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Kultur Zombies im Hotel
Nachrichten Kultur Zombies im Hotel
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00:25 24.05.2014
Von Stefan Stosch
Das Gleichgewicht zwischen den beiden Beratern scheint gefährdet, als die neue Kollegin Bianca März (Katharina Schüttler) eintrifft.
Das Gleichgewicht zwischen den beiden Beratern scheint gefährdet, als die neue Kollegin Bianca März (Katharina Schüttler) eintrifft. Quelle: Farbfilm
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Hannover

Schauplatz: Hotelzimmer in Lagos. In Mumbai. In Kabul. Protagonisten: zwei Unternehmensberater, die ihr Leben zwischen Minibar und Konferenzraum eingerichtet haben. Ausrüstung: Handys, Laptops, Fax. Und schon entsteht vor unseren Augen ein Abbild des globalen Kapitalismus, der gut gelaunt über Leichen geht.

Draußen erblicken wir durch getönte Scheiben Hochhaussilhouetten. Dann und wann dringen Stadtgeräusche gedämpft ins klimatisierte Innere. Später werden auch noch Sirenen heulen, Schüsse hallen, Bomben detonieren. Aber davon lassen sich die beiden sogenannten Business Consultants Frank Öllers (Devid Striesow) und Kai Niederländer (Sebastian Blomberg) erst einmal nicht irritieren beim globalen Ausverkauf. Sie haben die letzten Sprossen auf der Karriereleiter fest im Blick. Partner im Unternehmen zu werden: Das ist ihr Ziel.

Viel später werden die Alphatiere in Johannes Nabers herrlich zynischer Komödie „Zeit der Kannibalen“ doch wimmernd in einer Zimmerecke Zuflucht suchen. Aber auch dort sind sie noch zum Schreien komisch: Bei diesem Film handelt es sich um eine Komödie, wie man sie dem deutschen Kino häufiger wünschen würde. Der Spaßfaktor ist enorm, nur schmeckt der Spaß bitter.

Öllers und Niederländer jetten um den Globus, um immer spottbilligere Produktionsländer aufzuspüren und die Geschäftspartner in den nicht mehr ganz so spottbilligen auszubooten. Die beiden Herren mit dem Haifischlächeln im Gesicht sind perfekt aufeinander eingespielt. Sie sind ziemlich beste Kumpel. Aber Konkurrenten sind sie auch.

Darüber hinaus haben sie sich gewöhnungsbedürftige Hobbys zugelegt: Öllers kauft sich Sex bei Zimmermädchen, für ihn eine Form erweiterter Entwicklungshilfe – und zwischendurch säuselt er seiner Ehefrau zu Hause ins Ohr, wie sehr er den kleinen Sohn vermisst. Niederländer hat sich aufs Schikanieren des Personals verlegt. Er lässt die Angestellten Treibjagden auf Mücken veranstalten oder droht dem Hotelboy schlimmste Strafen an, falls einer der verhassten Betthupferl auf seinem Kopfkissen liegen sollte. Gelegentlich übt er sich auch im Kofferpacken im Dunkeln auf Zeit: 34 Sekunden ist sein Rekord, aufgestellt in Kasachstan.

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Das Gleichgewicht zwischen den beiden Beratern scheint gefährdet, als die neue Kollegin Bianca März (Katharina Schüttler) eintrifft. Handelt es sich bei ihr etwa um eine Idealistin? Eine Feministin gar? Sie redet von „Social Skills“ und all diesen Schlagwörtern, die Manager wohl auf ihren Seminaren eingeimpft bekommen.

März hat die geradezu absurde Idee, die geschützte Hotelzone zu verlassen und sich die Städte da draußen mal näher zu begucken. Da hat sie bei den beiden anderen aber keine Chance: Öllers und Niederländer würden den Spabereich des Hotels nie freiwillig räumen. Sie wissen genau, es ist schön, die Welt zu retten. Aber vorher muss die bestehende erst einmal plattgemacht werden, um dann neu anzufangen. Und bis dahin wollen sie mit denen, über deren Leben sie entscheiden, möglichst nichts zu tun haben.

Letztlich kocht aber auch März ihr eigenes Süppchen. Sie hat einen speziellen Auftrag aus der Firmenzentrale mitgebracht. Aber dann kommt alles ganz anders als gedacht: Der Kapitalismus frisst seine willfährigen Kinder, wie Regisseur Naber und Drehbuchautor Stefan Weigl zeigen. Weigl hat seine offenbar reichhaltigen Kenntnisse über Firmenberater in der Werbebranche erworben.

Der Regisseur hat ein spielfreudiges Personal rekrutiert. Striesow glänzte schon in Christian Petzolds „Yella“ als Finanzheuschrecke. Nun hat er seine lächelnde Verachtung gegenüber Verlierern perfektioniert. Blomberg legt eine bauernschlaue Hinterfotzigkeit an den Tag. Und Schüttler genießt es, ihre anfangs so helle Figur in immer dunkleren Farben zu malen.

Das Schönste an diesem Kammerspiel über drei Zombies im Hotel aber ist: Diese Consultants mögen zwar einer eigenen Kaste angehören, so viel anders als wir alle sind sie aber nicht. Sie hatten auch mal Grundsätze, bauten Krötenzäune und machten bei den Grünen mit. „Zeit der Kannibalen“ erzählt etwas darüber, was der Kapitalismus mit uns macht. Aber das begreift man erst ein wenig später.

Jede Wette, bald werden sich die deutschen Theater darum reißen, diese Geschichte auf die Bühne zu bringen. So konzentriert, konsequent und klar ist selten zu sehen, wie wir unsere Seele an Wachstum und Globalisierung verkaufen. Erst einmal aber darf man sich auf eine herausragende Komödie im Kino freuen.

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