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Kultur Im grünen Bereich – neue Bücher über die große Freude am kleinen Garten
Nachrichten Kultur Im grünen Bereich – neue Bücher über die große Freude am kleinen Garten
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16:32 25.04.2019
Einfach so entspannen geht für die Deutschen nicht – zwei Bücher nehmen die neue Gartenlust jetzt unter die Lupe. Quelle: Fredrik von Erichsen/dpa
Hannover

Beim Wohlfühlen verstehen die Deutschen keinen Spaß. Das gehen sie mit einer Leistungsbereitschaft an, die besser Kompromisslosigkeit genannt würde. Seit einiger Zeit schon zieht es von der Stadt überlastete Menschen ans andere Ende der Möglichkeiten: aufs Land. Wobei der Gedanke an die schnell erreichbare Autobahn näher liegt als der an Selbstversorgung mit glücklichen Eiern und vergessenen Getreidesorten. Landleben mag schön sein, es ist aber auch weit weg. Kein „Landlust“-Abo kann ein Theater-Anrecht ersetzen.

„Landlust“ ist eine Lifestyle-Zeitschrift für Menschen über 39 mit Eigenheim und Kräuterbeet. Wer sich aber für Natur ohne Manufactum-Accessoires interessiert, bekommt jetzt „Wohllebens Welt“, beworben als „Naturmagazin“, eigentlich aber ein weiteres Personality-Produkt aus dem Hause Gruner + Jahr, in dessen Garten schon „Barbara“ (Schöneberger) und Dr. v. Hirschhausens „Gesund Leben“ Blüten treiben. Hinter dem Titel verbirgt sich der Förster Peter Wohlleben beziehungsweise verbirgt sich eben nicht, sondern führt sehr persönlich durch Heft und Flur.

Seit seinem Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ (2015) ist nichts mehr geheim, was den Wald betrifft. Buchhandlungen stehen vor der Aufgabe, für den Wust an Wald-und-Wiesen-Publikationen einen prominenten Platz zu finden. Am besten dort, wo auch Henry David Thoreaus „Walden“ (1854) zur Zeit mal wieder obenauf liegt. Wozu aber gehört das alles? In den Themenpark Lebenshilfe? Zur Religion? Zu Deutschland?

Gärtnern als Lebensweise und Mutprobe

Manches steht gut im Regal Humor. Das erkennt man schon am Titel. „Der kleine Gartenversager“ heißen die Texte von Stefan Schwarz, die „vom Glück und Scheitern im Grünen“ handeln. Auch er ist damit nicht allein. Die von Blanka Stolz herausgegebene „Die Philosophie des Gärtnerns“ (Suhrkamp) kam zeitgleich in den Handel. Dicht gefolgt von Meike Winnemuths „Bin im Garten. Ein Jahr wachsen und wachsen lassen“. Für die Journalistin ist der Selbstversuch Lebensweise und sind Lebensweisen Mutproben. Sie hat mal ein Jahr lang das gleiche blaue Kleid getragen, hat Bücher über das Leben als Paar geschrieben sowie über eine Weltreise.

Für sie könnte auch der Garten nur ein Projekt sein, doch die Autorin macht sich nichts vor: „Einiges wie das Gärtnern, der Whisky und das Tragen von Hausschuhen erschließt sich ja erst im Alter, da muss man reinwachsen.“ Und da will man vielleicht nicht mehr raus. Ist der Garten doch Heimathafen, wie man eine Endstation auch nennen kann, hat der reifende Mensch damit begonnen, Erde auf Erde zu schichten und Laub zu Laub.

Ein Kleingärtner bringt Lebenserfahrung mit sich

Meike Winnemuths neues Glück befindet sich hinter einem Wohnhäuschen, und das steht nur ein paar Minuten vom Meer entfernt. Ein echt harter Garten hingegen, wie er seit ein paar Jahren in Großstädten nur noch über Wartelisten zu haben ist, ist Teil einer Kleingartenkolonie. Und während die „Stern“-Kolumnistin sich tagebuchartig durch die Jahreszeiten pflanzt und erntet, nähert Stefan Schwarz sich dem ganzen Laubenpieper, der den Sinn des Daseins zwischen Beet und Kompost sucht.

Was Kleingärtner finden, ist Lebenserfahrung. „Die Ehe und der Kleingarten haben viel gemeinsam. Erstens weiß man vorher nicht, worauf man sich einlässt, zweitens werden beide umso besser, je mehr Arbeit man in sie hineinsteckt“, weiß Schwarz. Was er ausgräbt, ist die „unvergleichliche Mischung aus Privatheit und Offenheit“. Denn kein Kleingarten ohne Kleingartenverein und ohne Gesetze, gegen die sich Bauernregeln wie zaghafte Vorschläge ausnehmen. Nicht ohne Grund wird das Wort Parzelle von der Zelle dominiert.

Gärtnern bringt die Vorlage für alle möglichen Metaphern

Stefan Schwarz, 1965 in Potsdam geboren und seit den 80ern in Leipzig lebend, hat sich als Roman- und Drehbuchautor auf Satire spezialisiert. Und da ihm, wie Leser seiner Kolumnen wissen, nichts Eheliches fremd ist, erwartet nicht zu viel, wer sich vom „Kleinen Gartenversager“ das Vergnügen des Wiedererkennens bis zur Selbsterkenntnis verspricht. Bezugsgröße jeder selbst geernteten Zucchini ist und bleibt der Partner. Bei aller Heiterkeit über das Allegoriepotenzial gärtnerischer Misserfolge etwa beim Kampf gegen den Buchsbaumzünsler oder über das ambivalente Verhältnis zu Nachbarschaftsprofis, die alles schon erlebt und für alles das passende Handwerksgerät haben, keimt in den kurzen Geschichten die Ahnung von grundsätzlicher Vergeblichkeit.

Wenn den Deutschen etwas über den Kopf wächst, muss es weg. Eine Blautanne zum Beispiel hat ab einer bestimmten Höhe im Kleingarten nichts mehr zu suchen außer den Tod. Wie echte Männer damit umgehen, ist hier zu erfahren. Und auch, wie sich holzige Kohlrabis gewinnbringend einsetzen lassen. Oder was die „Jungfer im Grünen“ aus der Familie der Hahnenfußgewächse gefährlich macht. Vermutlich ist der Kleingarten so begehrt, weil er wie nichts anderes das Gleichgewicht von Zwang und Freiwilligkeit, Schutz und Gefahr symbolisiert. Nicht mehr Stadt und noch nicht Land – ein Kompromiss im Garten Eden.

Von Janina Fleischer/RND

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