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Kultur Zwischen den Zeilen – die Abgehängten der Revolution
Nachrichten Kultur Zwischen den Zeilen – die Abgehängten der Revolution
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06:00 02.06.2019
Verleger in Not: Alain (Guillaume Canet) und Selena (Juliette Binoche). Quelle: Foto: Alamode
Hannover

So ein Vorwurf kann wohl nur in einer französischen Komödie laut werden: Da sitzt ein Buchautor im Hörfunkstudio und wird vom Moderator live in die Mangel genommen. Wie sei er nur auf die Idee gekommen, in seinem neuen Roman eine Blowjobszene ausgerechnet während einer Kinovorführung von Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ anzusiedeln? Ob er, der Buchautor, denn nicht wisse, dass es in dem Film um den heraufziehenden Nationalsozialismus in Deutschland gehe? Und was wohl Regisseur Haneke von so einer Respektlosigkeit halten soll?

Der schluffige Autor Léonard (Vincent Macaigne) fügt sich brav der Rüge des Radiomoderators und gibt stotternd eine Inhaltsangabe des Haneke-Films zum besten. Es könnte allerdings gut sein, dass ihm die Attacke gar nicht so unlieb ist.

Die eigentliche Pointe behält Léonard für sich: Wie immer hat er in seinem Roman eine Episode aus seinem eigenen Liebesleben verbraten. Bloß spielte diese sich nicht im dunklen Kinosaal während eines Haneke-Films ab, sondern während des „Star Wars“-Abenteuers „Das Erwachen der Macht“.

Beteiligt daran war Selena (Juliette Binoche), die Frau seines Verlegers Alain (Guillaume Canet). Der Verweis aufs „Weiße Band“ sollte lediglich die Spuren verwischen. Vermutlich wäre der sexuelle Vorfall in einem Popcornfilm aus Hollywood nur halb so heftig geahndet worden.

In Frankreich wird die Hochkultur noch ernst genommen

In Frankreich wird die Hochkultur eben noch ernst genommen – und kann gerade deshalb das Thema für eine Komödie mit Substanz bilden. Der französische Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas begibt sich in „Zwischen den Zeilen“ mitten hinein in den Kulturbetrieb und beschäftigt sich damit, wie die Digitalisierung unser aller Leben erfasst hat und wie schnell sich etwas ältere Zeitgenossen abgehängt von dieser Revolution fühlen können.

Filterblasen, Politikverdrossenheit, Shitstorms: All das spielt in seinen Film hinein. Manches wirkt allerdings schon wieder ein wenig überholt. Wer wundert sich heute noch darüber, dass jemand einen Roman auf dem Smartphone liest?

Anderes erscheint dagegen brandaktuell: Assayas’ Figuren sind eher Getriebene denn Handelnde. Wie die Transformation in der Literaturbranche erfolgreich vonstatten gehen soll, weiß niemand. Aber mancher tut hier so, als hätte er einen Plan.

Ein Verleger fürchtet die Übermacht des Internets

Der Verleger Alain ist von stiller Panik erfasst, ob er sich gerade als Totengräber des Buches betätigt und sich irgendwann der Übermacht des Internet geschlagen geben muss – er stellt sich der Herausforderung auf seine Art und beginnt eine Affäre mit seiner jungen Beauftragten für soziale Medien, die sein Unternehmen für die ungewisse Zukunft fit machen soll.

Daran hat sich offenbar nichts geändert in französischen Komödien, egal ob sie nun im digitalen Zeitalter spielen oder nicht. Letztlich machen die Beteiligten doch das, was sie immer schon gemacht haben: Sie verstricken sich in amouröse Affären. Beinahe jeder hat hier etwas mit jemand anderem laufen.

Obwohl – vielleicht liegen die Dinge doch ein wenig komplizierter: Spiegelt sich in der sexuellen Beliebigkeit womöglich die der postmodernen digitalen Welt? Hier wird eine Affäre ruckzuck begonnen und genauso schnell und ohne große Tragik wieder beendet. Die Dating-Portale lassen grüßen.

„Zwischen den Zeilen“ punktet durch pfeilschnelle Dialoge

Und giert nicht auch der dem Internet angeblich so gleichgültig gegenüberstehende Autor Léonard nach „Likes“ und „Klicks“ - wenn auch vielleicht der analogen Art?

Eingebettet ist diese Zeitdiagnose in pfeilschnelle Dialoge, in denen Beteiligte auch mal die Gegenmeinung von gestern einnehmen können. Es gibt nicht mehr so viel, an dem man sich festhalten kann. „Die Veränderungen der Welt haben uns fest im Griff. Nicht nur unsere Gesellschaft verändert sich, sondern auch unser tiefstes Wesen“, sagt Regisseur Assayas. Jeder müsse sich dazu verhalten.

Der auf internationalem Parkett gern gesehene Filmemacher – „Doubles Vies“, so der Originaltitel, lief in Venedig – hat sich schon immer für Umbrüche und Krisensituationen interessiert – siehe „Die Wolken von Sils Maria“ (2014) wiederum mit Binoche als alternder Schauspielerin und Kristen Stewart als ihrer Assistentin oder auch die Gespenstergeschichte „Personal Shopper“ (2016), in der vermeintliche Geister eine Viertelstunde lang mit dem Handy chatteten (und zwar wiederum mit Stewart).

Assayashat „Zwischen den Zeilen“ im Format Super 16 gedreht

Gedreht hat Assayas – und das ist im Zusammenhang mit diesem Filmthema auch ein Statement – auf analogem Filmmaterial, im Format Super 16.

Bei dieser gescheiten Komödie mag man dem Regisseur auch billige Gags verzeihen: Als gerade mal eine einträgliche Zukunft in Hörbuchern gesehen wird und nach einer prominenten Erzählstimme für Léonards Roman gesucht wird, fällt die Wahl auf wen? Genau: Juliette Binoche.

Die räkelt sich in der Rolle von Selena im Liegestuhl und verspricht, einen Kontakt zu Binoches Agentur herzustellen.

„Zwischen den Zeilen“, Regie: Olivier Assayas, mit Juliette Binoche, Vincent Macaigne, Guillaume Canet, 107 Minuten, FSK 6

Von Stefan Stosch/RND

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