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Kultur "Ich genieße mehr Respekt als ihre ganze Polizei"
Nachrichten Kultur "Ich genieße mehr Respekt als ihre ganze Polizei"
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18:30 08.10.2012
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Frankfurt

Im Gefängnis sei der Dichter in ihm gestorben, er sei jetzt nur noch Zeuge. „Du kannst mich durchsuchen, du kannst mich bis auf die Haut ausziehen, du kannst meinen Anus untersuchen, das macht alles nichts, ich genieße mehr Selbstrespekt als ihre ganze Polizei zusammen, weil ich dokumentiere, weil ich die schmutzigen und perversen Seelen der Untersuchenden aufdecke.“ Das schreibt Liao Yiwu in seinem heute erscheinenden Buch „Die Kugel und das Opium. Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens“.

Wegen des Gedichts „Massaker“ über das Blutbad am 4. Juni 1989 wurde der chinesische Schriftsteller für vier Jahre eingesperrt und wiederholt misshandelt. Auch nach seiner Entlassung stand er unter ständiger Beobachtung, 2011 gelang ihm die Flucht ins Exil nach Berlin. Am 14. Oktober wird der 54-Jährige in Frankfurt mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Als Zeuge kämpft er in seinen Werken gegen die Verdrängung von Menschenrechtsverletzungen in China an. In dem Roman „Für ein Lied und hundert Lieder“ verarbeitete er seine Hafterfahrungen. In seinem jüngsten Werk lässt er in 15 im Untergrund geführten Interviews Bürger zu Wort kommen, die nach den Tiananmen-Unruhen politischer Verfolgung ausgesetzt waren: Li Qi, der verhaftet wurde, weil er mit Liao Yiwu einen Film drehte, und darunter leidet, dass er trotz all des erfahrenen Unrechts nicht wie sein ehemaliger Kollege als Held verehrt wird. Oder den Künstler Wu Wenjian, der heimlich immer wieder die Panzer vom Platz des Himmlischen Friedens malt. Auch Yang Wei, der als Jugendlicher das fiktive „Chinesische Bündnis für Demokratie“ erfand und seitdem auf der Flucht ist, gehört zu den Interviewten. Im Dialog mit dem Autor werden ganze Lebensgeschichten skizziert.

Wie schon in seinem Interviewband „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten“ gelingt es Liao Yiwu, das offizielle Bild der chinesischen Machtinhaber mit einem Gegenentwurf der Entrechteten und Unterprivilegierten zu konterkarieren. Trotz des sich wiederholenden Musters aus Folter, Ausgrenzung und versuchter Selbstbehauptung erhebt seine Sprachmacht seine Zeugenaussagen zu einem literarischen Werk, das man nur schwer aus der Hand legen kann. Auch, weil es unfassbare Schicksale dokumentiert: von einem Namenlosen, der zwei Jahre lang in der Todeszelle saß, jeden Tag seine Hinrichtung erwartend. Oder von einem ehemaligen Häftling, der von buddhistischen Mönchen mit Hinweis auf seine politische Vergangenheit abgewiesen wurde.

Die Geschichtsschreibung mache die Studenten zu den Helden des 4. Juni, dabei seien die wahren Hauptpersonen die einfachen Bürger von Beijing gewesen, die sich Panzern in den Weg stellten, um Studenten zu schützen, schreibt Liao Yiwu. Sie wurden als „Rowdys“ diffamiert, Zehntausende kamen ins Gefängnis.

Dem Buch hängt eine unvollständige Liste von 202 Todesopfern und 49 Verwundeten an. Der Autor erinnert daran, dass das Unrecht nicht mit dem 4. Juni endete: „Die überlebt haben, werden für immer wie Hunde leben.“ Die nach Jahren aus dem Gefängnis Entlassenen finden keine Arbeit, ihre Familien wollen nichts mehr von ihnen wissen. Sie leiden unter ständigen Hausdurchsuchungen. Viele seien als unpolitische „Grünschnäbel“ eingesperrt worden, die im Fieber des Augenblicks auf die Straße gingen. Sie hatten noch keine Erfahrungen mit Frauen gemacht, würden dies wegen von körperlicher und seelischer Tortur verursachter Impotenz auch nie nachholen.

Im Vorwort erklärt der Autor, was es mit dem im Titel erwähnten Opium auf sich hat: China biete westlichen Handelspartnern unbegrenzte Möglichkeiten an - solange sie nichts von Menschenrechten sagen, nicht an die alte Wunde rühren. Genau dies jedoch tut Liao Yiwu immer wieder. Er habe diese Zeugenaussagen lange mit sich herum getragen, schreibt er. „Ich sollte mich verabschieden von 1989; sollte mich verabschieden von dem großen Massaker vom 4. Juni, das mich so lange in seinen Bann gezogen hat.“ Wie sehr es sein Denken bestimmt, kann man daran ablesen, dass er in einem Selbstinterview noch einmal auf die Schikanen nach seiner Haftentlassung zurück kommt. Vielleicht kann er nach diesem Buch ein Stück weit loslassen. Und dem Dichter Liao Yiwu, der er entgegen seiner Aussage immer geblieben ist, wieder vertrauen.

Liao Yiwu: „Die Kugel und das Opium. Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens“. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. S. Fischer Verlag. 432 Seiten, 24,99 Euro.

Rainer Wagner 08.10.2012
08.10.2012