ihren Filmen gerne auf.
Die Regisseurin Mira Nair rüttelt mit ihren Filmen gerne auf. Quelle: dpa
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München

Mira Nair rüttelt mit ihren Filmen gerne auf. Ihr erster Erfolg "Salaam Bombay" zeigte 1988 das harte Leben von Straßenkindern. In ihrem neuesten Werk "The Reluctant Fundamentalist" mit Kate Hudson und Kiefer Sutherland beschäftigt sie sich mit dem Kampf der USA gegen Terror nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Nair lebt abwechselnd in Ugandas Hauptstadt Kampala, in Neu Delhi und New York. Auch wenn sie die US-Metropole liebt - für viele ihrer pakistanischen Freunde sind Schikanen der amerikanischen Sicherheitsbehörden Alltag. "Ich kenne viele Leute, die nicht mehr in die USA zurückkehren wollen", sagte Nair im Interview auf dem Filmfest München, wo sie am Donnerstag den Friedenspreis des Deutschen Films bekommen sollte.

In "The Reluctant Fundamentalist" geht es um einen erfolgreichen Wallstreet-Analysten aus Pakistan, der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 jede Menge Schikanen erlebt. Dabei gerät er immer mehr ins Fadenkreuz der US-Geheimdienste, die ihn islamistischer Umtriebe verdächtigen. Was hat Sie dazu gebracht, darüber einen Film zu drehen?

Anlass für diesen Film war mein erster Besuch in Pakistan im Jahr 2004. Zwischen Indien und Pakistan existiert immer noch eine Mauer in den Köpfen, die oft nicht durchbrochen werden kann. Aber vor 1947 waren wir ein Land, mein Vater ist in Lahore aufgewachsen, das heute in Pakistan liegt. Als ich in Indien aufwuchs, habe ich die Sprache Urdu gelernt. Die Gedichte, die Poesie, die Musik, die Kultur gehörten einfach zu unserem Leben dazu. Als ich mit Mitte 40 zum ersten Mal in Pakistan war, war es eine Offenbarung, dass mir dieses Land so unglaublich vertraut war. Dieses Vornehme der Kultur, der Kunst, der Gastfreundlichkeit. Diese große Wärme der Menschen.

Hatten Sie sich das Land so vorgestellt?

Es war völlig anders als das Pakistan, von dem wir immer in den Zeitungen lesen. Sogar im dortigen Teil der Welt. Und erst recht in Westen, wo das Land nur als Brutstätte von Attentätern, Terror und Entführungen gilt. Ich wollte deshalb unbedingt eine Geschichte aus dem heutigen Pakistan erzählen. 18 Monate später las ich das Manuskript des Romans "The Reluctant Fundamentalist" von Mohsin Hamid. Ich merkte sofort, dass dieses Buch das Sprungbrett war, mit dem ich meine moderne Geschichte von Pakistan erzählen konnte.

Was war der Ansatzpunkt für Ihr Drehbuch?

Es ging auch um den Dialog mit Amerika. Wie Mohsen habe ich die eine Hälfte meines Lebens in New York City verbracht und die andere Hälfte auf dem Indischen Subkontinent. Der 11. September hat deutlich gemacht, dass zwischen diesen beiden Teilen der Erde überhaupt kein Verständnis herrscht. Vor dem 11. September machte man sich im Westen um die Gegend rund um Pakistan keine Gedanken. Aber danach gab der damalige US-Präsident George W. Bush die Parole aus, entweder seid ihr mit uns oder gegen uns. Das hat eine Wand errichtet aus Unverständnis, Kurzsichtigkeit und Vorurteilen. In meinem Film wollte ich zeigen, wie diese Ignoranz entstanden ist.

Ihre Filmfigur Changrez muss am Flughafen in den USA demütigende Kontrollen bis in intimste Bereiche über sich ergehen lassen - alles Folge des Kampfes gegen den Terror. Als Pakistaner und dann auch noch mit Bart gilt er als verdächtig. Haben Sie als Inderin ähnliche Erfahrungen gemacht?

Ich persönlich nicht. Aber ich habe es bei unserem Sohn erlebt. Als er 16 war, wurde er befragt, während wir dabei waren. Als er 18 wurde, haben sie ihn mitgenommen. Wir konnten durch ein Fenster sehen, wie er im Gewahrsam saß. Jetzt ist er 21 und manchmal trägt er gerne einen Bart. Das ist eigentlich eine ganz unschuldige Sache. Und einmal fuhr er vor vielen Jahren mit seinem Großvater nach Syrien auf eine Pilgerreise. Deshalb hat er jetzt Stempel von Syrien und auch von Pakistan in seinem Reisepass. Das können alles Hinweise sein für jemanden, der nach etwas sucht.

Wie fühlen Sie sich in solchen Momenten?

Es gibt Dir das Gefühl, ein Außerirdischer zu sein. Du bist E.T.. Dabei bin ich eine gebildete, selbstbewusste Frau, die reden kann. Aber die Menschen glauben das nicht. Sie geraten in Panik. In den meisten Teilen von Amerika haben die Leute wirklich keine Ahnung von dem, was sich außerhalb ihrer Gegend abspielt. Da herrscht Hysterie, wenn es um Leute wie mich geht. So etwas ist inzwischen völlig normal.

Was berichten ihre Freunde und Bekannten in New York?

Für meine pakistanischen Freunde ist das Routine. Wir waren kürzlich auf einer Geburtstagsparty in New York. Einer der Gäste kam vier Stunden zu spät vom Flughafen. Ein sehr bekannter, brillanter Architekt. Er saß vier Stunden am Flughafen, das ist ganz normal. Die Leute klopfen sich bei Partys auf den Rücken und sagen: "Du glaubst, Deine Geschichte ist schlimm, ich erzähle Dir, was ich erlebt habe." Die Situation der Pakistaner in dieser Hinsicht ist schlimmer, als bei allen anderen.

Wie wirkt sich das auf die Menschen aus, auf ihre Einstellung westlichen Ländern und vor allem den USA gegenüber?

Ich weiß nicht, ob es die fundamentalistische Einstellung befördert. Ich habe mit diesen Kreisen nichts zu tun. Aber ich kenne viele Leute, die nicht mehr in die USA zurückkehren wollen. In Indien gibt es heute jede Menge Geld. Früher war Amerika so ein Sehnsuchtsziel. Aber ich habe viele Freunde und Verwandte, die sagen, es gibt so viele andere Orte auf der Welt. Nichts in den USA ist so bedeutend, als dass es sich lohnen würde, sich dafür auch nur eine Stunde lang demütigen zu lassen.

Indien gilt ja schon länger als Land der Zukunft. Und anders als früher bleiben viele hervorragend ausgebildete Leute lieber da.

Ja, sie bleiben da. Die Postproduktion meines Films war in Indien. Durchschnittlich einer von vier Technikern in der Bombay-Filmindustrie ist Ausländer. Das sind Leute, die woanders keine Arbeit finden und denen es in Indien sehr gut geht, weil es dort so viel zu tun gibt. Das ist momentan eine sehr interessante Zeit, das Verhältnis der Kräfte hat sich verlagert. Amerika ist nicht länger das Zentrum des Universums, in jeder Hinsicht.

dpa

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