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Kultur HBK-Präsident Amelunxen über seine Hochschule
Nachrichten Kultur HBK-Präsident Amelunxen über seine Hochschule
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22:43 17.04.2011
Hubertus von Amelunxen im Interview.
Hubertus von Amelunxen im Interview. Quelle: Martin Salzer
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Sie sind seit Oktober 2010 Präsident der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Wie steht es um die Künstlerausbildung in Niedersachsen?
Die freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig ist in ihrer Vielfalt eindeutig die spannendste, die es in Deutschland gibt. Es gibt derzeit keine andere Hochschule mit so vielen Kunstklassen, nämlich 22. Unsere Kunstwissenschaft ist mit bald acht Professuren weitaus größer als die Göttinger Kunstwissenschaft oder selbst jene der Humboldt-Universität. Wir haben mit Hannes Böhringer eine eigene Professur für Philosophie und Ästhetik. Es gibt nur noch eine einzige andere Hochschule mit einer solchen Professur, nämlich die Akademie in Düsseldorf. Diese Stärken sind zu wenig bekannt. Das Land kann stolz auf die HBK sein.

Könnte sich ein so großes Land wie Niedersachsen eigentlich mehr als eine Kunsthochschule leisten?
Das Land hat den Bereich bildende Kunst an der Fachhochschule Hannover vor drei Jahren bewusst zugunsten der HBK aufgegeben. Zwei Professoren, der Klangkünstler Ulrich Eller und der Kommunikationsdesigner und Fotokünstler Gosbert Adler, sind damals von Hannover an die HBK gewechselt. Mir leuchtet die Schließung des Fachbereichs in Hannover ein. Die Alternative wäre gewesen, eine zweite Akademie aufzubauen. Das wäre aber weder ökonomisch noch infrastrukturell besonders sinnvoll gewesen, Braunschweig ist von Hannover ja nur eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt.

Kulturministerin Johanna Wanka wünscht eine engere Zusammenarbeit mit der hannoverschen Musikhoch­schule. Wie könnte diese aussehen?
Ich bin mit der Hochschulpräsidentin Susanne Rode-Breymann in engem Austausch. Die Struktur der Kooperation mit der Musikhochschule in Hannover ist in der Entwicklungsphase. In Hannover wird die Professur für Neue Musik gerade neu besetzt. Hier, im Feld der Klangkunst und bei der Lehramtsausbildung, gibt es Schnittstellen. In Braunschweig bauen wir den Musikbereich gerade weiter aus und schreiben eine musikwissenschaftliche Professur aus.

Moderne Künstler sind frei, der Volksmund sagt auch: frei von Können. Was vermitteln Sie eigentlich jungen Künstleranwärtern?
Kunst ist eine große Entscheidung. Jeder Künstler, der hierher kommt, hat schon eine erste, sehr riskante Entscheidung gefällt. Um mit Kunst arbeiten zu können, müssen sie bestimmend wirken. Sie müssen exzellent sein, sonst gehen sie unter. Die Ansprüche sind extrem hoch, sie müssen es sein. Deswegen treffen wir eine klare Vorauswahl aus den Bewerbern. Studierende lernen bei uns, dieser Welt etwas Künstlerisches entgegenzustellen, und seien es Fragen. Diese Fragen müssen mit einer Bestimmtheit gestellt werden, mit einem in der Ausbildung gewachsenen Charakter und verbunden mit den jeweils gefragten künstlerischen Fähigkeiten. Die künstlerischen Fähigkeiten sind das Wichtigste überhaupt. Darüber hinaus lernen Studierende, ob in der Kunst, der Wissenschaft oder im Design, mit Verantwortung in dieser Gesellschaft zu arbeiten, zu leben und auch Entscheidungen zu fällen.

Den Erfolg der Künstlerausbildung in Leipzig schreiben manche dem Umstand zu, dass Studierende dort in der Regel eine demütigere Haltung haben. Es werden Maler ausgebildet, nicht Ego-Genies.
Die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig war insgesamt eine sehr gute Hochschule – und ist es auch noch in der Buchkunst. Es gab aber große Fehlentscheidungen und Fehlbesetzungen. Große Malerei haben wir auch in Braunschweig, ebenso Bildhauerei. Die Bildhauerateliers haben wir gerade ausgebaut. Es gibt auch Videokunst – die Filmklasse der HBK ist weltbekannt. Und Fotografie. Die Hochschule hat sich für Vielfalt und gegen eine Priorisierung von Medien ausgesprochen – und das hat sich als großer Bonus erwiesen.

Wie bereiten Sie Ihre Studenten auf den Berufsalltag vor?
Zunächst wollen wir einen Freiraum bieten. Ich erachte es als völlig falsch, wenn beispielsweise im Rahmen von Bachelor-Studiengängen Studierende schon im dritten oder vierten Semester in die Ökonomisierung gedrängt werden. Wie sollen die Menschen da frei denken lernen? Erst in dieser Freiheit der Entscheidung lernen sie, Verantwortung wahrzunehmen. Sie kommen gerade aus der Schule. Sie wollen die Welt neu gestalten, sie wollen sich doch nicht anschmiegen an dasjenige, was schon da ist. Selbstverständlich aber müssen sie lernen, sich und ihre Arbeiten zu verkaufen. Sie müssen diesen Weg aber im aufrechten Gang und nicht in marktgebückter Haltung gehen.

Sie selbst sind mehr Theoretiker als Praktiker. Welche Theorien haben Sie beeinflusst?
Theorie spielt für mich eine große Rolle, ob es nun Gesellschaftstheorie, Kunsttheorie, Philosophie oder ökonomische Theorie ist. Ich habe in Paris bei Jacques Derrida studiert und von ihm viel gelernt. Ich bin mit Paul Virilio seit 20 Jahren eng befreundet, und ein Giorgio Agamben schreibt das Vorwort zu meiner neuen Publikation in diesem Jahr in der von mir herausgegebenen Reihe „University of Disaster Series“. Wenn ich von einer eigenen Theorie sprechen darf, so lebe ich sie in der Umsetzung für die Praxis, also den gesellschaftlichen Möglichkeiten. Wir sollten uns den verschiedenen Interpretationen dieser Welt öffnen, sie übersetzen, um die Welt zu verändern.

Gibt es irgendwelche Lieblingsprojekte?
Eines in der Ferne liegt mir besonders am Herzen. Es steht im Rahmen der Internationalisierung unserer Hochschule und startet voraussichtlich im nächsten Jahr. Es geht um ein Projekt im Amazonasgebiet. Dort besteht seit Längerem eine Künstlerresidenz. Künstler aus aller Welt arbeiten mit den dortigen Indianern zusammen. Den Indianerkindern, die auf beiden Seiten des Stroms leben, fehlt eine Schule. Unser Plan besteht darin, ein Schiff mit mehreren Decks einzusetzen. Es holt die Kinder ab und dient zugleich als Schule und als Künstlerwerkstatt.

Klingt nach Werner Herzogs Film „Fitzcarraldo“.
Es hat mit Fitzcarraldo zu tun, nur heben wir kein Schiff über den Berg, wir bauen es. Wir müssen über das Bestehende hinweg gehen können. Für die Finanzierung haben wir einen Schweizer Reeder gewonnen, und auch ein großer Verleger ist im Boot. Vor Ort wird uns eine große Bank helfen. Zudem setzen wir künftig mit Professor Jonas im Design einen Schwerpunkt auf systemisches Design im Bereich des Schiffsbaus.

Ist das nicht eigentlich schon für sich genommen ein Kunstprojekt?
Ja natürlich. Ebenso wie die Produktion und Rezeption von Kunst ein eminent gesellschaftliches Projekt ist, und nicht nur ein Projekt: eine Notwendigkeit für das Leben. Ich möchte, dass unsere Absolventen einen aktiven Platz als Künstler, Wissenschaftler oder Gestalter in dieser Welt einnehmen. Zugleich sollten sie eine gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen, beispielsweise in sozialen Projekten mitarbeiten. Dieser Bereich war an der HBK in der Vergangenheit insbesondere durch Christoph Schlingensief vertreten. Wir werden uns auch für sein „Operndorf“ in Burkina Faso engagieren. Wir werden im September die Werke, die er in Braunschweig machte, und die Arbeiten seiner Studenten zugunsten des Projekts in Afrika versteigern.

Interview: Johanna Di Blasi

Stefan Stosch 15.04.2011
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