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Kultur Happy Birthday, Bruce Springsteen: Sieben Gründe, den „Boss“ zu lieben
Nachrichten Kultur Happy Birthday, Bruce Springsteen: Sieben Gründe, den „Boss“ zu lieben
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12:19 23.09.2019
Singt von Cadillacs, Cowboys und Kriegsveteranen: Bruce Springsteen, der vielleicht größte Songwriter Amerikas, wird am 23. September 70 Jahre alt. Quelle: Sony Music

Er kam aus der ärmlichen Provinz, ist zum Rock-Weltstar aufgestiegen – und trotzdem bodenständig-sympathisch geblieben: Am Montag feiert Bruce Springsteen 70. Geburtstag. Sieben Gründe, den „Boss“ zu lieben:

1. In der Länge liegt die Würze

Ein knackiges 75 Minuten währendes Rockkonzert mit einer jungen Sturm-und-Drang-Band ist normalerweise erhebender als ein doppelt so langes, fahriges Gegniedel mit alten, müden Rockhasen. Aber drei (bis vier) Stunden mit Bruce Springsteen und seiner E-Street-Band sind das Allererhebendste, ergeben zudem das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, das bis heute im internationalen Konzertgeschäft zu bekommen ist. Der Mann rockt und rockt und rockt, am liebsten sieben Nächte pro Woche, wird auf der Bühne wieder jung, kennt keine Erschöpfung, ist nie schlecht drauf und lässt sich auch gern von hochgehaltenen Pappschildern seiner Fans zu spontanen Songeinlagen inspirieren. Irgendeine Nummer, die schon seit 35 Jahren nicht mehr im E-Street-Programm war? Egal, die Band wagt’s! Und gewinnt! Jeden Abend ist die Liste der Lieder eine andere, wo andere Künstler Nacht für Nacht und bis zur letzten Zugabe das immer gleiche Programm abfahren, macht’s der Boss mal wieder spannend. Springsteen-Konzerte sind nicht nur „live“, sie sind Leben.

2. Seine Lieder sind ergreifend

Springsteen singt vorzugsweise in der ersten Person, sein „Ich“ macht die Figuren seiner Lieder umso dringlicher. Auch wenn jeder weiß, dass er natürlich nicht der junge Typ aus der Ballade „The River“ war, der zum 19. Geburtstag einen Hochzeitsanzug bekam, weil er seine Mary unten am Fluss geschwängert hat, nimmt man der Stimme Springsteens die ganze Enttäuschung eines Lebens ab, das eigentlich anders gelebt werden wollte. Und natürlich ist er auch nicht der Todeszellenkandidat aus seinem Folkstück „Dead Man Walking“. Aber die tonlos gesungene, fassungslose Erkenntnis, dass der Delinquent am Morgen der Hinrichtung seinen letzten Traum geträumt hat („My dreams are full tonight“), führt einem die Unfasslichkeit der Todesstrafe vor Augen. Springsteen kann sich in alles und jeden hineinversetzen. Und er kann überdies auch sein Publikum hineinversetzen.

3. Er hat so unglaublich schöne B-Seiten

Es gibt keinen miesen Springsteen-Song. Wo bei vielen Künstlern und Bands neben ein paar „Killern“ viele „Füller“ auf den Alben sind, musste man bei Springsteen immer auch noch die exklusiven B-Seiten haben (damals, als es noch Singles und Maxi-Singles gab). Da schlug auf der Rückseite des Hits „Hungry Heart“ 77 Sekunden lang das katapultartige „Held Up Without a Gun“ auf den Hörer ein – punkiger war Springsteen nie. Da flüsterte der „Boss“ auf der B-Seite der Maxi-Single von „I’m on Fire“ erst seine sinnliche Anmache „Shut Out the Light“, um in den folgenden, karg instrumentierten knapp zwei Minuten von „Johnny Bye Bye“ (ein Verweis auf den Chuck-Berry-Titel „Bye Bye Johnny“) an die Beerdigung seines Idols Elvis Presley zu erinnern. Geht endlos weiter: „Janey Don’t You Lose Heart“ (B-Seite von „I’m Going Down“), „Pink Cadillac“ (B-Seite von „Dancing in the Dark“), „Stand on It“ (B-Seite von „Glory Days“). Alles Klassesongs.

4. Er hat was zu sagen

Wenn Springsteen auf dem Live-Triplealbum von 1986 Edwin Starrs „War“ interpretiert, erzählt er vorher eindringlich, warum man in keinen Krieg mehr ziehen darf. „The Rising“ war ein Album, das er schrieb, um seinem Land bei der Bewältigung des Elfter-September-Traumas zu helfen. Auf den Alben „The Ghost of Tom Joad“ und „Wrecking Ball“ sang er von den Bankern, die Amerika abgezockt hatten, und von den Leuten, die erst ihr Häuschen, dann ihr Glück verloren hatten. Und vom Zorn derer, die „die Bastarde glatt abknallen würden“. Kaum ein Song ist so ergreifend wie „Matamoros Banks“ auf dem Album „Devils & Dust“, wo ein toter mexikanischer Immigrant an der Grenze seine traurige Geschichte erzählt. Bruce Springsteen weiß, dass man schreiend davonlaufen möchte, weil man „Born to Run“ ist, aber dass da immer auch eine „Dunkelheit am Ende der Stadt“ ist, die man kaum zu überschreiten wagt. 2019, wo alle auf seine Abrechnung mit dem Unpräsidenten Trump gewartet hatten, schenkte er seinen Fans eine wunderschöne Brise von Album. „Western Skies“, völlig unpolitisch, eine lässige Art von Country, aber ganz gewiss nur die Ruhe vor dem Sturm. Trump gärt in Bruce Springsteen, es werden böse Songs heraufziehen.

5. Er kennt die Geschichte des Rock ’n’ Roll

„Soeben hatte ein Atom die Welt in zwei Teile gespalten“, so beschreibt Bruce Springsteen in seiner Autobiografie „Born to Run“ den Tag, an dem er 1956 Elvis Presley im Fernsehen sah. Und er erinnert sich, dass niemand die Worte „The Beatles“ je so explosiv aussprach wie Ed Sullivan 1964 in seiner nach ihm selbst benannten Show, mit der die „British Invasion“ Amerikas durch Bands aus der Alten Welt losbrach. Von „Don’t be Cruel“ bis „Strawberry Fields Forever“ hat Springsteen zahllose Klassiker der Rock-’n’-Roll-, Blues-, Beat- und Popgeschichte im Fundus. Und obendrein sind darin noch ganz seltene Gemmen wie das wehmütige „When I Leave Berlin“ des britischen Gitarristen Wizz Jones, von dem kaum einer der 58.000 Bossianer, die im August 2012 die E-Street-Band im Olympiastadion feierten, je zuvor gehört hatte, an dessen Entdeckung man sich anderntags aber umgehend machte. Springsteen machte diesen Song zur Ouvertüre eines unvergesslichen Abends in der Hauptstadt. PS: Das wäre noch mal eine Albumveröffentlichung, vielleicht sogar eine ganze Box wert: Die besten Coverversionen – von Buddy Hollys „Oh Boy!“ bis zu John Fogertys „Rocking All Over the World“, von Frankie Fords „Sea Cruise“ bis zu Buffalo Springfields „For What It’s Worth“.

6. Er hat diese einmalige Stimme

Bruce Springsteen hält von seiner Stimme selbst nicht allzu viel: „Zuallererst muss ich wohl sagen, dass sie nicht gerade toll ist. Ich verfüge über die Stimmkraft, den Tonumfang und das Durchhaltevermögen eines Kneipensängers“, schreibt er im Buch „Born to Run“. „Besonders schön oder raffiniert ist mein Gesang nun wirklich nicht.“ Nun, da sind wir ganz anderer Auffassung. Seine Stimme ist mit 70 Jahren kraftvoller und satter denn je, sie kratzt wie rostiger Draht, sie croont soulig und ist bei „The River“ klar und anrührend im Falsett. Und wenn er am Ende von „I’m on Fire“ heult wie ein Wolf ohne Wölfin, dann kriegt man davon drei Zentimeter hohe Ganzkörpergänsehaut. Springsteens Reibeisen reibt an unserer Seele. Kein Scheiß!

7. Er ist der Superstar für ein gepflegtes Feierabendpils mit Freunden

So kommt Bruce Springsteen rüber – ein Vollsympath, der im Konzert seine abgeschrabbte Stratocaster immer wieder wie eine Gefährtin an sich reißt, der ein Stadion kleinkriegt, als wäre es ein intimer Konzertschuppen, und der die Fans feiert, die ihn feiern, der Kinder schultert und schon mal eine Security-Frau zum Tanz bittet. Er scheint bodenständig, bescheiden, geradeaus und zugänglich – allem Ruhm und Reichtum zum Trotz. Und er wird selbst ganz klein, wenn er etwa mit seinen eigenen Helden, den Rolling Stones, auf der Bühne steht und im Duett mit Mick Jagger „Tumbling Dice“ singt. Man stellt sich gern vor, wie prima es wäre, mit diesem Mann in einer Kneipe mal ein Bierchen zu trinken. Da muss man sich allerdings lange anstellen, denn das stellen sich zehn Millionen Menschen vor – mindestens. Und obwohl Bruce in gewisser Weise zu den „Unsterblichen“ zählt, wird seine Leber diese Strecke wohl nicht schaffen. Dass er auch ohne Bierchen auf unserer Seite, der seiner Fans, steht, croont er in seinem neuesten Song vom Soundtrack des Films „Blinded by the Light“: „I’ll stand by you always“ – „ich steh euch bei – allezeit“. Haben wir doch gewusst, Bruce! Und: Happy Birthday to you!

Von Matthias Halbig/RND

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