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Kultur Wo ist das böse Tier?
Nachrichten Kultur Wo ist das böse Tier?
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00:21 02.06.2014
Jetzt mal offline: die Guano Apes.Foto: Weber
Jetzt mal offline: die Guano Apes. Quelle: Weber
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Göttingen

Die Göttinger Guano Apes haben als ziemliche Knochenbrechertruppe begonnen. Vor 20 Jahren war das - „Local Heroes“-Bandwettbewerb gewonnen, mit dem Preisgeld im hannoverschen Horus-Studio von Eloy-Kopf Frank Bornemann das Debütalbum aufgenommen, alles richtig gemacht. Jeden Akkord legten sie damals übers Knie, die drei Herren und Sängerin Sandra Nasic mit ihrer gewaltigen, wütenden Stimme. So viel Radau war man aus Göttingen sonst nicht gewohnt.

Leider hat Nasic nun das Singen gelernt. Oder tut gekonnt, als würde sie es jetzt beherrschen. Auf dem neuen, fünften Studioalbum „Offline“ herrscht eine Form des moderaten, überlegten Tons und eine Formenvielfalt, die überrascht. Aber auch irritiert, weil sie beliebig wirkt. Denn wohin soll das führen, wenn man die Wucht zu Hause lässt, das maßlose Herumgebrülle, und nun so tut, als liege einem das Balladenzeug wirklich am Herzen? Es führt ins Privatradio. Das war schon oft der Ort, an dem man die Wut verlor - mit der die Guano Apes nun einmal groß geworden sind.

Das Eröffnungsstück „Like Somebody“ zuckt immerhin ein wenig, die Nervosität von „Open Your Eyes“, einem der ersten, großen Hits von eben jenem Debütalbum „Proud Like A God“, ist zu erahnen. Doch sie wird geglättet von einer Idee, die man Altersmilde, künstlerische Neuausrichtung oder Langeweile nennen kann.

Hier wie dort: Blutarmut

„Close To The Sun“, als erste Single ausgekoppelt, wird getragen von einem Ambientgetucker, einem müden Zitat aus der Elektroszene, das man schon eine Weile von Frida Gold hört, die dort aber seit dem zweiten Album ausgestiegen ist. Hier wie dort: Blutarmut.

Mit „Close To The Sun“ haben die Guano Apes ihren Arbeitsplatz nun endgültig vom Baggersee ins Nachmittagsprogramm der Stadtfeste verlegt. Das ist kein Frevel, doch die Frage, wo das böse Tier in der Musik und generell das Temperament geblieben sind, bleibt unbeantwortet. Vor allem wird nicht deutlich, warum die Band sich vor drei Jahren, nach der Trennung 2006, wieder zusammenfand. Schon „Bel Air“, das Comebackalbum von 2011, hatte die Zügel angezogen.

Es ist nicht leicht für die Guano Apes, mit einer stets umweglosen Musik als Band zu reifen und zu altern - weil es kaum Facetten gibt in dieser Gattung, die man Alternative-Rock oder Postpunk nennen kann, Crossover oder auch Nu Metal. Auch die Berliner Beatsteaks hadern mit den Grenzen ihres Genres, das sehr verwandt ist mit den Wurzeln der Guano Apes. Die Beatsteaks packen aber keine Computer auf die Platten. Die Beatsteaks kennen ihre Grenzen, auch ihre Kompetenzen. Die Guano Apes überschreiten sie und tun so, als sei das ein Schritt nach vorne. Dabei verlieren sie jetzt stetig Luft aus ihrem Schlauchboot, mit dem sie einst die große Welle auf dem Baggersee geritten haben.

von Lars Grote

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