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Kultur Jan Christophersen – der Rockstar-Träumer, dessen Songtexte zu Geschichten wuchsen
Nachrichten Kultur Jan Christophersen – der Rockstar-Träumer, dessen Songtexte zu Geschichten wuchsen
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19:16 22.07.2019
Jan Christophersen Jan Christophersen Quelle: Regine Ley
Lübeck/Kappeln

Jan Christophersen sitzt im Garten, hinterm Zaun Felder und Wiesen in norddeutscher Weite, die Schlei ist nicht weit. Sein neuer Roman ist lektoriert, gedruckt, gebunden und wird bald in die Welt gehen. Der dritte innerhalb von zehn Jahren, der 45-jährige Autor ist ein bedächtiger Schreiber, drei Stunden am Vormittag, 200 bis 300 Wörter, das ist seine tägliche Marge. Mehr muss nicht, mehr soll nicht.

Christophersens Debüt hatte die Erzählkraft von Siegfried Lenz

2009 hat Jan Christophersen mit „Schneetage“ ein beeindruckendes Debüt gegeben. Vor dem Hintergrund der Schneekatastrophe 1978/79 schildert der Roman atmosphärisch dicht und norddeutsch verhalten eine Familiengeschichte aus dem deutsch-dänischen Grenzland an der Nordsee – ein Heimatroman, der an den Ton und die Erzählkraft von Siegfried Lenz heranreicht und mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet wurde.

Sein zweiter, 2014 veröffentlichter Roman „Echo“ konnte nicht ganz an den so erfolgreichen Start anknüpfen. „Es gibt Bücher“, sagt Jan Christophersen, „die sind ein bisschen größer“. Morgen (23. Juli) erscheint „Ein anständiger Mensch“ und verspricht eine jener Neuerscheinungen des sich anbahnenden Bücherherbstes zu sein, die größer sind und herausragen.

Der Held – ein erfolgreicher „Anstandsonkel“, mit sich im Reinen

Der Titel lässt Fragezeichen aufsteigen: Was bedeutet heute Anstand? Ist das überhaupt möglich: immer anständig zu handeln? Christophersens Hauptfigur Steen Friis ist der Prototyp eines anständigen Menschen, ein Philosoph, der als Autor mehrerer Bestseller zu Fragen des Anstands zum gefragten Talkshowgast und „Anstandsonkel“ reüssiert ist. Ein erfolgreicher Mann, einer, der mit sich im Reinen scheint. Und dann genügen wenige Stunden, um dieses Selbstbild grundlegend zu erschüttern.

Ein entspanntes Wochende war geplant. Frauke, Steens Frau, und die langjährige Freundin Ute mit ihrem derzeitigen Partner Gero sind auf die dänische Insel gekommen, die Steen als Rückzugsort dient. Hier hat er sich ein kleines reetgedecktes Häuschen am Waldrand als Domizil zum Schreiben ausgebaut. Naturnah, nicht luxuriös, aber mit Sorgfalt ausgestattet. Spaziergänge durch den Wald an die nahe Ostseeküste, Pilzesammeln, guter Rotwein und gute Gespräche – beste Voraussetzungen für ein paar schöne Tage unter Freuden.

Die moralische Integrität des Helden wird infrage gestellt

Die äußere Idylle aber entspricht nicht Steens innerer Verfassung. Der sonst so souveräne Intellektuelle ist aus dem Gleichgewicht. Die Tochter ist erwachsen und der Familie entwachsen. Die Beziehung zu Frauke will neu justiert werden – und ausgerechnet jetzt fordert sie – in Bezug auf Gero – ein Versprechen ein, das sich beide in früheren Tagen einmal gegeben haben: sich gegenseitig jeden Freiraum zu gewähren.

Außerdem muss Steen den Angriff eines eigentlich befreundeten Autors parieren, der seine moralische Integrität und Rolle als öffentliche Instanz in Fragen des Anstands in einem Magazin-Artikel publikumswirksam infrage gestellt hat.

In Steen, der sich frei von existenziellen Zweifeln und Versuchungen wähnte, brodelt es – er ist kaum noch Herr über seine Instinkte und Impulse. Jan Christophersen schildert aus Friis’ Perspektive die Begegnung beider Paare und ihre Unternehmungen auf der Insel und eröffnet dabei – wie auch bereits in „Schneetage“ – über den Subtext einen Raum, in dem die seelischen Verwerfungen seiner Figuren sichtbar werden. Die Ahnung einer sich anbahnenden Katastrophe schwingt darin mit und gibt der sich vorderhand gemächlich entwickelnden Erzählung einen magnetischen Sog.

Der Autor lässt seinen Helden Steen Friis schuldig werden

„Ich wollte meine Hauptfigur in ihrem Bestreben, sich anständig zu verhalten, an eine Grenze bringen, wo Anstand nicht weiterhilft“, sagt Jan Christophersen. „Ich wollte erzählen, was unter der Decke abläuft, der Mensch besteht ja aus durchaus widerstrebenden Impulsen – welchen folgt man? Das hat mich interessiert.“ Christophersen lässt Steen Friis schuldig werden und bringt seinen Helden damit an die Grenzen der eigenen Werte. Steen muss sich hinterfragen und neu ausrichten unter der Schuld, die er trägt. Das ist nicht weniger faszinierend als das aufziehende Desaster.

Mit „Ein anständiger Mensch“ lotet Jan Christophersen Grenzen aus und Grenzüberschreitugen – die persönlichen, aber auch die räumlichen. Steen Friis etwa zelebriert den Grenzübertritt geradezu, wenn er aus Hamburg kommend sein dänisches Exil ansteuert: „Draußen sein – das war für mich jedes Mal wieder ein derartig befreiendes Gefühl, dass ich den Übertritt vom einen ins andere Land, das Passieren der Staatsgrenze also, mit allen Sinnen auszukosten versuchte.“ Christophersen verfolgt mit aufmerksamem Blick, wie kleine Erosionen und große Erschütterungen die Grenzlinien ausdehnen – oder erst sichtbar werden lassen.

Eigentlich wollte Jan Christophersen ein Rockstar werden

Jan Christophersen ist in Flensburg aufgewachsen und mit seiner Familie seit Jahren an der Ostsee zu Hause. Mit seiner Frau Mareike Krügel teilt er die Profession, den Erfolg und die Erziehung der beiden gemeinsamen Kinder. Gerade haben sie ein Haus bei Kappeln gekauft, der Umzug steht an. Beide kennen sich aus ihrer Studienzeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, sind später in Hamburg als Paar zusammengekommen. Es ist ein Schriftstellerleben, und es sei ein großes Glück, sagt Christophersen, dass es so gut gelinge. Eigentlich wollte er Rockstar werden – bis seine Songtexte zunehmend zu Geschichten wurden und die Verslängen sprengten.

Jan Christophersen ist ein norddeutscher Autor, seine Romane sind zwischen Nord- und Ostsee angesiedelt, und ihr Ton erinnert nicht zufällig an Siegfried Lenz. Lenz sei sein Vorbild, von ihm habe er viel gelernt, sagt der 45-Jährige und blinzelt in die Mittagssonne. „Seine Bücher haben mich zum Schreiben gebracht.“ Im Buddenbrookhaus, das ihn später mit dem Debütpreis auszeichnete, hat er 1997 ein sechswöchiges Praktikum absolviert.

Jan Christophersen hat mit seiner Romanfigur einiges gemein

Christophersen ist hier verortet, in der Weite der Landschaft und ihrer Überschaubarkeit zugleich. Hier am Meer, wo hinter dem Horizont etwas anderes wartet, und wenn der Autor etwas mit seiner Figur Steen Friis gemeinsam hat, dann ist es der Wunsch dorthin zu gehen, den gewohnten Horizont auszuweiten, Grenzen zu überschreiten, beim Reisen und im Schreiben.

„Was Steen hat, das hätte ich sehr gerne“, sagt er und meint das Ferienhaus in Dänemark. „Ich bin gerne an anderen Orten. Und ich bin ein Gerne-nach-Hause-Kommer.“

Jan Christophersen: „Ein anständiger Mensch“, Mare-Verlag, 352 Seiten, 24 Euro

Von Regine Ley/RND

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