Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Kultur „Ich glaube immer noch an Kino“
Nachrichten Kultur „Ich glaube immer noch an Kino“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:10 13.07.2013
Von Stefan Stosch
Hans-Joachim Flebbe versucht, einen neuen Kinotyp zu etablieren.
Hans-Joachim Flebbe versucht, einen neuen Kinotyp zu etablieren. Quelle: dpa (Symbolbild)
Anzeige
Hannover

Herr Flebbe, Sie pendeln derzeit viel zwischen Hamburg und Berlin. In der Hauptstadt stemmen Sie den Umbau des Berliner Zoo Palasts. Wie läuft’s?

Der Umbau ist eine Herausforderung: Der Zoo Palast ist das wohl bekannteste deutsche Kino, und wir müssen Tradition und moderne Technik verbinden. Noch dazu steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Aber wir freuen uns schon auf die Eröffnung im Oktober.

Wie viel kostet der Spaß?

Rund 5,5 Millionen Euro. Neben dem Sony-Center am Potsdamer Platz wird der Zoo Palast das Berliner Premierenkino sein. 2014 wird auch die Berlinale wieder Filme an diesem traditionsreichen Ort präsentieren.

Wird sich der Zoo Palast von beliebigen Multiplex-Kinos unterscheiden?

Wir versuchen, einen neuen Kinotyp zu etablieren. Der Zoopalast ist per Definition eigentlich ein Multiplex-Kino mit sieben Sälen und 1680 Plätzen. Wir werden aber viele Elemente aus unseren Astor-Premium-Kinos integrieren, wie ich sie schon in Köln, Frankfurt, München und am Ku’damm in Berlin betreibe.

Das heißt?

In Berlin zum Beispiel gibt es einen Valet-Parking-Service - wir kümmern uns also um Ihr Auto während der Vorstellung. Kinogäste erhalten Begrüßungscocktails, auch die Garderobe ist kostenlos, man hat großzügige Beinfreiheit in Ledersesseln, und auf Wunsch können Sie sich vor dem Hauptfilm Getränke und Snacks servieren lassen. Einige dieser Annehmlichkeiten werden Sie auch im Zoo Palast wiederfinden.

Klingt nach Kino-Paradies: Auf welches Publikum zielen Sie ab?

Unser Publikum ist im Durchschnitt älter als das der Multiplex-Kinos. Ich würde sagen, von 30 Jahren aufwärts. Diese Besuchergruppe ist bereit, für einen entspannten Kinobesuch auch mehr Eintritt zu bezahlen - im Moment so um die 15 Euro. In den Multiplex-Kinos dagegen steht die Reduzierung der Kosten im Mittelpunkt, für uns ist es der Service am Kunden. Wir wollen keine seelenlosen Kassenautomaten, sondern Mitarbeiter, die Sie mit Taschenlampen bis zu Ihrem Kinosessel begleiten.

Moment, was Sie da beschreiben, haben Sie selber verursacht. Sie sind doch der Hauptschuldige: Als Cinemaxx-Chef haben Sie die Multiplex-Kinos nach Deutschland gebracht.

Das ist richtig! Aber Sie dürfen nicht vergessen: Damals regierten die Schachtelkinos, die die Besucher eher vom Kinobesuch abhielten. Die Privatsender zeigten immer mehr Spielfilme im Fernsehen. Da musste sich das Kino auf seine Vorteile besinnen. Ich werde nie die ersten Vorstellungen im neuen Cinemaxx-Kino in der Nikolaistraße in Hannover vergessen: Da brandete Applaus schon auf, wenn der Vorhang sich öffnete. Eine derartig große Leinwand war für die Zuschauer etwas Neues. Nur mit moderner Bild- und Tontechnik konnten wir die Besucher wieder ins Kino locken.

Sie bereuen kein bisschen, was Sie angerichtet haben?

Nein, überhaupt nicht! Das Kino war wieder in. Trotzdem wurden in den neunziger Jahren viele ehemalige Filmpaläste geschlossen, vor allem in den Innenstädten, weil die Mieten nicht mehr zu bezahlen waren. Viele Kinos wurden zweckentfremdet oder abgerissen. Auf meiner Suche nach neuen Standorten für die Astor-Kinos habe ich jetzt Gewerbehöfe, alte Gaststätten und sogar eine entweihte Kirche in Erwägung gezogen.

Und wie kommt es, dass in der Nikolaistraße bald gar keine Filme mehr laufen? Sie haben das Gebäude gekauft, nun schließt das Cinemaxx Ende des Monats.

Wir waren davon ausgegangen, dass Cinemaxx das Kino weiterbetreibt, allerdings zu einer festen Miete und nicht zu einer Umsatzmiete, die bisher bezahlt wird. Den Umsatzmietvertrag hatte ich übrigens als Cinemaxx-Vorstand selbst mit dem Vorbesitzer der Immobilie ausgehandelt. An der Cinemaxx-Reaktion sehen Sie, dass das Potenzial für Multiplexkinos in Hannover endlich ist. Man hätte nie zwei Großkinos in unmittelbarer Nähe genehmigen dürfen.

Was passiert nun in der Nikolaistraße?

Es sind Projektentwickler beauftragt. Ich kann nur so viel sagen: Ein Kino wird es nicht bleiben. Wir führen aussichtsreiche Gespräche.

Wie groß ist der Markt für Edelkinos?

Ich kann keine Obergrenze entdecken. Überall dort, wo wir eine Astor Film Lounge eröffnet haben, entwickeln sich die Besucherzahlen extrem gut. Wir erreichen Zuschauer, die schon lange nicht mehr ins Kino gegangen sind, weil sie die Umstände in Multiplex-Kinos ablehnen.

Jetzt schimpfen Sie ja schon wieder auf Multiplex-Kinos!

Ich habe nichts gegen diese Kinos! Für Zuschauer zwischen 15 und 25 sind sie genau richtig - fragen Sie meine Kinder.

Unterscheidet sich das Astor-Programm von dem eines Multiplex-Kinos?

Wir spielen gehobenen Mainstream, „Twilight“ und „Fast and Furious“ erwarten die Besucher nicht bei uns. Aber wir hatten „Skyfall“ und Tarantinos „Django Unchained“ im Programm.

Warum soll man überhaupt noch ins Kino gehen? So viele andere Bildquellen sind überall und ständig verfügbar.

Diese Behauptung höre ich, seit ich Kino mache. Anfangs galt Video als Gefahr, dann die DVD, jetzt das Internet. Und es stimmt ja auch: Darin steckt eine Bedrohung. Legal oder illegal lassen sich fast alle Filme herunterladen. Und doch ist das Gemeinschaftserlebnis im Kino nicht zu kopieren. Im Übrigen ist der Kinobesuch immer noch günstiger als andere Freizeitvergnügungen. Ich glaube immer noch an den Reiz des Kinos.

Steven Spielberg und George Lucas haben vor einer „Implosion der Filmindustrie“ gewarnt: Bald werde sich nur noch eine Elite Kino leisten können, die 100 Dollar fürs Ticket bezahlen ...

Die beiden wollten sicher provozieren. Aber ich finde es schade, dass gerade die Regisseure das Ende des Kinos heraufbeschwören, die es groß gemacht haben. Das hat mich enttäuscht. Auch Steven Soderbergh mutmaßt immer wieder mal, dass das Internet ein genauso guter Abspielplatz sei. Das glaube ich nicht: Das Kino gehört für mich in der Auswertungskette immer noch zu den wichtigsten Stationen - und sei es als Marketing-Instrument.

Wird das Filmangebot schlechter?

Das sicherlich nicht. Aber es wird für Filme, die nicht mit einem großzügigem Marketingbudget ausgestattet sind, schwieriger, aufzufallen. Um so erfreulicher, wenn sich ein Film wie „Ziemlich beste Freunde“ nur durch Mundpropaganda so erfolgreich entwickelt.

Anfang der Siebziger haben Sie als BWL-Student im Apollo-Kino in Hannover das Programm gestaltet: War das im Rückblick womöglich Ihre unbeschwerteste Zeit als Kinomacher?

Jede Zeit war toll! Mir macht Kino immer noch einen Riesenspaß, zurzeit sogar noch mehr als früher. Ich bin keinem Gesellschafter oder Aktionär rechenschaftspflichtig. Am Anfang meiner Kinokarriere war der Druck schon sehr groß, weil ich ohne große finanziellen Rücklagen immer neue Kinos eröffnet habe. Da musste ich in den Sommermonaten häufiger meinen Bankdirektor beruhigen, wenn die Leute lieber in den Biergarten gingen. Heute ist zum Glück alles etwas entspannter.

Interview: Stefan Stosch

13.07.2013
Kultur Geschichte des Verrats - Streng öffentlich!
Kristian Teetz 15.07.2013
Kultur Newcomer Jack O'Connell - Angelina Jolie dreht Kriegsdrama
12.07.2013