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20:42 20.12.2011
Von Rainer Wagner
Sir John Eliot Gardiner im Kuppelsaal.
Sir John Eliot Gardiner im Kuppelsaal. Quelle: Steiner
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Wie neugierig die hiesigen Musikfreunde darauf sind, war beim Pro-Musica-Konzert des London Symphony Orchestra (LSO) zu erleben. So gut besetzt ist der Kuppelsaal selten. Beethoven pur stand auf dem Programm – und am Pult John Eliot Gardiner, der sich nicht zuletzt als Vorkämpfer des „historisch informierten Musizierens“ seinen Namen gemacht hat.

Gardiner hat alle Beethoven-Sinfonien vor fast 20 Jahren mit seinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique eingespielt. Jetzt bringt er das eher auf Bravour angelegte LSO dazu, nach Aufruhr und einer hoch erregten, aber nie sentimentalen Romantik zu streben.

Gleich die einleitenden Akkorde von Beethovens 1. Sinfonie werden da ausgeformt und ausgeforscht nach Nuancen, nach Spannung. Das anschließende Allegro ist nicht nur „con brio“, also mit Feuer, sondern harsch bis unwirsch. Das Andante cantabile balanciert zwischen Anmut und strohiger Widerborstigkeit, das Menuetto vernachlässigt den rebellischen Unterton nicht – und das Orchester zeigt, dass es auch halsbrecherische Läufe virtuos meistert. Sir John und seine Londoner Musiker demonstrieren so nachdrücklich, dass Beethovens sinfonischer Erstling in seiner Zeit als genialischer Wurf gewirkt haben muss. Aber seine Erste war eingebunden in die Tradition, was für seine Neunte ganz und gar nicht gilt.

Schon der fahle Beginn musste verstören: Dass die „leeren Quinten“ beim spröd vibratolosen Spiel der Streicher nicht fallen, sondern fast schon bröckeln, signalisiert den festen Zugriff. Im zweiten Satz klingt Unerbittlichkeit mit, wenn Gardiner im Presto das Schwungrad anwirft.
Aufregend bis verstörend gerät das Adagio, das andere Dirigenten schon mal fünf Minuten länger ausspannen. Bei Gardiner und dem LSO tönt das verblüffenderweise nach einem mahlerschen Notturno und nähert sich dem Gespenstischen.

Das Finale ist weniger Ode an die Freude, sondern stellenweise besinnungsloser Jubel. Der Monteverdi Choir besticht ebenso wie das Solistenquartett durch bemerkenswerte Textverständlichkeit. Das einleitende Rezitativ „Nicht diese Töne“ wird von Vuyani Mlinde nicht als Proklamation dargeboten, sondern als klare Ansage der Marschrichtung. Dieser Schlusschor passt zur aktuellen „allzklaa“-Mentalität („Alles klar“) einer beschleunigten Gesellschaft. Aber manchmal wünscht man sich doch ein Atemholen. Wenn da die Welt den Schöpfer überm Sternenzelt suchen soll, bleibt kaum Zeit zum Nachschauen.

Das ist mitreißend und in seinem Verzicht auf Pathos höchst sympathisch. Es gibt dem Altmeister die alte Frische zurück. Entsprechend frischer Jubel.