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Kultur Odyssee im Kunstraum
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00:15 04.09.2016
Von Daniel Alexander Schacht
Malerin Monika Baer geht auf "Große Spritztour".
Malerin Monika Baer geht auf "Große Spritztour". Quelle: Holger Hollemann
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Hannover

Der Schlagschatten lässt die Fläche ahnen, auf der die Flasche zu stehen scheint. Sie ist schon längst angebrochen; ihr Schraubverschluss sieht leicht zerknickt aus. Und die Lichtreflexe auf ihrem Flaschenhals könnten von den Scheinwerfern der Kestnergesellschaft stammen – wie zum Greifen echt scheint diese Aperolflasche. Doch diese Erscheinung ist pure Augentäuschung, die Flasche ist, genauso wie eine Ginflasche daneben, nur auf die Leinwand gemalt. Die hat die Künstlerin Monika Baer ansonsten mit teils gepinseltem oder gezeichnetem, gewischtem oder gespachteltem Farbeinsatz vorwiegend nicht figurativ gefüllt.  

Was kann die Kunst? Welches sind ihre Materialien und Techniken, was ist ihre gegenwärtige Funktion? Monika Baer legt sich und den Betrachtern ihrer Arbeiten solche Fragen nachdrücklich wie nur wenige Künstlerinnen vor – und demonstriert dabei stets ein handwerklich wie strategisch großes künstlerisches Spektrum.

Davon können sich jetzt die Besucher der Kestnergesellschaft überzeugen. Parallel zu den heute beginnenden Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen von Hannovers Avantgarde-Kunstverein widmet sie Monika Baer eine große Überblicksschau ihrer jüngeren Werke. Gleichzeitig startet überdies eine Erweiterung der bereits seit Mai laufenden Ausstellung „100 Jahre Kestnergesellschaft“ in der Galerie des Goseriede-Gebäudes. Dort ist vor allem ein Videowerk der Künstler Henning Fehr und Philipp Rühr hinzugekommen, in den übrigen Ausstellungsräumen sind die insgesamt 65 Baer-Arbeiten zu sehen.

„Große Spritztour“ heißt die Kunstschau. In diesem Titel kann man eine Anspielung auf Baers Maltechniken und auf ihren großen kunsthistorischen Anspruch erblicken. Allenfalls nebenbei spielt der Titel auf die greifbarsten Objekte ihrer Werkreihe der Alkoholbilder an, zu der auch „L“ gehört, wie das Bild mit der Aperolflasche heißt.

Auf diesen mit sechs Quadratmetern Fläche zumeist großformatigen Arbeiten sind die Campari- oder Ramazotti-, Whisky- oder Obstlerflaschen so altmeisterlich minutiös gemalt, dass man winzige Details erkennen kann, etwa das Bekenntnis „Überlieferung verpflichtet“ auf einem Obstleretikett. Darin liegt in den Augen von Christina Végh ein Verweis auf die Kunst. „Dahinter steht ja die Frage, wozu Malerei heute verpflichtet“, sagt die Direktorin der Kestnergesellschaft und fügt ein besonderes Lob für Monika Baer hinzu: „Nirgends sonst wird die Frage nach künstlerischen Möglichkeiten in derart engem Dialog mit der Malerei erörtert.“

Die Künstlerin selbst spricht bei der Präsentation der Ausstellung ausdrücklich von der „Last der kunsthistorischen Tradition“, die man nicht ignorieren, von der man sich nicht freimachen könne. Aber liegt darin nicht auch ein Verführungspotenzial, wie Christina Végh meint? Kann die Beschäftigung mit kunstgeschichtlichen Traditionslinien Sehnsüchte wecken, zum Rausch, zur Sucht werden? Was dann eine Analogie zu den zahlreichen Alkohol- und Tabakmotiven in Baers Werken wäre? „Mich interessiert Alkohol an sich“, entgegnet Baer, ebenso selbstironisch wie trotzig, solchen Deutungsversuchen.  

Nun, „Alkohol an sich“ ist etwas für Chemiker oder Alkoholiker. Künstlerische Reflexionen über Alkohol haben stets auch metaphorische und narrative Ebenen. Die sind der kunsthistorisch bewanderten Monika Baer, die selbst in Düsseldorf studiert hat, in Berlin lebt und als Kunstdozentin unter anderem in Frankfurt und New York gelehrt hat, selbstverständlich vertraut, und sie finden sich auch in ihren Bildern wieder. Etwa in einer feinen Bleistiftzeichnung von hinter Flaschen dahindämmernden Gestalten, die so auch Käthe Kollwitz zu Papier gebracht haben könnte. Mit den Narrativen der Kunstgeschichte hantiert Baer auch in einer Collage mit einem Foto Helmut Newtons. Im schon von den Dadaisten gern als voyeuristisches Passepartout verwendeten Motiv des Schlüssellochs. In jenen Arbeiten, die Ketten und Mauern, Konkretes und Nichtfiguratives miteinander verschränken. Oder in den kleinformatigeren schwarzen Bildern ihrer Alkohol-Werkreihe, auf denen wiederum, teils nur halb, teils gespiegelt, Spirituosenetiketten aus dem dunklen Malgrund aufscheinen.

Auch auf handwerklicher Ebene bieten Baers Bilder einen kunstgeschichtlichen Wandel durch frühere Malweisen – von primitiven Kopffüßlern bis zu realistischer Abbildlichkeit, von disziplinierten Farbfeldversuchen in dickem Pastos- oder dünnem Acrylauftrag bis zu wilder, gestischer Malerei. In einer Serie unter dem Titel „CMY“ – was für Cyan, Magenta, Yellow steht – legt sie gleichsam Rechenschaft über die begrenzten Mittel jeder Malerei ab und variiert nur die drei Grundfarben, jeweils garniert mit einer gemalten Zigarette – und einem echten Schnapsfläschchen.

Wem all das wie eine Irrfahrt durch die Kunstgeschichte vorkommt, der mag sich noch an jenem Knochen orientieren, der auf dem Bild „L“ hinter blasser Übermalung, doch wiederum naturalistisch genau konturiert, neben der Ginflasche prangt. Der sieht wie eine ziemlich genaue Replik jenes Knochens aus, der in Stanley Kubricks Klassiker „Odyssee im Weltraum“ als erstes Werkzeug dient, hochgeschleudert wird und sich in ein  Raumschiff verwandelt. In der Hand von Monika Baer wäre er vielleicht eher eine Feder, ein Pinsel oder ein Spachtel. Jedenfalls ein Werkzeug, um sich die Welt der Kunst zu erschließen. Für eine Odysse im Kunstraum. Und darüber hinaus.

„Monika Baer: Große Spritztour“ und  „100 Jahre Kestnergesellschaft“. Bis 13. November in der Kestnergesellschaft, Goseriede 11. Eröffnung am 4. September um 12 Uhr mit einem großen Fest. An diesem Tag ist der Eintritt frei.

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