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21:16 16.07.2009
Von Martina Sulner
Blätter, die die Welt bedeuten: Die Möglichkeiten des Buches sind auch in Zeiten des Internets schier grenzenlos.
Blätter, die die Welt bedeuten: Die Möglichkeiten des Buches sind auch in Zeiten des Internets schier grenzenlos. Quelle: Martin Steiner
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Die Leser können sich freuen. In den nächsten Monaten kommen verheißungsvolle Neuerscheinungen von beliebten Autoren auf den Markt: Romane von Nick Hornby, Frank Schätzing und Siegfried Lenz, von Margaret Atwood und Sibylle Berg. Außerdem erscheinen zahlreiche vielversprechende Sachbücher zum 20. Jahrestag des Mauerfalls – Erinnerungen, Analysen, Anthologien. Auch die Buchbranche kann sich freuen. Ihr ist gelungen, wovon andere Wirtschaftszweige kaum zu träumen wagten: ein Umsatzplus in Krisenzeiten. Im Jahr 2008 hat der deutsche Buchmarkt einen Gesamtumsatz von 9,61 Milliarden Euro erzielt; das ist ein Plus von 0,4 Prozent im Vergleich zum Jahr 2007. Wenn man bedenkt, in welche Turbulenzen die Weltwirtschaft seit dem vergangenem September geraten ist, welche Wirtschaftszweige zusammengebrochen sind oder ohne staatliche Zuwendung kaum mehr existieren könnten, ist dieses winzige Plus besonders erfreulich.

Zumal sich der Trend fortsetzt: Die Verkaufszahlen im Juni, so berichtete gerade der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, seien ein „Sommerhoch“. Zur Ferienzeit haben sich viele Deutsche mit Hörbüchern, Belletristik und Kinderbüchern eingedeckt. Insgesamt liegt der Umsatz im ersten Halbjahr 2009 um 2,2 Prozent höher als in den ersten Monaten 2008. Ein deutsches Buchwunder?

Zumindest die Treue der Deutschen zum Buch – so einflussreich Fernsehen, Internet und Computerspiele auch sind – trägt wunderbare Züge. Die Buchbranche sei stabil, weil sie „ein wichtiger Bestandteil von Bildung und Kultur in der Gesellschaft“ sei, sagt Börsenvereins-Sprecherin Christiane Paul. Gerade in krisenhaften Zeiten besinnen sich viele Menschen (wieder) darauf, was Bücher können: Sie unterhalten und spenden Trost; sie ermöglichen zumal konservativer eingestellten Lesern die Rückversicherung, dass nicht nur Dax und Dow Jones, sondern auch Thomas Mann und Theodor Fontane zählen – und sie können die immer komplizierter erscheinende Welt erklären. Der Buchmarkt bietet für jeden Geschmack etwas: eher simpel gestrickte Ratgeber, Analysen von wahren und vermeintlichen Wirtschaftsweisen und Romane, die mit erzählerischen Mitteln unsere Gegenwart beschreiben.

Die Menschen trauen dem alten Medium Buch einiges zu. Viele Leser „suchen einen kulturellen Anker in der Literatur“, sagt auch Christina Knecht, Sprecherin des Münchener Hanser Verlags. Das erkenne man nicht nur an den Verkaufszahlen, sondern auch daran, wie intensiv und ernsthaft sich Leser mit Literatur auseinandersetzen, zum Beispiel in den zahlreichen Internetblogs. So weit, so wunderbar. Doch hat der Erfolg auch damit zu tun, dass der Buchmarkt sich insgesamt eher gleichförmig entwickelt: In den vergangenen Jahren gab es weder Umsatzausschläge nach oben noch nach unten. Und: Das Buch ist ein relativ günstiger Konsumartikel; im Verhältnis zum Einkommen sind die Preise in den vergangenen Jahren sogar gesunken. Wer im Moment nicht das Geld für eine lange Urlaubsreise hat, der kann sich ein Buch meist noch leisten.

Insgesamt blickt die Branche recht gelassen in die Zukunft, dennoch hat der Buchmarkt mit strukturellen Problemen zu kämpfen. Die treffen vor allem den Handel. Nahezu elf Prozent aller Bücher wurden 2008 übers Internet abgesetzt, das ist eine gewaltige Steigerung von 20 Prozent – und ein Riesenproblem für die Buchhändler. Die Verlage spüren denn auch „die Nervosität des Handels“ (Christina Knecht).

Unruhig ist derzeit vor allem Hugendubel. Das Münchener Unternehmen ist mit den Filialen von Habel, Wohltat, Jokers, Weltbild und Weiland in der DBH-Handelsgruppe organisiert. Besonders Hugendubel und Habel mussten – auch durch das Internet – Einbußen hinnehmen und kündigen ein umfangreiches „Restrukturierungsprogramm“ an. Man will sich in den 55 Filialen mehr auf Unterhaltungsliteratur und Non-Books (also Adressbücher, Briefpapier usw.) konzentrieren – und mehrere Hundert Mitarbeiter entlassen. Betroffen davon sind in Hannover die Filialen von Schmorl & von Seefeld, die zu Hugendubel gehören (siehe Beitext).

Ein weiteres Problem ist: Der gute Umsatz verdankt sich ein paar wenigen Titeln. Vor ein paar Jahren haben die Harry-Potter-Bände das Geschäft angekurbelt, derzeit machen das Ausnahmetitel wie die Vampirromane von Stephenie Meyer, die Sachbücher von Eckart von Hirschhausen („Glück kommt selten allein“) und Richard David Precht („Wer bin ich ...“). Nur mit einem winzigen Teil der Veröffentlichungen lässt sich gutes Geld machen. „Die Branche konzentriert sich immer mehr auf wenige Spitzen­titel“, sagt Christian Schumacher-­Gebler, kaufmännischer Geschäftsführer der Ullstein Buchverlage.

Zahlreiche Verlage bringen deshalb verstärkt Marketingkraft und -geld für ein, maximal zwei Neuerscheinungen auf. Langfristig, prognostizieren Christina Knecht vom Hanser Verlag und Schumacher-Gebler von Ullstein, werden Verlage die Zahl ihrer Neuerscheinungen reduzieren. Ganz sachte hat diese Entwicklung schon begonnen, denn die Gesamtzahl an Neuerscheinungen 2008 ist um 2,3 Prozent zurückgegangen – auf 94.300 Titel.

Beim Verkauf dieser Bücher erweisen sich gerade die kleineren und mittleren Buchhandlungen als „Unterstützer der Verlage“ (Börsenverein). Kein Wunder, meint Dirk Eberitzsch von der hannoverschen Buchhandlung Leuenhagen & Paris selbstbewusst. Sein Geschäft biete Service, Beratung und Qualität. Die Stadtteilbuchhandlungen mit ihrer Stammkundschaft stehen im Moment besser da als vor ein paar Jahren.