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Kultur Große Gala für einen Historiker
Nachrichten Kultur Große Gala für einen Historiker
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00:35 15.11.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Die Laudatio auf Jörn Leonhard hielt die Journalistin Franziska Augstein.
Die Laudatio auf Jörn Leonhard hielt die Journalistin Franziska Augstein. Quelle: Körner
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Hannover

Er schreibt von „Entgleisung und Eskalation“, von „Krisenspiralen“, „Gewaltexpansion“, von der „Tektonik der Durchhalte-Gesellschaften“ und von der „Ungleichzeitigkeit von Krieg und Frieden“. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard scheut die Sprache der Soziologie nicht, und er scheut auch nicht die Sprache der anschaulichen Reportage. Sein Werk „Die Büchse der Pandora“ (C. H. Beck, 1157 Seiten, 31,99 Euro) ist ein tief recherchiertes, klug komponiertes und glänzend geschriebenes Buch über den Ersten Weltkrieg. Am Mittwochabend wurde Jörn Leonhard dafür im Schloss Herrenhausen mit dem „NDR Kultur Sachbuchpreis“ ausgezeichnet. Der Preis, der jetzt zum sechsten Mal vergeben wurde, ist mit 15.000 Euro datiert; das ist die höchstdotierte Auszeichnung, die ein Sachbuch in Deutschland bekommen kann.

Auf den gewaltigen Umfang des 1157 Seiten umfassenden Buches spielte Joachim Knuth, Programmdirektor NDR Hörfunk, an, als er in seiner Begrüßung sagte: „Exzellente Sachbücher nehmen sich an Zeit und Raum, was sie brauchen.“ Leonhards Weltkriegsbuch ist keine deutsche Nabelschau; der Autor weitet den Blick auf die gesamteuropäische, ja auf die globale Geschichte, und auch die Mentalitätsgeschichte spielt bei ihm eine wichtige Rolle. Und wenn er die Fakten des Krieges nennt, dann macht er das nicht trocken, sondern sehr anschaulich. Über einen deutschen Angriff bei Verdun schreibt er: „Am Morgen des 21. Februar um 8.12 Uhr eröffnete ein deutsches Langrohrgeschütz das Artilleriefeuer. Das erste deutsche Geschoss, eine Granate des Kalibers 38 Zentimeter, landete 22 Kilometer entfernt in der Nähe des Bischofpalasts von Verdun. Mit einem in dieser Intensität unbekannten Artilleriebeschuss sollten die Sperrwerke und Verteidigungsstellungen des Gegners ausgeschaltet werden. Mit 1400 Geschützen aller Kaliber wurden in den ersten 18 Tagen der Schlacht drei Millionen Granaten verschossen. Das entprach etwa 30 Munitionszügen pro Tag.“ Staunenswerte Fakten dieser Art finden sich viele in seinem Buch.

„Die Büchse der Pandora“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein Sachbuch Wissen vermitteln kann. Über „Sachbücher als Wissensvermittler“ sprachen bei der Gala im Schloss die Jurymitglieder Joachim Knuth, Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung und Hendrik Brandt, HAZ-Chefredakteur, mit Niedersachsens Kultur- und Wissenschaftsministern Gabriele Heinen-Kljajic. In dem von NDR-Redakteur Ulrich Kühn moderierten Gespräch beschworen alle den Wert und die Unverzichtbarkeit von Sachbüchern. „In einer Welt zunehmender Komplexität ist das Sachbuch wichtiger denn je“, sagte Ministerin Heinen-Kljajic. Auf die zuvor vom Kabarettisten Kerim Pamuk (der für die satirische Eröffnung zuständig war) geäußerte Vermutung, dass Sachbuchleser weniger Sex hätten, als die Leser von Romanen, ging die Runde nicht weiter ein.
Die Laudatio auf Jörn Leonhard hielt die Journalistin Franziska Augstein. Sie sprach weniger über den Autor, den sie loben sollte, im Besonderen, als vielmehr über die Geschichte und die unübersichtliche Gegenwart im Allgemeinen.

Wie er für sein Buch recherchiert hat und was der Impuls war, sich dem Thema Erster Weltkrieg zu widmen (es war ein Espresso mit dem Verleger), erläuterte Jörn Leonhard später im Gespräch mit HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt.

Parallel zum Sachbuchpreis des NDR wird bei der Gala (die musikalisch vom Harfenisten Xavier de Maistre und dem Akkordeonisten Harald Oeler begleitet wurde) traditionell noch ein weiterer Preis vergeben: der Opus Primum. Mit diesem Preis, der mit 10.000 Euro dotiert ist, zeichnet die Volkswagen Stiftung die beste Nachwuchspublikation des Jahres aus.
In diesem Jahr ging der Opus Primum an Peter Hammerschmidt. Der 28-jährige Wissenschaftler erhält den Preis für „Deckname Adler“ (S. Fischer, 560 Seiten, 24,99 Euro) eine Untersuchung über die Zusammenarbeit westlicher Geheimdienste mit dem NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie. In ihrer Laudatio würdigte die Historikerin Doris Kaufmann besonders die „Beharrlichkeit und Leidenschaft“, mit der Peter Hammerschmidt sein Thema verfolgt habe.

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