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Kultur Leibniz-Bibliothek bringt ihren Namenspatron ins Internet
Nachrichten Kultur Leibniz-Bibliothek bringt ihren Namenspatron ins Internet
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08:01 25.08.2010
Von Simon Benne
Die Rechenmaschine aus der Rechenmaschine: Das Internetportal „LeibnizCentral“ stellt ein 3-D-Modell des von Leibniz ersonnenen Rechenapparates vor.
Die Rechenmaschine aus der Rechenmaschine: Das Internetportal „LeibnizCentral“ stellt ein 3-D-Modell des von Leibniz ersonnenen Rechenapparates vor. Quelle: Screenshot
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Die Neugier muss er als Tugend begriffen haben, und ein wenig ging er wohl auch davon aus, dass das Stellen vieler Fragen der Weisheit eines Gesprächspartners schmeicheln würde. Und so schickte der Gelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz im Juli 1689 nicht weniger als 30 „bescheidene Fragen“ an den Jesuiten und Chinakenner Claudio Filippo Grimaldi, nur „um mir nicht selbst einmal vorwerfen zu müssen, eine gute Gelegenheit versäumt zu haben“, wie er schrieb. Medizin, Astronomie, Botanik – alles wollte er über China wissen: „Wie wird ,Watte‘ hergestellt?“ „Wie destillieren die Chinesen aus Reis einen dem unseren gleichwertigen Alkohol?“ „Können sie grünes Feuer erzeugen, was unseren Feuerwerkern bislang versagt blieb?“

Der Brief, selbst Dokument globaler Vernetzung, wird jetzt der global vernetzten Wissensgemeinschaft zugänglich gemacht. Die Leibniz-Bibliothek schaltet heute das Internetportal „LeibnizCentral“ frei. Dort sind für den Anfang 270 Leibniz-Briefe nachzulesen – als Online-Faksimile ebenso wie in einer für Laien leichter zu entziffernden Transkription.

Die Leibniz-Briefe, die in der Leibniz-Bibliothek in Hannover verwahrt werden, erhielten 2007 den prestigeträchtigen Titel Unesco-Weltdokumentenerbe. Damit verpflichtete sich das Haus, die Schriftstücke nicht nur zu erforschen, sondern auch allgemein zugänglich zu machen. „Irgendwann sollen alle 15 000 Briefe im Netz stehen“, sagt Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt. Wann genau es so weit sei, lasse sich noch nicht sagen – aber sicher sei der letzte Brief online, ehe die gedruckte, 100-bändige Edition aller Leibniz-Werke komplett erschienen sei. Das ist für 2055 angepeilt. Wer Leibniz ganz erfassen will, muss eben sehr viel Zeit haben.

Freigeschaltet wird das Internetportal www.leibnizcentral.de heute von Kulturministerin Johanna Wanka, die bei dieser Gelegenheit ihren Antrittsbesuch in der Bibliothek macht. Ihr Ministerium unterstützt das Projekt mit mehr als 460 000 Euro. VGH und VGH-Stiftung haben jeweils 165 000 Euro beigesteuert. Die Internetseite bündelt in einer Leibniz-Bibliografie auch Fachliteratur, die sich mit dem Gelehrten beschäftigt. Außerdem ist dort eine virtuelle Ausstellung zu Leben und Werk Leibniz’ zu sehen – mit Schriftstücken, alten Abbildungen oder Fotos von Leibniz-Reliquien wie dem Reisesessel des Genies. Die Originale werden von 2013 an im Katalogsaal des Hauses ausgestellt, der bis dahin zur „Königlichen Bibliothek“ umgebaut wird.

Das Internetportal präsentiert auch eine aufwendige 3-D-Animation der von Leibniz erfundenen Rechenmaschine. Die Abbildung lässt sich im Raum drehen und ermöglicht so Einblicke in die komplizierte Mechanik. Man kann nachprüfen, dass die Maschine tatsächlich funktioniert. Sie verfügt, wie ein Taschenrechner, über alle vier Grundrechenarten.

Außerdem lädt die Website zu einem virtuellen Rundgang an die Leibniz-Orte Hannovers wie die Neustädter Kirche oder das Leineschloss ein, den die Historikerin Annette von Boetticher ausgearbeitet hat. „Das Portal ist Ausdruck dessen, was in unserer Bibliothek auch real geschieht“, sagt Ruppelt. „Wir bauen ein Haus für Leibniz, erschließen sein Werk – und machen sein Leben für Besucher präsent.“ Der große Wissensvernetzer Leibniz wäre mit dem Internetauftritt wohl zufrieden gewesen.

Am Montag, 30. August, lädt die Leibniz-Bibliothek um 15 Uhr im Rahmen des Leibniz Sommers 2010 zu einem Vortrag über Leibniz und China ein.

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