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Kultur Die Entdeckung eines Schriftstellers
Nachrichten Kultur Die Entdeckung eines Schriftstellers
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20:40 09.11.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Vor dem Altar: Martin Walser liest in der Kirche.
Vor dem Altar: Martin Walser liest in der Kirche. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Der Schriftsteller ist hingerissen. Dieses Buch sei „zu Herzen gehend wie kaum sonst eine Lektüre“; überhaupt kenne er keinen Autor, „der sich so wunderlich leicht liest“. Der Schriftsteller spricht begeistert von „einem Textwunder“, von „leichter Komik, die nie flach wird“ und von „Passagen, in denen der Schmerz die Form auflöst.“. Martin Walser sagt, dass er durch die Bücher von Sholem Yankew Abramovitsh gelernt habe, Literatur anders als bisher zu lesen, er sagt über den Dichter: „Er hat die Leute glücklich gemacht. Und das erlebe ich auch, wenn ich ihn lese.“

Wen hat Martin Walser da entdeckt? Wer ist dieser Sholem Yankew Abramovitsh, den Walser bei seiner Lesung in der Neustädter Hof- und Stadtkirche so überschwänglich und aufrichtig lobt? Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein stellt den Dichter vor. Im September ist ihr Buch „Mendele der Buchhändler: Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh“ erschienen. In der Kirche präsentierte sie jetzt einen „Querschnitt daraus. Sie berichtet vom Leben Abramovitshs, der 1835 in der Nähe von Minsk geboren wurde. Als er 13 Jahre alt war, starb sein Vater, er kam in einer Talmudschule, fiel einem professionellen Bettler in die Hände und wurde Schriftsteller. 1864 begann Abramovitsh Romane auf Jiddisch zu schreiben, er gilt als Begründer der jiddischen Literatur. Wer sich mit dieser Literatur beschäftigt, kommt an ihm nicht vorbei. In Deutschland ist er allerdings so gut wie unbekannt.

Angeregt von Klingensteins Forschung und ihrer Studie „Mendele der Buchhändler“ (Harrassowitz Verlag, 495 Seiten, 29,80 Euro) hat Martin Walser den Essay „Shmekendike Blumen - Ein Denkmal für Sholem Yankev Abramovitsh“ (Rowohlt, 144 Seiten, 14,95 Euro) verfasst. Es ist eine tiefe Verneigung des Schriftstellers vor einem großen Kollegen. Und es ist auch eine Art Kommentar in eigener Sache. Bei seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998 hatte Walser davor gewarnt, dass Auschwitz als „Moralkeule“ eingesetzt werde. Das und der später erschienene Roman „Tod eines Kritikers“, in dem er Marcel Reich-Ranicki kritisierte, brachte ihm den Vorwurf des Antisemitismus ein.

Jetzt zeigt sich Walser beseelt von den Texten Abramovitshs, die auch seine Lektüre anderer Texte und seinen Blick auf andere Autoren geändert hätten. Walser berichtet, wie er in seiner Dissertation über Kafka dessen Texte ohne Rückgriff auf die Biografie des Autoren verstehen wollte. Nicht zuletzt die Beschäftigung mit Abramovitsh habe ihm gezeigt, dass das falsch war.„Heute ahne ich, dass ich Kafka versäumt habe“, sagt Walser. Und er sagt auch etwas zur Schuld der Deutschen: „Wir können nichts mehr gut machen. Wir können nur versuchen, weniger falsch zu machen.“

Die Doppellesung von Martin Walser und Susanne Klingenstein in der Neustädter Hof- und Stadtkirche war auch die Eröffnung der Veranstaltungsreihe „Religion und Literatur“. Pastorin Martina Trauschke sagte vor der Lesung, dass „lebendige Sprache für religiöse Empfindungen“, die sie in der Kirche vermissen würde, oft in der Literatur zu finden sei. Martin Walser und Sholem Yankev Abramovitsh sind gute Beispiele dafür.

Im kommenden Frühjahr wird die Reihe mit Lesungen von Sybille Lewitscharoff fortgesetzt.

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